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Estland, Lettland, Litauen

Kleine Länder, große Chancen

Europa schaut mit Anerkennung auf das Baltikum – und das zu Recht: Die baltischen Staaten sind Europameister beim Wachstum und Vorbilder für Wirtschaftsreformen. Von Kerstin Leisering

Estland zeigt der Welt, wie das digitale Zeitalter staatliche Behörden noch transparenter und kommunikativer macht. Lettland wird – den Euro-Skeptikern zum Trotz – Anfang 2014 der Euro-Zone beitreten und Litauens Flagge weht dank der EU-Ratspräsidentschaft bis zum Jahresende 2013 selbstbewusster denn je im europäischen Wind. Die baltischen Staaten versprechen dank der anhaltend guten Wirtschaftslage und ihrer Offenheit gegenüber deutschen Partnern sowie deutschen Produkten und Dienstleistungen interessante Neugeschäfte für kleine und mittlere Unternehmen.

Erfolgsgeschichte an der Ostsee

Estland, Lettland und Litauen vereinen nicht nur die geografische Lage als Ostsee-Anrainer und eine gemeinsame Geschichte als Teil der Sowjetunion, sondern auch die rasante Entwicklung in den letzten zwei Jahrzehnten. Nach Erlangung ihrer Unabhängigkeit im Jahr 1991 unternahmen sie souverän tiefgreifende Reformen ihrer Staats- und Wirtschaftsordnungen und entwickelten sich rasch. Mit dem Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 2004 nahm die Entwicklung ihrer Volkswirtschaften weiter Fahrt auf. Sie wuchsen bald mit zweistelligen Wachstumsraten und wurden daher auch „Baltische Tiger“ genannt.

Die Krise der Jahre 2008 und 2009 traf die baltischen Staaten dann aber besonders hart. Sie konnte allerdings durch die besonnene Sparpolitik der Regierungen bereits 2010 in Estland und Litauen und schließlich 2011 auch in Lettland wieder überwunden werden. Seit zwei Jahren belegen die baltischen Staaten in Bezug auf ihr Wirtschaftswachstum nun die Spitzenplätze in der EU. Anfang Juli 2013 reiste Bundespräsident Joachim Gauck in Begleitung einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation zu Staatsbesuchen nach Lettland, Estland und Litauen, um den Übergang der baltischen Staaten zu Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft zu würdigen. Er lobte im Laufe der Reise „ihren Reform- und Sparwillen, die Innovationsfreue, die Neugierde auf Europa sowie die Hingabe an die eigenen Traditionen und die Bereitschaft zur Verantwortung“.

Beeindruckt zeigte er sich u.a. auch vom Einsatz moderner Kommunikationstechnologien in staatlichen Einrichtungen in Estland, das auf diesem Feld heute europaweit als Vorreiter gilt und deshalb auch bisweilen „E-stonia“ genannt wird. Doch auch von Lettland und Litauen kann man gerade in Bezug auf die schnelle Entwicklung ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit im öffentlichen und privaten Sektor lernen.

Lebhafter Handel mit Deutschland

Bei der Überwindung der Krise bewies die Wirtschaft der baltischen Staaten eine besondere Anpassungsfähigkeit. Da die Binnenmärkte nicht mehr ausreichend profitabel waren, erschlossen die innovativen und flexiblen Unternehmen neue Absatzkanäle. So wurden die Handelsbeziehungen zu ihren unmittelbaren Nachbarländern an der Ostsee immer enger. Deutschland gilt dabei für viele estnische, lettische und litauische Unternehmen als Exportmarkt Nr. 1.

Die baltischen Exporte nach Deutschland haben sich in den letzten Jahren seit dem Beitritt zur EU fast verdoppelt und übertreffen jetzt bereits deutlich das Vorkrisenniveau. Da die baltischen Staaten keine starke Konzentration auf einzelne Branchen vorweisen, sondern gerade im produzierenden Bereich mit spezialisierten Unternehmen breit aufgestellt sind, bieten sie sich besonders für die Produktion kleinerer Margen als Partner deutscher Unternehmen an.

Die deutsche Wirtschaft besitzt in den baltischen Staaten nicht nur eine lange Tradition, sondern gehört heute zu den wichtigsten Investoren. Mit einem Anteil von fast zehn Prozent an den ausländischen Direktinvestitionen ist Deutschland im besonders industriell geprägten Litauen sogar der drittgrößte Investor. Doch auch in den anderen drei baltischen Staaten sind deutsche Unternehmen erfolgreich mit eigenen Produktionsstätten vertreten. Wichtige Zielbranchen sind dabei die Energiewirtschaft, das verarbeitende Gewerbe (darunter insbesondere der Maschinenbau und die holzverarbeitende Industrie), die Immobilienwirtschaft und der Dienstleistungssektor.

Eine aktuelle Umfrage der AHK Baltische Staaten zeigt, dass die deutschen Unternehmen vom aktuellen Konjunkturaufschwung profitieren. Die gegenwärtige Konjunkturlage bewerten sie zu über 90 Prozent als gut bzw. befriedigend. Auch die weiteren Perspektiven sind positiv. So bieten eine Reihe geplanter Infrastruktur-Großprojekte in den Bereichen Energie, Verkehr und Telekommunikation vielversprechende Geschäftschancen vor allem für deutsche Maschinen- und Anlagenbauer (u.a. im Bereich erneuerbare Energien) sowie für Bauunternehmen.

Drehscheibe zwischen Ost und West

Derzeit würden sich weit über 80 Prozent der im Baltikum tätigen deutschen Unternehmen wieder für ihr Gastland als Investitionsstandort entscheiden. AHK-Geschäftsführerin Maren Diale-Schellschmidt ermutigt auch weitere deutsche Unternehmen zum Markteinstieg: „Zugegeben, die baltischen Märkte sind mit insgesamt nur 6,3 Mio. Einwohnern relativ klein, dennoch sprechen aus Sicht der deutschen Unternehmen viele Faktoren für den Standort Baltische Staaten.“

Die gut ausgebaute Infrastruktur und die geografische Lage böten eine gute Anbindung nach Deutschland, aber auch Richtung Russland und in die GUS-Staaten. Auch außerhalb der Hauptstädte Tallinn, Riga und Vilnius gebe es eine Vielzahl an Standorten mit verlässlichen Zulieferstrukturen und hoch motiviertem Fachpersonal, so Diale-Schellschmidt, die auch das am deutschen Recht orientierte Gesellschaftsrecht als Standortvorteil nennt.

Die europäische Sicht

Estland ist seit 1. Januar 2011 Mitglied der Euro-Zone. Auch Lettland erhielt im Juli 2013 die offizielle Bescheinigung der Europäischen Kommission über seine Euro-Reife und wird den Euro Anfang 2014 einführen. Die neue litauische Regierung strebt den Beitritt zur Euro-Zone für Anfang 2015 an.

Aus Sicht der hier aktiven deutschen Unternehmen sind wegfallende Transaktionskosten und mehr Transparenz die großen Vorteile der Euro-Einführung in Estland. Mit Blick auf das positive Fazit erwarten sie außerdem mehrheitlich, dass sich der Beitritt zur Euro-Zone auch in Lettland und Litauen vorteilhaft auswirken wird und sich damit die Attraktivität der baltischen Staaten für ausländische Investoren noch weiter verbessert.

Seit 1. Juli 2013 kann nun auch Litauen als erster baltischer Staat zeigen, dass er genauso wie andere EU-Mitgliedsstaaten aktiv politisch lenkend zur Gestaltung der Europäischen Union beitragen kann. Im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft will sich die litauische Regierung vor allem für einen engeren Dialog mit den östlichen EU-Nachbarstaaten und einen Ausbau der Energienetze einsetzen.

Lettland wird in der ersten Jahreshälfte 2015 als zweiter baltischer Staat folgen. Estland wird den Vorsitz in der ersten Jahreshälfte 2018 übernehmen. Alle drei Länder blicken dieser Aufgabe mit Selbstbewusstsein entgegen. Und das zu Recht! Auf ihre Entwicklung in den vergangenen 20 Jahren können sie stolz sein. 

AHK Baltische Staaten

Die Deutsch-Baltische Handelskammer in Estland, Lettland, Litauen (AHK Baltische Staaten) ist mit derzeit 400 Mitgliedsunternehmen in den drei baltischen Staaten aktiv. Sie ist mit Büros in der estnischen Hauptstadt Tallinn, der lettischen Hauptstadt Riga und in der litauischen Hauptstadt Vilnius vertreten. Die AHK bietet eine Plattform für direkte Unternehmenskontakte, steht den Unternehmen mit umfassenden Dienstleistungen und Informationen zur Seite und setzt sich für die weitere Entwicklung der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen ein.

Autor: Kerstin Leisering,ist Pressesprecherin der Auslandshandelskammer (AHK) Baltische Staaten (kerstin.leisering@ahk-balt.org).
 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 10|2013, Seite 18

 
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