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Kammergespräch

Pioniergeist "Made in USA"

IHK-Kammergespräch mit Joe Kaeser - Bild 9668 © Kurt Fuchs

Siemens-Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser sieht die Vereinigten Staaten als "Shining Star" der Weltwirtschaft.

Wir müssen die Chancen der Re-Industrialisierung in den USA nutzen“: Auf diesen Punkt brachte Joe Kaeser seinen Vortrag beim IHK-Kammergespräch am 28. Oktober. Der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG war angetreten, um über die „Renaissance der US-Industrie als Chance für die deutsche Wirtschaft“ zu sprechen. Aber der Siemens-Chef interpretierte die Themenstellung durchaus großzügig: Die über 400 Zuhörer bekamen auch Einblicke in die aktuelle Strategie-Entwicklung des Konzerns.

Kaeser ließ keinen Zweifel daran, dass er die Vereinigten Staaten für einen überaus attraktiven Wachstumsmarkt hält: „Die USA ist der Shining Star der Weltwirtschaft und seit Jahrzehnten der verlässlichste Partner Deutschlands.“ Und er appellierte eindringlich, dass die Debatte über Chlorhühnchen nicht den Blick auf die Wachstumsperspektiven verstellen dürfe, die das transatlantische Handelsabkommen TTIP für die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen verspricht.

Fünf Jahre nach der großen Rezession bewegt sich die US-Wirtschaft laut Kaeser im Aufwärtstrend, vor allem der Energieboom treibe den Konjunkturmotor an. Im August überholte die USA mit einer Produktion von 11,6 Mio. Fass Rohöl und Flüssiggas Saudi-Arabien. Die Steigerung der Produktion drückt die Energiepreise – ein erheblicher Vorteil im globalen Standortwettbewerb, der zu einem markanten Anstieg der ausländischen Direktinvestitionen im verarbeitenden Gewerbe führt. Auch deutsche Konzerne wollen an dieser Renaissance der US-Industrie teilhaben, wie die Beispiele Merck, ZF Friedrichshafen oder Infineon zeigen.

Im Oktober hat Siemens für knapp sechs Mrd. Euro den US-Kompressoren-Hersteller Dresser-Rand erworben. Damit hat der Konzern ein klares Zeichen gesetzt, dass er beim Öl- und Gasboom in den USA kräftig mitmischen will. Diese Akquisition schließe eine technologische Lücke im Portfolio, erläuterte Kaeser. Mit den bei Öl- und Gasförderern in den USA weit verbreiteten Turbinen und Kompressoren von Dresser-Rand könne sich Siemens eine Plattform schaffen, um den Vertrieb weiterer Produkte zu forcieren. Mit seinen Kompetenzen entlang der gesamten Energie-Wertschöpfungskette rechnet sich Siemens Chancen aus, von den Investitionen in die Energieinfrastruktur der Vereinigten Staaten zu profitieren.

Wie der Siemens-Chef erklärte, soll das US-Geschäft jedoch nicht nur im Energiesektor ausgebaut werden. Der Öl- und Gasboom sei ein Treiber für die Re-Industrialisierung insgesamt – was auch der Kaufkraft der Mittelschicht zugute komme und über diesen Hebel den wirtschaftlichen Aufschwung verstetige. Von dieser Entwicklung sollen auch die Siemens-Geschäfte in den Bereichen Automatisierung, Mobilität und Gebäudetechnik profitieren.

"Mittelfranken ist Herzensregion"

Als Voraussetzung dafür nannte Kaeser die Nähe zum Kunden durch die Präsenz auf dem Markt. Ressourcen müssten dort eingesetzt werden, wo der Bedarf und die Chancen liegen. Vor diesem Hintergrund will der Siemens-Chef auch die Entscheidung verstanden wissen, dass die Energie-Sparte unter der Regie von Vorstand Lisa Davis seit August von Houston in Texas aus geführt wird. Dies bedeute keine Schwächung des Standorts Erlangen. Kaeser betonte, dass Mittelfranken eine „Herzensregion“ des Konzerns bleibe. Ein Indikator dafür sei die Entwicklung der Arbeitsplätze: In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Mitarbeiter an den mittelfränkischen Siemens-Standorten von 32 880 auf 38 000 gestiegen, das entspricht rund einem Drittel aller Siemens-Beschäftigten in Deutschland.

Der Siemens-Chef erklärte, dass das Unternehmen auch künftig „um jedes Talent, um jeden Arbeitsplatz ringen“ werde: „Wir lassen niemanden wegen einer temporären Unterauslastung bestimmter Geschäftsfelder gehen.“ Allerdings seien Reaktionen auf mögliche strukturelle Veränderungen unausweichlich.

Zufrieden äußerte sich der Siemens-Chef über den Start der neuen Konzernstruktur zum 1. Oktober: Die Gliederung in die vier Sektoren Industrie, Energie, Medizintechnik und Infrastruktur & Städte wurde abgeschafft; das Geschäft wird nun in Divisionen geführt, wobei die Medizintechnik „als Unternehmen im Unternehmen“ verselbstständigt wurde. Diese Strukturreform soll dazu beitragen, wesentliche Ziele der Langfriststrategie „Vision 2020“ zu erreichen: mehr Kundennähe, schlankere Strukturen, weniger Bürokratie. Mit der „Vision 2020“ will die Siemens-Führung den Konzern auf Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung ausrichten. Gerade auf diesen Wachstumsfeldern bietet das verstärkte Engagement auf dem US-Markt vielfältige Chancen.

Vorbild Silicon Valley

Joe Kaeser betonte, dass er „Made in USA“ und „Made in Germany“ keinesfalls als „Entweder – Oder“ betrachtet, sondern als friedliche Koexistenz. Die deutsche Wirtschaft müsse allerdings über ihren Tellerrand hinausschauen und bereit sein, von den Besten zu lernen. Vor allem in puncto Schnelligkeit, Flexibilität und Generierung von Kundennutzen sieht der Siemens-Chef die Kultur des Silicon Valley als Vorbild. In seinem Vortrag warnte er allerdings vor einer plumpen Imitation dieser Tugenden: „Es geht nicht um’s Kopieren, sondern um’s Kapieren.“

Diesen Appell richtete er auch an die Adresse der deutschen Politik: Dass der Industriestandort Deutschland im Moment gut da stehe, sei das Ergebnis umsichtiger Reformen wie der vom damaligen Kanzler Gerhard Schröder vorangetriebenen Agenda 2010. Der Siemens-Chef sprach jedoch eine eindringliche Warnung aus: Deutschland könnte ins Hintertreffen geraten, wenn Anstrengungen auf zentralen Handlungsfeldern unterblieben. Unter anderem mahnte er Investitionen in den Erhalt einer leistungsfähigen Infrastruktur an. Dringend erforderlich sei, die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zu verstärken. Außerdem wünscht sich der Siemens-Chef eine Verbesserung des Innovationsklimas, etwa durch die verstärkte Förderung von Unternehmensgründungen. Hart kritisierte Kaeser die Folgen der Energiewende. So ließen sich hoch effiziente Gasturbinen für Kraftwerke international nur schwer verkaufen, wenn die energiepolitischen Rahmenbedingungen die Nachfrage auf dem Heimatmarkt wegbrechen lassen.

Siemens-Campus Erlangen

Die Hoffnung auf einen Mentalitätswandel drückte Joe Kaeser nicht nur in Bezug auf die Wirtschaftspolitik in Deutschland aus, auch das Arbeitsklima in den Unternehmen müsse sich verändern. Der „Spirit“ des Silicon Valley soll künftig auch die Siemens-Beschäftigten inspirieren, wobei Kaeser auf eine „Kultur des Vertrauens und der Eigenverantwortlichkeit“ setzt. Die Mitarbeiter sollten Mut haben, in ihren Bereichen unternehmerische Entscheidungen zu treffen.

Der Siemens-Chef unterstrich damit die wichtige Rolle der Kommunikation und der Team-Arbeit gerade beim Innovationsmanagement: Bahnbrechende Erfindungen entstehen heute nur noch selten in der Garage von Einzelkämpfern, sondern durch den Austausch in Wissensnetzwerken innerhalb einer Organisation oder zwischen Unternehmen und Hochschulen. Auch deshalb sei es wichtig, die Kommunikation zu fördern. Der geplante Siemens-Campus Erlangen biete dafür den idealen Rahmen, wie Kaeser betonte: Die Campus-Strukturen können dazu beitragen, dass Dinge schnell „bei einem Kaffee im persönlichen Gespräch geklärt werden statt in einer langen E-Mail-Korrespondenz“.

Beim Kammergespräch machte Joe Kaeser auch deutlich, was er an der Mentalität der US-Wirtschaft so schätzt: Aufbruchsstimmung und Optimismus. Eine Einstellung, mit der er auch Siemens auf Wachstumskurs halten will: „Manchmal höre ich, früher war alles anders und besser. Aber die Vergangenheit kann man nicht mehr ändern, die Zukunft schon.“

Autor: 
aw.
 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 11|2014, Seite 50

 
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