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Interims-Management

Chef für zwischendurch

Wenn ein Unternehmen in die Krise schlittert oder akute Personalengpässe im Management hat, kann die Stunde des Interims-Manager schlagen – eines externen Experten, den die Geschäftsführung oder der Eigentümer auf Zeit einkauft.

Das Problem, das die Nürnberger Agentur für Interims-Manager AIM zu lösen hatte, war eigentlich alltäglich: Eine 40-Jährige Personalleiterin wurde schwanger. Doch weil sie in ihrer Führungsposition nicht kurzfristig ersetzt werden konnte, musste schnell und befristet Ersatz her.

Von den Interims-Managern, die Agentur-Chef Werner von Beyer als Zwischenlösung präsentierte, fiel die Entscheidung auf einen 58-jährigen Personalmanager, der für die einjährige Babypause einspringt und danach für einen „weichen Übergang“ sorgt.

Als die Finanzmarktkrise 2009 auf ihrem Höhepunkt war, forderte eine Bank bei von Beyer Finanzexperten an. Die sollten befristet die Firmenkundenberater unterstützen, die Kundenunternehmen beobachten, mit Geschäftsführern über die Einhaltung der Zahlungsziele sprechen oder die Bankposition in Aufsichts- oder Beiräten vertreten.

Ein kniffliger Job, der aber von von Beyers Agentur gelöst werden konnte. Manchmal geht auch ein Hilferuf nach Projektleitern ein, weil eine Auftragsflut den Vertrieb lahmlegt und die Zeit kaum mehr ausreicht, um sich angemessen um die wichtigsten Kunden zu kümmern.

Die passgenaue Lösung, die das Interims-Management bietet, ist in der Unternehmenslandschaft noch lange nicht die Regel. Rund 50 Prozent der Unternehmer kennen diese Management-Form überhaupt nicht, berichtet von Beyer, der das Geschäft seit 2004 betreibt. Deutschland hinke beispielsweise den USA hinterher, wo acht bis zehnmal häufiger ein Interims-Manager engagiert werde.

Dem Arbeitskreis Interim Management Provider (AIMP) zufolge gehen die Wurzeln des Managens auf Zeit in Deutschland auf das Jahr 1979 zurück, seitdem hat sich die Branche stark professionalisiert. Der AIMP selbst wurde allerdings erst Ende 2004 aus der Taufe gehoben, um als Interessenvertretung der Interims-Provider – also der Vermittlerbüros – deren Anliegen zu bündeln.

Als führende Plattform sieht sich die 2003 gegründete Dachgesellschaft Deutsches Interim Management (DDIM) aus Köln, die sich für professionelles Interims-Management, Interims-Manager und dazugehörige Vermittlungsdienstleistungen zuständig sieht. Aber auch im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) mit Sitz in Bonn übernehmen eigenen Angaben zufolge etwa zehn Prozent der Mitglieder im Rahmen ihres Beratungsmandates auch Interims-Aufgaben.

Unterschiedliche Branchendaten

Wir groß der Markt des Interims-Management ist, lässt sich nur schwer beziffern. Der DDIM prognostiziert für den jungen Dienstleistungsbereich im laufenden Jahr ein Plus beim Honorarvolumen von über 25 Prozent auf fast 1,2 Mrd. Euro, bezogen auf die Topkräfte der ersten und zweiten Führungsebene. Dagegen beziffert die AIMP-Umfrage unter Providern bereits für das vergangene Jahr ein um mehr als zehn Prozent gestiegenes Marktvolumen auf fast 2,2 Mrd. Euro.

Die Ludwig Heuse GmbH interim-management.de aus Frankfurt kommt in ihrer bereits seit zehn Jahren durchgeführten Erhebung zu dem Schluss, dass die Anfragen an Interims-Manager und deren Auslastung im laufenden Jahre abnehmen werden. Auch über die Zahl der einsetzbaren Interims-Manager herrscht in der Branche Unklarheit. Der DDIM geht von rund 6 000 Top-Managern auf Zeit aus, der AIMP beziffert den erweiterten Kreis auf 14 000. Werner von Beyer schätzt den Markt sogar auf 30 000: „Wir wissen, wo wir suchen müssen.“

Anforderungen an Interims-Manager

Die Kunden aus dem ganzen Bundesgebiet, die sich bei AIM für personelle Interimslösungen interessieren, sind zu zwei Dritteln dem international ausgerichteten Mittelstand zuzurechnen, zu einem Drittel Großkonzernen oder High-Tech-Firmen. Gerade wenn an der Unternehmensspitze Geschäftsführer oder Direktoren kurzfristig ausfallen, ist Geschwindigkeit gefragt.

Viel Zeit verwendet von Beyer für das Profiling des gesuchten Interims-Managers. „Wir haben da einen Job als Dolmetscher“, beschreibt er seine Aufgabe, nicht nur ein Profil aufzunehmen, sondern zu hinterfragen und zu prüfen. Sind geeignete Kandidaten identifiziert, müssen diese manchmal erst überzeugt werden, für den Auftragskunden zu arbeiten, danach kommen sie in die Vorstellungsrunde.

Einerseits geht es bei diesen Runden um die fachliche Kompetenz, andererseits um das besondere Vertrauensverhältnis. „Der ,Nasenfaktor‘ ist oftmals wichtiger als Fachwissen und Erfahrung“, ergänzt Jörg Bürkle, der sich selbst als „Interim Executive Manager“ bezeichnet und die Nürnberger Partnergesellschaft Bürkle, Scharunge + Partner (BSP) betreibt.

Denn als Interims-Manager an der Unternehmensspitze müsse man oft „tief in die Innereien einer Firma“ und neue Weichen stellen. Dafür brauche es Freiheiten, die bis zur Prokura gehen können, die im Handelsregister eingetragen wird. Oft wird er oder einer seiner Partner aber erst gerufen, wenn „schon das Feuer auf dem Dach zu sehen ist“. Dann könnten auch keine externen Berater mehr helfen.

Aufgaben der Manager auf Zeit

Die Gründe, warum Interims-Manager gerufen werden, teilt Bürkle im Wesentlichen auf drei Bereiche auf: Erstens geht es um die klassische Restrukturierung bei einer Umsatz- oder Ergebniskrisen sowie bei genereller Sanierung, bei der fundierte Kenntnisse des Insolvenzrechts notwendig sind.

Zweitens um die Integration zugekaufter Firmen, oftmals außerhalb der Landesgrenzen der Muttergesellschaft. Ohne Auslandserfahrung, etwa in einer multinationalen Geschäftsleitung, kommen die Manager auf Zeit bei solchen Aufgaben nicht weiter.

Drittens um andere Aufgaben, die ein hohes Maß an Spezialwissen erfordern. Das Spektrum der Aufgaben, die an Bürkle, Scharunge + Partner herangetragen werden, reicht von der Überbrückung, bis ein neuer Eigentümer zur Nachfolge gefunden ist, über eine Interimsgeschäftsführung in Alten- und Pflegeheimen bis zum Einkäufer im Nahrungsmittelbereich.

Das entspricht in etwa der Erhebung der Ludwig Heuse GmbH, die als wichtigsten Bedarfsgrund mit fast einem Drittel „Krise, Sanierung und Restrukturierung“ nennt. Auf den weiteren Plätzen folgen „Abdeckung des kurzfristigen Bedarfs“ sowie „Überbrückung“ und „Projekt“.

Die wichtigsten Nachfragebranchen sind den AIMP-Daten zufolge Maschinenbau und Automobilbereich, Chemie und Pharma sowie Telekommunikation und Internet. Die regionale Nachfrage nach Interims-Management beurteilt Bürkle verhalten: „Franken ist in diesem Fall Entwicklungsland.“

Dabei liegen die Vorteile auf der Hand. Beim Interims-Management gibt es einen oftmals auf ein halbes oder Dreivierteljahr befristeten Dienstvertrag. Der ende von heute auf morgen, ohne Streitereien vor dem Arbeitsgericht. Außerdem kaufe man sich besondere Erfahrung, frisches Fachwissen und Fingerspitzengefühl für anstehende Veränderungen ein.

Honorarsätze

Gründe, warum sich ein Mandant am Ende doch gegen einen Interims-Manager entschieden hat, nennt die AIMP-Erhebung ebenfalls: Interne Besetzung, Stopp des Projekts, kein Budget und zu hoher Tagessatz. Die Tagessätze für Interims-Manager liegen in der Regel zwischen 800 bis 1 700 Euro. Für kleinere Mittelständler mit einem Umsatz von unter 50 Mio. Euro mache diese Ausgabe nur in seltenen Fällen Sinn, erklärt Bürkle.

Und von Beyer ergänzt, dass bei einem Tagessatz von 1 600 Euro für einen Interims-Manager ein festangestellter Geschäftsführer mit einem Salär von 250 000 Euro plus Nebenkosten (Prämie, Versicherung und Dienstwagen) auf den ersten Blick billiger ist. Aber die Halbwertszeit eines Geschäftsführers liege in Deutschland bei drei Jahren trotz abgeschlossener Fünfjahresverträge. Rechne man also die Kosten für eine vorzeitige Vertragauflösung hinzu, schlage der festangestellte Manager stärker zu Buche als ein Interims-Manager.

Mittelfristig rechnet der DDIM mit einem jährlich Wachstum des Interims-Managements von 15 bis 20 Prozent. Gestützt wird dieser Trend durch Prognosen, die für das Jahr 2020 einen Anteil flexibler Arbeitsverhältnisse von bis zu 60 Prozent in Deutschland vorhersagen. Vermittler von Beyer hat mit seinem Unternehmen seit 2008 eine stark angezogene Nachfrage registriert: „Der junge Markt für Interims-Manager hat noch viel Potenzial.“

Autor: 
tt.
 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 09|2013, Seite 12

 
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