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Migranten als Gründer

Die ethnische Nische verlassen

Wenn sich Migranten selbstständig machen, geht es längst nicht mehr nur um Dönerstände, Pizzerien oder asiatische Supermärkte. Zum Bild gehören auch die russische Ärztin, das türkische Ingenieurbüro oder der griechische IT-Unternehmer.

Wie und mit welcher Motivation machen sich Zugewanderte in Deutschland selbstständig? Erklärungsansätze dafür sucht die Migranten- bzw. ethnische Ökonomie. In Nürnberg beschäftigt sich der Ausbildungsring Ausländischer Unternehmer e.V. (AAU e.V.) mit diesem Thema. Der AAU ist auch Initiator des Projektes "Xenex", das Beratungsangebote speziell für zugewanderte Unternehmer umfasst.

Genaue Daten zur Migrantenökonomie sind in Deutschland fast nicht vorhanden oder sie weichen stark voneinander ab, so AAU-Geschäftsleiter Rainer Aliochin. Diese Abweichungen haben ihre Ursache in einer unterschiedlichen Erfassung der Zugewanderten. Das Statistische Bundesamt beziffert die Zahl der Unternehmer mit Migrationshintergrund für das Jahr 2005 auf über 580 000 Personen. Die selbstständigen Migranten verteilen sich dabei auf alle in Deutschland lebenden ethnischen Gruppen.

Zugewanderte Unternehmer sind mittlerweile in alle Branchen vorgedrungen. Einige Branchenschwerpunkte sind jedoch hervorzuheben: Selbstständige aus den ehemaligen Anwerbestaaten und ihre Nachfahren sind überproportional im Bereich Gastgewerbe vorzufinden; in dieser Branche sind ebenfalls die Unternehmer aus den sonstigen Ländern (Südostasien) stark vertreten. Im Baugewerbe ist der Anteil der Selbstständigen aus Osteuropa und den GUS-Staaten bereits etwas höher als der der deutschen Unternehmen.

Viele Unternehmer haben inzwischen ihre ethnische Nische verlassen. So geben z.B. rund 40 Prozent der griechischen Unternehmer an, dass bei ihnen überhaupt keine Kundschaft aus dem eigenen Herkunftsland mehr verkehrt. Nur noch drei Prozent von ihnen erklären, dass noch mehr als die Hälfte ihrer Kunden griechischer Herkunft ist. Ähnlich verhält es sich mit der Kundenstruktur der italienischen Betriebe, so Dr. René Licht vom Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim. Die Migrantenökonomie hat damit nicht nur eine wichtige wirtschaftliche Bedeutung, sondern auch eine gesellschaftliche Funktion.

Die Erklärungsansätze in der Forschung für das Entstehen von Betrieben, die von Migranten gegründet werden, sind vielfältig: Das Nischenmodell begründet die Entstehung von Migrantenökonomie vor allem mit den Bedürfnissen der eigenen ethnischen Bevölkerungsgruppe (z.B. Reisebüro für "Gastarbeiterflüge", russischer Supermarkt). Zu diesen Betrieben gesellten sich schnell andere Dienstleistungsunternehmen (z.B. Werbeagenturen, Banken und Versicherungen), die vor allem als Geschäftspartner der bereits bestehenden "ausländischen" Unternehmen auftreten. Das Kulturmodell bezieht sich vorrangig auf kulturelle Einflüsse wie Herkunftsmilieu und Wirtschaftsordnung der Herkunftsländer. In der Tat erscheint die Kultur der Selbstständigkeit in einigen Ländern stärker ausgeprägt zu sein als in Deutschland. Aber auch dieses Modell vermag die Selbstständigkeit der zweiten und dritten Generation nicht zu erklären. Einen anderen Erklärungsansatz hat das Reaktionsmodell, wonach sich Migranten aufgrund ihrer Lebenslage in Deutschland selbstständig machen. Das heißt, dass die häufig schlechteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt dazu führen, die Selbstständigkeit als einzige Erwerbsmöglichkeit zu sehen.

In der Praxis, so die Erfahrung Aliochins, überschneiden sich die einzelnen Modelle und Erklärungsansätze stark. Das zeigen auch die Beratungsgespräche des AAU in Nürnberg: "Wir haben noch in der dritten Generation Existenzgründungen nach dem Nischenmodell oder oft auch Gründungen, bei denen Motive aus allen drei Modellen zusammenkommen."

Beratungsangebote
Existenzgründer mit Migrationshintergrund berät der Ausbildungsring Ausländischer Unternehmer e.V. umfassend: Er unterstützt bei der Entwicklung der Geschäftsidee, bei der Ausarbeitung des Unternehmenskonzeptes und bei organisatorischen und rechtlichen Fragen der Gründung. Auch die IHK Nürnberg für Mittelfranken ist eine wichtige Anlaufstelle für zugewanderte Unternehmensgründer.

Externer Kontakt: AAU e.V., Rainer Aliochin, Kleestr. 21-23, 90461 Nürnberg, Tel. 0911/239866-80, Fax -91, www.aauev.de
 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 08|2009, Seite 24

 
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