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IHK-Prüfungen

Qualitätssiegel für die Karriere

Prüfung Meistersingerhalle Nürnberg © IHK / Kurt Fuchs

Schriftliche Prüfung für kaufmännische Berufe in der Meistersingerhalle Nuernberg.

Die Prüfungen in der Aus- und Weiterbildung orientieren sich an hohen Standards. Ein entscheidender Erfolgsfaktor sind die ehrenamtlichen Prüfer. Von Andrea Wiedemann

Mittwoch, 25. November 2015, kurz vor acht Uhr ist die Adrenalinkonzentration in der Nürnberger Meistersingerhalle hoch: Hier und an 15 weiteren Orten in Mittelfranken läuft für über 2 200 Auszubildende der Countdown für den Beginn der schriftlichen Abschlussprüfungen in kaufmännischen Ausbildungsberufen. Die Kandidaten legen ihr Schreibzeug zurecht und schauen auf den A4-Umschlag, der vor ihnen liegt. Sie dürfen ihn erst öffnen, sobald der Prüfungsleiter das Startsignal gibt.

Ein ähnliches Bild war zeitgleich in vielen Städten zu sehen, weil die IHK-Prüfungen bundeseinheitlich durchgeführt werden. Denn nur überregional vergleichbare Ergebnisse der IHK-Prüfungen stellen den hohen Standard der dualen Berufsausbildung in Deutschland sicher. So bearbeiten die Auszubildenden in ihren IHK-Prüfungen von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen zur selben Zeit dieselben schriftlichen Aufgaben im jeweiligen Ausbildungsberuf.

Im Jahr 2015 zählte die Statistik der IHK Nürnberg für Mittelfranken 6 814 Auszubildende in kaufmännischen und 4 917 in gewerblich-technischen Berufen als Teilnehmer der Abschlussprüfungen. Das heißt, für 11 731 Kandidaten Einladungen verschicken, den Einsatz der Prüfer koordinieren, schriftliche Arbeiten korrigieren, mündliche Prüfungen organisieren und abhalten, sowie Abschlusszeugnisse ausstellen. Da klingt es schon fast nach Understatement, wenn Udo Göttemann, Leiter des IHK-Geschäftsbereichs Berufsbildung, die Organisation und Durchführung der Prüfungen als „anspruchsvoll und aufwändig“ bezeichnet.

Mit der Abnahme der Zwischen- und Abschlussprüfungen hat der Gesetzgeber den Industrie- und Handelskammern eine hoheitliche Aufgabe übertragen: Nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) ist die IHK u.a. als sogenannte „zuständige Stelle“ verantwortlich für die Abschlussprüfungen in kaufmännischen und gewerblichen Berufen. Außerdem regelt das BBiG den Prüfungsgegenstand: Die im schriftlichen und mündlichen Teil gestellten Aufgaben sollen die in den Ausbildungsordnungen und Lehrplänen festgelegten Lernziele abprüfen und damit zuverlässig den Leistungsstand der Auszubildenden feststellen. Eine bestandene Prüfung liefert den Nachweis, dass der Absolvent in typischen Funktionen und Aufgabenfeldern des jeweiligen Ausbildungsberufs eingesetzt werden kann.

Übrigens tragen die IHKs auch in der Weiterbildung durch vergleichbare und transparente Prüfungsstandards zur Qualitätssicherung bei. In einem dreistufigen System der Aufstiegsfortbildung (Fachberater, Fachwirte/Fachkaufleute und Meister, (technischer) Betriebswirt) bieten die IHKs öffentlich-rechtliche Prüfungen gemäß BBiG. 2015 wurden 5 235 Weiterbildungsprüfungen durch die IHK abgenommen.

Besetzung der Prüfungsausschüsse

Der BBiG schreibt vor, dass die „zuständige Stelle“ für die Abnahme der Abschlussprüfung Prüfungsausschüsse errichtet. Sie müssen jeweils aus mindestens drei Mitgliedern bestehen und nach § 40 BBiG drittelparitätisch besetzt sein: „Dem Prüfungsausschuss müssen als Mitglieder Beauftragte der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer in gleicher Zahl sowie mindestens eine Lehrkraft einer berufsbildenden Schule angehören.“ Aktuell gibt es bei der IHK Nürnberg im Bereich Ausbildung über 700 Prüfungsausschüsse mit knapp 4 500 Mitgliedern. In der Weiterbildung sind es 95 Prüfungsausschüsse mit etwa
2 100 Mitgliedern.

Charakteristisch für das duale System der Berufsausbildung ist die enge Verzahnung der praktischen Ausbildung in den Unternehmen mit den theoretischen Lerninhalten in Berufsschulen. Dies spiegelt sich in dem Grundsatz wider „Prüfungen aus der Wirtschaft für die Wirtschaft“. Praxisnah und „an den beruflichen Handlungssituationen orientiert“ sollen deshalb die Aufgabenstellungen in den schriftlichen und den mündlichen Prüfungen sein.

Ehrenamtliche Prüfer

Dies ist nur mit ehrenamtlichen Prüferinnen und Prüfern zu verwirklichen, die ihre Erfahrungen und Kenntnisse aus der Praxis im Betrieb und Berufsschule einbringen. Ehrenamtliche Prüfer müssen bestimmte Kriterien erfüllen. Ohne fundierte Fachkenntnisse wären sie nicht in der Lage, die Leistungen der Prüflinge fair zu beurteilen. Der Abschluss in einem anerkannten Ausbildungsberuf sowie mehrere Jahre Erfahrung in einem Beruf des Prüfungsgebiets sind deshalb obligatorisch.

Auch die persönliche Eignung muss gegeben sein. Ehrenamtliche Prüfer brauchen Verantwortungsbewusstsein, Geduld und kommunikative Kompetenz, wie Göttemann betont: „Entscheidend ist eine positive Grundeinstellung, junge Menschen zu fördern.“ In der Ausnahmesituation Prüfungsgespräch begegnen sich die Beteiligten auf ungleichen Ebenen, weil die fachliche und amtliche Autorität ein Gefälle schafft. Dieses Gefälle durch eine konstruktive Gesprächsführung zu überbrücken, sei eine entscheidende Fähigkeit des Prüfers, unterstreicht Göttemann. „Es sind Prüfer gefragt, die auf die unterschiedlichen Charaktere der Prüflinge eingehen können.“

Seminare für Prüfer

Um den Ehrenamtlichen das Rüstzeug für die Arbeit im Prüfungsausschuss zu vermitteln, bietet die IHK Vorbereitungsseminare an. Geklärt werden dabei fachliche und rechtliche Themen; aber auch Techniken der Gesprächsführung und aktives Zuhören stehen auf dem Programm.

Die meisten Betriebe in Mittelfranken unterstützen die Tätigkeit ihrer Mitarbeiter als ehrenamtliche Prüfer, etwa indem sie sie für die Prüfungstermine freistellen. Allerdings spürt Göttemann, dass der Druck in vielen Unternehmen tendenziell größer und die Personaldecke dünner wird – mit der Konsequenz, dass die Spielräume für die Übernahme eines Ehrenamtes enger werden.

Hinzu kommt, dass immer mehr Führungskräfte in der Wirtschaft einen akademischen Abschluss und deshalb keine persönliche Erfahrungen mit dem dualen System haben. Auch dieser Trend könnte die Bereitschaft schmälern, ehrenamtliche Prüfer bereit zu stellen.

Um neue Kräfte fürs Ehrenamt zu mobilisieren, setzt Göttemann auf die persönliche Ansprache: „Wenn wir gezielt an Betriebe herangehen, bekommen wir nur ganz selten die kalte Schulter gezeigt. Schließlich haben wir ein gutes Argument: Wenn wir das duale System durch die Qualität der Prüfung stärken und dadurch den Fachkräftenachwuchs mittel- und langfristig sichern wollen, sind wir auf die Unterstützung der Ausbildungsbetriebe bei der Benennung von ehrenamtlichen Prüfern angewiesen.“

Wolfgang Böhm, Leiter der Diehl Ausbildungs- und Qualifzierungs GmbH, Nürnberg, ehrenamtlicher IHK-Prüfer in den Prüfungsausschüssen für Industriekaufleute sowie für Technische Betriebswirte

Wenn Wolfgang Böhm über duale Berufsausbildung spricht, ist seine Begeisterung für dieses Thema sofort herauszuhören. Der 54-Jährige ist überzeugt, dass dieses Modell jungen Menschen eine solide Basis für den Start ins Berufsleben gibt und ein Erfolgsfaktor für die deutsche Wirtschaft ist. Das soll so bleiben, und deshalb setzt sich Böhm für die Qualität der dualen Berufsbildung ein, sowohl als Leiter der Diehl Ausbildungs- und Qualifizierungs GmbH als auch im Ehrenamt: Er engagiert sich seit über zwei Jahrzehnten im Prüfungsausschuss für Industriekaufleute, seit 1998 prüft er auch Technische Betriebswirte in der Weiterbildung. Sein Credo: „Die Qualität der Prüfung ist entscheidend für die Qualität der dualen Berufsausbildung.“

Nach wie vor findet er seine Tätigkeit als Prüfer „sehr spannend“: „Man sieht, auf welchem Leistungsniveau sich die Auszubildenden anderer Betriebe bewegen.“ Außerdem erlebt Böhm unmittelbar, wie sich Veränderungen der Berufswelt in den Ausbildungsordnungen widerspiegeln. „Die Prüfungen laufen heute ganz anders als früher.“ Längst gehe es nicht mehr darum, in einem Frage-Antwort-Spiel angelerntes Wissen zu reproduzieren. Stattdessen sollen Prüfungskandidaten beweisen, dass sie lösungsorientiert denken. Von angehenden Industriekaufleuten wird beispielsweise verlangt, einen typischen betrieblichen Prozess wie die Materialbeschaffung zu beschreiben und im Dialog mit dem Prüfer zu analysieren. „Dabei zeigt sich schnell, ob jemand die Materie wirklich begriffen hat“, so Böhm. In einer Arbeitswelt, die immer komplexer und schnelllebiger wird, sei selbstständiges Denken die entscheidende Schlüsselqualifikation – und genau diese Kompetenz möchte er in der dualen Berufsausbildung auch in den Prüfungen vermitteln. In das Lamento über das sinkende Leistungsniveau der Schulabsolventen und Auszubildenden mag Böhm nicht einstimmen: „Die Azubis von heute sind nicht grundsätzlich schlechter als früher. Sie bringen andere Qualifikationen mit, zum Beispiel sind sie viel selbstständiger und kommunikativer.“

 

Florian Konrad, Telefónica Germany, ehrenamtlicher Prüfer in der IHK-Weiterbildung:  Prüfungsausschüsse für Betriebswirte und IT-Projektleiter

Florian Konrad ist zwar erst 32 Jahre alt, hat aber schon viele Prüfungssituationen erlebt. Nach dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung als Kaufmann für Bürokommunikation, sattelte erst den Handelsfachwirt, dann eine Fortbildung als Qualitätsbeauftragter und schließlich den geprüften Betriebswirt drauf. Mit diesem professionellen Rüstzeug versehen, hat er inzwischen die Seiten im Prüfungsraum gewechselt: Seit 2012 engagiert sich Konrad als ehrenamtlicher Prüfer bei der IHK Nürnberg in den Prüfungsausschüssen für Betriebswirte und IT-Projektleiter.

Im Bereich Weiterbildung findet Konrad das breite und vielfältige Spektrum der Kandidaten besonders faszinierend: „Sie kommen aus unterschiedlichen Branchen, bringen ganz verschiedene Erfahrungen mit, die Altersspanne reicht von Mitte 20 bis über 50 Jahre.“ Diese enorme Bandbreite stellt jedoch hohe Anforderungen an die Prüfer, sowohl in puncto Fachwissen als auch an das Einfühlungsvermögen: „In der Prüfungssituation müssen wir uns sehr schnell auf unterschiedliche Temperamente einstellen.“ Vor dem Prüfungsausschuss sitzen Vertriebler mit jahrelanger Präsentationsroutine ebenso wie zurückhaltende junge Buchhalter, die lieber mit Zahlen umgehen als mit Worten. Egal ob introvertiert oder extrovertiert, die Prüfer müssen mit beiden Charakteren ins Gespräch kommen, um den Kenntnisstand zu erfassen und zu bewerten. Das Klischee des fiesen Prüfers wird nicht bedient: „Letztlich geht’s vor allem um die Stärken des Kandidaten. Wir wollen niemanden vorführen“, stellt Konrad klar. Als wichtige Starthilfe für den Prüfungsausschuss sieht Florian Konrad das Vorbereitungsseminar der IHK.

Die Zeit, die er für seine Tätigkeit als Prüfer aufwendet, betrachtet Konrad als wertvolle Investition: „Für mich ist es eine Ehrensache, Menschen in ihrer beruflichen Weiterbildung zu begleiten. So habe ich die Möglichkeit, aktiv an der Gestaltung unserer Gesellschaft mitzuwirken.“ Neben seiner Freizeit bringt er dafür auch die zwei „Sozial-Tage“ ein, mit denen sein Arbeitgeber Telefónica Germany das Engagement seiner Mitarbeiter unterstützt. 

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 02|2016, Seite 14

 
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