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Flexible Lösungen sind oft recht einfach

von Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK)

von Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK)

Eine familienfreundliche Unternehmenskultur ist bei vielen Betrieben selbstverständlich. Das Gleichgewicht zwischen Familie und Beruf ist ein Spagat, der Mitarbeiter oft belastet. Gelingt er nicht, wächst der Frust, es gibt Ärger mit der Familie, Körper und Seele leiden. Von einer familienfreundlichen Arbeitsumgebung profitieren langfristig also sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber, denn gesunde und engagierte Mitarbeiter sind entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens.

Das wird in Zukunft noch wichtiger: Denn die demografische Entwicklung führt zu weniger Erwerbstätigen. Der Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird zwischen den Betrieben stärker werden. Unternehmen, die heute Trendsetter in familienorientierter Personalpolitik sind, werden morgen die Gewinner im Wettstreit um qualifizierte Fachkräfte sein. Viele Unternehmen sind in ihrer betrieblichen Praxis familienfreundlich, ohne ihr Engagement unter diese Überschrift zu stellen. Es müssen nicht immer formalisierte Programme und Leitlinien sein, die die Stresssituationen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Familienaufgaben reduzieren. Flexible Einzelfalllösungen helfen oft mehr. Kleine und mittlere Unternehmen können auf Grund des engen Kontaktes zwischen Unternehmensleitung und Beschäftigten im Einzelfall zudem ganz unbürokratisch auf die individuellen Bedürfnisse des Mitarbeiters oder der Mitarbeiterin reagieren.

Flexible Arbeitszeiten erleichtern den Familienalltag
In meinem Unternehmen, der B. Braun Melsungen AG, wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf groß geschrieben. Dem versuchen wir in der Personalpolitik Rechnung zu tragen. Eine Vielzahl von Programmen soll ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Privatleben fördern.

Flexible Arbeitszeiten sind inzwischen seit vielen Jahren in unzähligen Unternehmen selbstverständlich. Neben der Gleitzeit bei den Angestellten bieten wir zum Beispiel im gewerblichen Bereich 16 verschiedene Schichtmodelle in über 100 Varianten an. Als besonders beliebt hat sich ein Modell erwiesen, das speziell für Frauen eingerichtet wurde: Die üblichen achtstündigen Früh- und Spätschichten wurden in Vier-Stunden-Schichten eingeteilt. Die Mitarbeiterinnen dürfen so mitentscheiden, in welche Schichten sie eingeteilt werden. Falls es die privaten Bedürfnisse erfordern, können sie auch recht unbürokratisch mit den Ablöserinnen an ihrem Arbeitsplatz die Schicht tauschen. Es muss allerdings gewährleistet sein, das die Produktion reibungslos läuft.

Solche flexiblen Arbeitszeitmodelle erleichtern es Mitarbeitern, ihren Familienalltag inklusive Kinderbetreuung zu organisieren. Das ist besonders wichtig, wenn beide Partner trotz Familie beruflich nicht zurückstecken und ihr Qualifikationspotenzial voll ausschöpfen möchten, oder wenn beide Partner arbeiten müssen, um den gemeinsamen Lebensunterhalt bestreiten zu können.

In diesem Zusammenhang sind auch Telearbeitsplätze gute Lösungen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist es möglich, zeitweise zu Hause zu arbeiten. Sie bleiben dennoch in den Arbeitsprozess im Unternehmen eingebunden, da alternierende Telearbeiter über zwei Arbeitsplätze verfügen, einen betrieblichen und einen häuslichen. Der Mitarbeiter kann auf diese Weise selbstverantwortlich seine Arbeit einteilen und verliert dennoch nicht den Kontakt zu Kollegen. Qualifizierte Mitarbeiter bleiben so trotz Veränderungen in der familiären Situation dem Unternehmen erhalten und können weiterhin ihr Know-how und ihre Fähigkeiten einbringen.

Babykost aus der Betriebskantine
Der Kreativität sind hierbei keine Grenzen gesetzt. Ein Beispiel ist das Mittagessen aus der Betriebskantine: Es ist eine große Erleichterung zum Beispiel für Teilzeitkräfte, das Essen in der Betriebskantine vorzubestellen und mit nach Hause zu nehmen. Das spart Zeit, Geld und schont die Nerven.

Während es sich für manches große Unternehmen – alleine oder mit anderen aus der Region – lohnt, betriebliche Betreuungseinrichtungen für Kinder anzubieten, können sich kleine Unternehmen auf Grund von Finanzierungshürden eher in der Vermittlung einer Tagesmutter engagieren. Auch das Organisieren einer Notfallbetreuung für Kinder rentiert sich allemal, weil Fehlzeiten von Mitarbeitern dadurch erheblich verringert werden können.

Familienfreundliche Personalpolitik ist eine Chance, gerade weil sie sich mittelfristig betriebswirtschaftlich rechnet. Allerdings: Patentrezepte gibt es nicht. Es geht um die Suche nach Lösungen, die dem Alltag der Mitarbeiter und den betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten des Unternehmens gleichzeitig Rechnung tragen. Eines steht jedenfalls fest: Staatliche Vorgaben helfen nicht weiter. Alle staatlichen Anstrengungen sollten darauf hinauslaufen, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung auszubauen und zu flexibilisieren. Damit wäre ein wesentlicher Baustein für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesetzt.
 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 02|2004, Seite 19

 
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