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Versorgungssicherheit

Nach der Energiewende kommt die Rohstoffwende

Die Sicherung der Energie- und der Rohstoffversorgung ist ein zentrales Thema für die deutsche Wirtschaft. Daher hat die IHK-Organisation „Energie und Rohstoffe für morgen“ zu ihrem Jahresthema 2012 gemacht. Von Dr. Robert Schmidt

Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) betrachten Unternehmer steigende Energie- und Rohstoffpreise mittlerweile als „das Top-Risiko für den Wirtschaftsstandort Deutschland“ – noch vor den Lohnkosten. Mehr als die Hälfte der Unternehmen sorgt sich um Stromunterbrechungen, die gravierende Konsequenzen bis hin zur Lahmlegung ganzer Produktionsprozesse nach sich ziehen können. Mittelfranken gehört zu den Stromimportregionen in Deutschland.

Energiewende: Nach den Beschlüssen zur Energiewende müssen nun zügig die Weichen dafür gestellt werden, dass Strom hierzulande auch in Zukunft zu wettbewerbsfähigen Preisen, in ausreichender Sicherheit und in hoher ökologischer Qualität zur Verfügung steht – Forderungen, die die IHK-Ausschüsse in Resolutionen gegossen haben. Die deutsche Politik hat mit den Beschlüssen zur Energiewende einen grundlegenden Umbau der Energieversorgung eingeleitet. Milliardeninvestitionen in neue Netze, Speicher und Kraftwerke sind dafür erforderlich. Nur wenn diese getätigt werden, können erneuerbare Energien die Versorgung von Industrie, Gewerbe und privaten Haushalten übernehmen.

Energieeinsparung und höhere Energieeffizienz: Weltweit sind rund 500 Kernkraftwerke in Betrieb und in Planung. Von den 17 Anlagen in Deutschland sind acht stillgelegt, die restlichen neun werden bis 2022 abgeschaltet. Diese Anlagen lieferten fast zwei Drittel des bayerischen Stroms. Der zunehmenden Dezentralisierung der Versorgung muss eine maßgeschneiderte Anpassung der Leitungsinfrastruktur folgen. Verwöhnt ist unsere Region durch die hohe Stromversorgungssicherheit. 14 Minuten betrug der Ausfall im letzten Jahr, ein Spitzenwert im internationalen Vergleich (Frankreich lag bei über einer Stunde). Damit dies auch nach der Energiewende so bleibt, müssen wir Energie einsparen und die Energieeffizienz erhöhen. Relevante Bereiche finden sich in den Betrieben zahlreich: Ob Druckluftnutzung, Wärmerückgewinnung, Beleuchtung, elektrische Antriebe in Form von Motoren, Lüftern oder Pumpen, ob Heizungs-, Lüftungs-, Klima-oder Kältetechnik – die Potenziale für Effizienzsteigerungen in Unternehmen sind enorm, nicht selten liegen diese bei 30 Prozent. Ein Beispiel: Seit 1999 bietet die IHK ein Praxistraining für Energiemanager (IHK) an. Dieses Produkt wird nach Nürnberger Standard mittlerweile in über 20 Nationen angeboten. Über 3 000 Energieexperten wurden nach diesem Modell qualifiziert und drehen heute an der Effizienzschraube in ihren Betrieben.

Versorgung mit Rohstoffen gewährleisten: Energiewende und Klimawandel haben bislang die umweltpolitische Diskussion dominiert. Nun rücken Schlagzeilen wie „Deutschland gehen die High-Tech-Metalle aus“ oder „Black-outs häufen sich“ in den Blickpunkt. Wie es aussieht, ist nicht nur eine Energiewende, sondern auch eine Rohstoffwende erforderlich. Innerhalb nur eines Jahres hat sich der Anteil der Unternehmen, die ihre Versorgung als kritisch einschätzen, auf 50 Prozent verdoppelt. Gründe dafür sind die steigende Nachfrage und die zugleich wachsende Abhängigkeit von einzelnen Exportländern. Die explodierenden Rohstoffkosten treiben auch den mittelfränkischen Unternehmen Sorgenfalten auf die Stirn. Staaten schrecken im Rennen um seltene Erden nicht vor Embargos zurück.

Seltene Erden: Der Bedarf an mineralischen und metallischen Rohstoffen ist im Laufe der Industrialisierung massiv gestiegen, zudem hat die Anzahl der technisch genutzten chemischen Elemente enorm zugenommen. Die moderne Industriegesellschaft benötigt heute rund 90 Elemente und damit über 80 Prozent der Elemente des Periodensystems. Seltene Erden wie Neodym, Cer oder Scandium waren bislang bestenfalls Fachleuten ein Begriff, mittlerweile wird darüber in den Tageszeitungen berichtet. Moderne Kommunikationstechnik (Smart Phones, PCs), Beleuchtungstechnik, Fahrzeugtechnik, Elektromobilität, Windkraft wie Photovoltaik sind ohne diese Elemente nicht mehr denkbar. Während bei den klassischen Metallen weltweit bereits Recycling-Raten über 50 Prozent erzielt werden, liegen diese bei den Seltenen Erden noch weitgehend unter einem Prozent. Die Botschaft: Für die High-Tech-Metropolregion geht es um viel, denn ohne High-Tech-Materialien geht wenig!

Recycling und Ressourceneffizienz steigern: Zwar müssen für einige dieser „neuen“ Elemente noch leistungsfähige Recycling-Verfahren entwickelt werden, das eigentliche Problem ist aber, überhaupt an die zu recyclierenden Stoffe heranzukommen. Hochwertiges Recycling fängt deshalb bereits bei der Produktgestaltung an. Produkte werden derzeit vor allem so konzipiert, dass sie funktional, sicher und kostengünstig sind. Künftig muss es genauso selbstverständlich sein, dass diese auch demontage- und recyclinggerecht sind. Lösbare Verbindungen, gekennzeichnete Werkstoffe, kreislauffähige Materialkombinationen werden dann ebenso im Pflichtenheft des Konstrukteurs stehen. Gegen steigende Kosten für Ressourcen und Materialien hilft nur ein effizienterer Umgang. Zudem liegen im Abfall trotz hoher Recycling-Quoten noch Schätze verborgen, die es zu heben gilt. Ein Beispiel: Heute werden 83 Prozent des Eisenschrotts wiederverwertet, bei vielen anderen Metallen liegt die Quote bei gerade einmal der Hälfte. Spezialmetalle wie Germanium oder das für Akkus so bedeutsame Lithium werden heute noch so gut wie gar nicht recycelt. Intelligente Produktplanung wird mehr und mehr zum Schlüssel für einen reduzierten Einsatz von Primärrohstoffen. Auch neue Geschäftsmodelle sind im Kommen: Wenn Firmen ihre Produkte nicht verkaufen, sondern verleihen, kommen die späteren Bauteile für Neugeräte vom Kunden zurück (z.B. Batterien für Elektromobile, Kopiergeräte). Die IHK Nürnberg für Mittelfranken antwortet darauf mit einem Konzept für eine Bayerische Materialeffizienz- und Rohstoff-Offensive, die in Mittelfranken gestartet wird.

Eine Rohstoffwende wird ebenso kommen wie der eingeleitete Paradigmenwechsel in der Energieerzeugung. Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft sind essenzielle Bausteine für eine nachhaltige Industriegesellschaft. Die in Deutschland – und insbesondere in der Metropolregion – entwickelten und eingesetzten Technologien leisten einen wesentlichen Beitrag, um die Abhängigkeit von Rohstoffimporten zu verringern und zugleich die führende Position einer exportorientierten Wirtschaft im Weltmarkt der Umwelttechnologien auszubauen. Nicht ohne Grund setzt unsere Region auf High-Tech und das Kompetenzfeld „Energie und Umwelt“.

 

Autor: Dr. Robert Schmidt