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100 Jahre Kaufmannszug

Nürnberger Tand geht durch alle Land

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Beim Umbau des IHK-Gebäudes im Jahr 1910 wurde die Fassade mit dem bekannten Wandbild versehen. Der Kaufmannszug gibt einen Eindruck von der Weltgeltung des Nürnberger Handels im Mittelalter. Von Daniela Semann

Vor 450 Jahren begann die kaufmännische Selbstverwaltung in Nürnberg und von Anfang an war sie am traditionsreichen Hauptmarkt konzentriert. Aus einem angemieteten Gewölbe und späteren Kauf des Hauses durch den Handelsvorstand entwickelte sich mit der Zeit das „Rathaus der Wirtschaft“.

1909/1910 wurden die Häuser Ecke Waaggasse und Hauptmarkt durch den Architekten Karl Peringer umgebaut und renoviert, da sie den gewachsenen Raumbedürfnissen nicht mehr entsprachen. Dabei nahm er Rücksicht auf die bisherige äußere Gestalt und beließ die Fassaden mit den beiden Giebeln. Gegen Ende des Umbaus bemalte Georg Kellner diese Fassaden mit Wandmalereien in Mineralfarben: die Ostfassade des Kammergebäudes mit einem Kaufmannszug des 16. Jahrhunderts, die Südseite mit einer Darstellung, die den Nürnberger Fernhandel symbolisiert. Die Einweihung der neuen Räume fand am 22. Oktober 1910 zugleich mit der Feier des 350-jährigen Bestehens des Handelsvorstandes Nürnberg in dem neuen Sitzungssaal statt.

Der mittelalterliche „Nürnberger Kaufmannszug mit Geleite“ schmückt seit 100 Jahren das Kammergebäude. Zu sehen sind von links nach rechts ein Fahnenschwinger, ein Pfeifer und ein Trommler. Die Fahne mit dem Wappen der mächtigen Reichsstadt Nürnberg und der Lärm der Trommeln sollten Wegelagerer abschrecken. Die Spießgesellen, Reitknechte und Söldner gewährten Schutz. Außerdem konnten die Spießgesellen mit ihren langen Stangen im Schlamm festgefahrene Räder anheben, um dem Kaufmannszug das Weiterkommen zu ermöglichen. Danach vierspännig der schwere, voll beladene Planwagen mit den Fuhrknechten und zum Schluss der Reisewagen eines Handelsherrn.

Die reichen Nürnberger Groß- und Fernhändler des Mittelalters waren die Patrizier, die auf dem Wandgemälde mit Pelzrock zu sehen sind. Sie begleiteten oft selbst den Transport auf den unsicheren und holprigen Straßen. Die zweite Figur von rechts (mit dunklem Schnurrbart) stellt den damaligen Ersten Bürgermeister der Stadt Nürnberg Dr. jur. Johann Georg Ritter von Schuh dar. Auf Bürgermeister Schuh waren viele wichtige Investitionen in der Stadt zurückzuführen, insbesondere der Bau von modernen großzügigen Schulbauten. Bildung war für ihn eine der besten Investitionen in die Infrastruktur einer Stadt.

Der Kaufmannszug macht deutlich, dass Nürnberg im 15. und 16. Jahrhundert eines der bedeutendsten Wirtschaftszentren Europas war. Dies verdankte die Reichsstadt Nürnberg dem Groß- und Fernhandel und den vielfältigen Produkten ihres Handwerks. Die geografische Lage an den wichtigen Fernhandelsstraßen war ein hervorragender Standortfaktor. Zwölf Handelsstraßen trafen sich hier und machten die Stadt zu einer wahren Drehscheibe des Handels. In diesem Wandgemälde hat Georg Kellner den berühmten Spruch „Nürnberger Tand geht durch alle Land“ in Schrift und Farbe umgesetzt.

Der Nürnberger Handel war im Spätmittelalter mit der gesamten damals bekannten Welt verbunden. Als Transportmittel standen zur damaligen Zeit der Fuhrmannswagen und das Schiff zur Verfügung. Während der Handel in der näheren Umgebung mit teuren Einzeltransporten abgewickelt wurde, war für den Fernhandel der aus vielen Wagen bestehende Kaufmannszug die Regel. Um sich auf dem Gütertransport vor Raubüberfällen zu schützen, schlossen sich mehrere Handelshäuser zu diesen Kaufmannszügen zusammen und bildeten große Warenzüge, die von Sicherungstruppen des Kaisers als Schutzherrn von Märkten und Straßen gegen eine Gebühr „geleitet“ wurden. Das Geleitsrecht der Könige und Kaiser ging im hohen Mittelalter in die Hände der Landesfürsten über, durch deren Gebiet die Geleitszüge zogen. Dennoch waren die Landtransporte ebenso gefährlich wie kostspielig. Wesentlich schneller und billiger konnten Waren mit dem Schiff befördert werden. Der entscheidende Kostenfaktor bei den Transporten war die Vielzahl von Zöllen, die erhoben wurden. Allerdings hatten die Nürnberger Kaufleute ein weit verzweigtes Netz von Zollprivilegien, durch das sie Wettbewerbsvorteile gegenüber ihren Konkurrenten hatten.

Seit dem 15. Jahrhundert ist das Sprichwort „Nürnberger Hand geht durch alle Land“ belegt (abgeleitet von „Handwerkserzeugnisse“). Erst das 19. Jahrhundert formte daraus „Nürnberger Tand geht durch alle Land“. Allgemein verstand man unter „Nürnberger Tand“ die Qualitätswaren des Nürnberger Handels, vor allem die Spielwaren und die Erzeugnisse des Kleinmetallgewerbes, die in dieser Stadt hergestellt wurden und sie berühmt gemacht haben: Metalle, Bleche, Draht, Nadeln, Schellen, Fingerhüte, Besteck, Geschirr, Rüstungen und nicht zuletzt Waffen.

Export, Import, Zwischenhandel  – das Wirken der großen Handelshäuser war vielfältig. Es gab keinen bedeutenden Handelsstandort in Europa, an dem sich nicht ein Nürnberger Kontor befand. Nach Nürnberg eingeführt wurden Konsum- und Luxusgüter aller Art, wie Lebendfleisch (Rinderherden) aus Böhmen und Ungarn, Stoffe aus Flandern oder über Venedig aus dem Orient, Gewürze und Edelsteine und natürlich Rohstoffe (wie z.B. Eisen aus der Oberpfalz) zur Verarbeitung durch die Nürnberger Handwerker.

Auf alten Gemälden und Stichen kann man sehen, dass zahlreiche Häuser der Nürnberger Altstadt prächtig bemalt waren. Kellners Kaufmannszug kann als Versuch gewertet werden, diese Kunstform wieder zu beleben. 1945 wurde das IHK-Gebäude bis auf seine Außenmauern zerstört. Der Kaufmannszug konnte beim Wiederaufbau restauriert werden und unterstreicht sehr anschaulich die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt und insbesondere die zentrale geografische Lage inmitten von Europa als wichtiger Standortfaktor. Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs ist die Bedeutung dieses Faktors für die wirtschaftliche Entwicklung von Nürnberg und der gleichnamigen Metropolregion in der Gegenwart wieder schlagartig ins Bewusstsein gerückt.

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 09|2010, Seite 12

 
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