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Bayerische Mittelstandsgespräche 2019


Nach fast einem Jahrzehnt der Hochkonjunktur geht die Schönwetterphase der deutschen Volkswirtschaft zu Ende. Gleichzeitig beklagen Unternehmen erhebliche Engpässe bei Fachkräften und Auszubildenden. Wie kann der Mittelstand mit knappen personellen Ressourcen durch die rauer gewordene See navigieren und gleichzeitig den digitalen Wandel gestalten? Denkanstöße zu dieser Frage lieferte Prof. Dr. Christoph M. Schmidt. Der Vorsitzende des Sachverständigenrats (SVR) zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („die fünf Wirtschaftsweisen“) war Gastredner der diesjährigen „Bayerischen Mittelstandsgespräche“, zu denen die Bayerische Beteiligungsgesellschaft BayBG und die IHK Nürnberg für Mittelfranken in den Nürnberger Presseclub eingeladen hatten.

Vom Vortrag des Wirtschaftsweisen erhoffte sich BayBG-Geschäftsführer Peter Pauli einen „Kompass, der angesichts einer Vielzahl verwirrender Informationen für Orientierung sorgt“. Diese Erwartung sollte sich erfüllen, denn Schmidt folgte seinem Credo, „die angewandte Wirtschaftsforschung so einfach wie möglich, aber auch so komplex wie nötig“ darzustellen. So skizzierte er ein klares Bild der aktuellen ökonomischen Lage: Das Expansionstempo und die Grunddynamik der deutschen Volkswirtschaft haben nachgelassen. Bereits im März 2019 hat der Sachverständigenrat seine Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für das laufende Jahr auf 0,8 Prozent nach unten korrigiert. Für 2020 rechnen die Wirtschaftsweisen mit einem BIP-Wachstum von 1,3 Prozent. „Diese Zahlen sind nicht toll, aber noch keine Katastrophe“, erklärte Schmidt. Grund zur Sorge bereite die Abwärtstendenz aber durchaus.

Turbulenzen auf den Weltmärkten

Als Bremsen der wirtschaftlichen Dynamik identifizierte der SVR-Vorsitzende insbesondere die Faktoren Überauslastung und Außenwirtschaft. In vielen Branchen seien nach der langen Boom-Phase die Kapazitätsgrenzen erreicht („Irgendwann gehen einem die Arbeitskräfte aus.“). Auf der Nachfrageseite bekämen die deutschen Unternehmen die Turbulenzen auf den Weltmärkten deutlich zu spüren. Handelskonflikte zwischen den USA, China und Europa sowie die Unwägbarkeiten des Brexit bergen erhebliche Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung. „Hier zeigt sich die hohe Verletzlichkeit der deutschen Wirtschaft, die stark auf offene Märkte angewiesen ist“, so Schmidt. Eine weitere Eskalation der Handelskonflikte sei ein „Punkt, der uns um die Ohren fliegen kann“.

Beim Thema Digitalisierung warnte der Ökonom, der seit 2001 Präsident des RWI – Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen ist, vor einer Abwehrhaltung: „Ängste zu schüren ist unangebracht. Ob die Digitalisierung ein Jobkiller oder ein Jobmotor wird, hat die Wirtschaftspolitik in der Hand.“ An sie richtete Schmidt eine klare Empfehlung: In der digitalen Transformation gelte es, eine Balance zwischen Schutz und Flexibilität der Beschäftigten herzustellen. Statt den Strukturwandel abzuwehren, müsse man ihn „umarmen“.

Die Erfolgschancen dieser Umarmungsstrategie schätzte der Vorsitzende des Sachverständigenrats als gut ein. Sein Argument, dass der Strukturwandel gelingen kann: Heute lerne etwa die Hälfte aller Azubis in Berufen, die es Anfang der 1990er Jahre entweder noch gar nicht gegeben hat oder die sich stark verändert haben. Allerdings machte Schmidt auch deutlich, dass sich der digitale Wandel nicht im Selbstlauf zum volkswirtschaftlichen Erfolgsmodell entwickelt. Impulse seitens der Wirtschaftspolitik seien gefragt. Ganz oben auf deren Agenda setzte der Ökonom bei seinem Vortrag in Nürnberg die Förderung von Bildung, Forschung und Wissenstransfer. Er warnte vor dem Irrglauben, der digitale Wandel sei nur durch die „Digital Natives“ zu gestalten: „Innovation ist nicht gleich Jugend.“ Qualifizierung und lebenslanges Lernen sei für Beschäftigte aller Generationen notwendig.

Für den Vorsitzenden des Sachverständigenrates ist die Wirtschaftspolitik in weiteren Handlungsfeldern gefordert: Die Rahmenbedingungen für Unternehmen müssten besser werden. Die Bundesregierung dürfe den internationalen Steuerwettbewerb nicht ignorieren, der von den USA massiv verschärft werde. 2018 hat US-Präsident Donald Trump die Körperschaftssteuer für Unternehmen von 35 auf 21 Prozent gesenkt.

Den Unternehmern aus dem Mittelstand machte der Wirtschaftsweise mit einer Fußball-Metapher Mut im Kampf gegen den Fachkräftemangel: „Die Entscheidung fällt auf dem Platz.“ Mittelständische Betriebe seien durchaus in der Lage, im Wettbewerb um Talente mitzuhalten, wenn sie sich bewusst von Großunternehmen abheben: „Der Mittelstand kann mit überschaubaren Strukturen, Zuwendung und einer persönlichen Atmosphäre punkten.“       

Text: aw.

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