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Corona-Pandemie

Wie gut werden wir informiert?

christian-schicha_poehlein © georg pöhlein

„Erst allmählich wurde klar, wie bedrohlich die Situation auch in Deutschland sein könnte.“ Prof. Dr. Christian Schicha

WiM-Interview mit Medienethiker Prof. Dr. Christian Schicha.

Prof. Dr. Christian Schicha lehrt Medienethik am Institut für Theater- und Medienwissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) sowie Medienmanagement an der Mediadesign Hochschule in Düsseldorf.

WiM: Das Thema Corona ist zum Dauerbrenner medialer Berichterstattung geworden. Welche Rolle spielen die Medien in der Corona-Krise?

Die Medien spielen eine entscheidende Rolle, da im Rahmen der Berichterstattung die Positionen und Einschätzungen der relevanten Akteure innerhalb der Debatte transportiert werden. Sie liefern auch die Bilder und kommentierenden Einschätzungen. Medien berichten weiterhin über aktuelle Ereignisse sowie nationale und internationale Entwicklungen. Darüber hinaus liefern sie Zahlen, Daten und Fakten über die Pandemie, die entsprechend eingeordnet werden sollten. Dies ist aber aufgrund der unklaren Lage und fehlenden Erfahrungen mit einem neuartigen Virus nicht so einfach. Faktisch gilt in der aktuellen Situation vielmehr die in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 10. April formulierte These von Jürgen Habermas: "So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie."

Viele haben die Bilder von Leichentransporten und Massengräbern aus Italien noch vor Augen. Welche Bedeutung haben solche Bilder?

Derartige Bilder aus Italien, aber auch aus New York können Ängste schüren, zugleich aber auch drastisch davor warnen, zu leichtsinnig mit den gesundheitlichen Bedrohungen durch das Virus umzugehen. Sie fungieren dann zusätzlich als Mahnung, die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen zu beachten.

Einige zeigen sich von der Berichterstattung über Corona verunsichert. Woher rühren ihre Zweifel und Ängste?

Das hängt damit zusammen, dass die Gefahr des Corona-Virus für die deutsche Bevölkerung nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums noch im Januar dieses Jahres als "sehr gering" eingeschätzt worden ist. So stand es am 21. Januar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Diese Auffassung teilte auch der Präsident des Robert- Koch-Instituts am 27. Februar in einem Interview im ZDF-Morgenmagazin. Am 5. Februar ging das Ifo-Institut laut einer Meldung der Süddeutschen Zeitung davon aus, dass das Corona-Virus die deutsche Wirtschaft kaum treffen würde. Einen Tag später berichtete dieselbe Zeitung, ein Arzt vertrete die Meinung, dass "Corona auf keinen Fall gefährlicher als Influenza" sei. Erst allmählich wurde klar, wie bedrohlich die Situation auch in Deutschland sein könnte. Dann stellte sich heraus, dass zu wenig Schutzmaterial und Tests vorhanden waren, und es begann die Phase der sogenannten Hamsterkäufe. Die Einschätzung der Gefahren und Maßnahmen durch Politiker und Virologen war uneinheitlich. Darüber wurde entsprechend berichtet. Statt Einordnung und Orientierung durch die Medien wurden Meldungen publiziert, die Widersprüche und Differenzen aufzeigten. Zudem gab es sogenannte Verschwörungungstheorien, die faktisch aus Gerüchten, falschen Behauptungen und unbegründeten Mutmaßungen bestanden. All dies hat zu einer Verunsicherung in Teilen der Bevölkerung geführt.

Die Wissenschaft ist während der Corona-Krise stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Schlägt aktuell die Stunde der Experten?

Eine derartige Vielzahl von Virologen, die sich an Mediendebatten prominent beteiligen, hat es vor dem Ausbruch der Corona-Krise noch nicht gegeben. Aufgrund ihrer Funktion als Politikberater besitzen sie einen zentralen Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse und die daraus resultierenden Konsequenzen für die Bevölkerung. Zu Recht hat der Virologe Christian Drosten darauf hingewiesen, dass ein Wissenschaftler nur Daten generiert und sein Fachwissen weitergibt. Er besitzt aber kein demokratisches Mandat. Die relevanten Entscheidungen müssen weiter durch die Politik getroffen, begründet und vertreten werden.

Die Fragen stellte Christian Hiemisch.

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 07|2020, Seite 25

 
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