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Renaissance trifft High-Tech

Es gibt Trendbegriffe, die einem leicht über die Lippen gehen und andere, bei denen man sich schwer tut. „Intelligent building“ ist wohl für die meisten so ein schwieriges Wort, ungeachtet der Tatsache, dass wir fast allgegenwärtig davon umgeben sind: Gemeint ist moderne Haustechnik. Doch wer bei Haustechnik an Rohre, Kabel und Sanitäreinrichtungen denkt, liegt völlig falsch. Hier geht es vielmehr um Gebäudeautomation, um künstliche Intelligenz für das Bauen im 21. Jahrhundert, um ressourcenschonend und komfortabel leben zu können. All dies haben die Architektin und Geschäftsführerin der Firma Stuhl Regelsysteme GmbH mit Sitz in Spalt, Andrea Stuhl, und ihr Mann, der Architekt Fred Brunner, dessen Architekturbüro auch Altbau-Sanierungen durchführt, exemplarisch mit dem Projekt „Tucher Schloss“ in Feucht bei Nürnberg realisiert.

Der 1591 im Renaissance-Stil erbaute, ehemalige Sommersitz der Patrizierfamilie Tucher, war in vier Jahrhunderten mehrfach umgestaltet und durch einen Brand schwer beschädigt worden, als Brunner und Stuhl das Gebäude 1990/91 in einem desolaten Zustand erwarben. In liebevoller, jahrelanger Detailarbeit wurde das trutzige Sandstein-Schlösschen mit seinen vier Mansarden-Türmchen an der Feuchter Hauptstraße unter Federführung von Fred Brunner saniert und 2002 fertig gestellt. „Der Zustand, den wir vorfanden war völlig verbaut und hatte nichts mehr mit den historischen Gegebenheiten zu tun. Wir mussten aus manchen Stockwerken bis zu 40 Lkw-Ladungen Schutt abtransportieren.“ Die Investitionskosten beziffert Stuhl auf rund 1,5 Mio. Euro ohne Eigenleistungen. Ziel war von Anfang an ein Zurückführen auf den ursprünglichen Zustand bei gleichzeitiger moderner Nutzbarkeit. Mittlerweile sind Erdgeschoss und erster Stock vermietet. Im zweiten und dritten Stock auf rund 200 Quadratmetern Nutzfläche hat sich Andrea Stuhl einen lang gehegten Traum verwirklicht: die Symbiose von mehreren Gegensätzen, die sie vereinen und aufheben möchte – auch aus handfesten, wirtschaftlichen Überlegungen.

Mit der Implementierung modernster Haustechnik in historische Substanz und einem kompromisslos modernen Innenraum-Design, das aber die Vergangenheit achtet, will sie nicht nur die Verbindung von alt und neu, sondern auch die Verzahnung von Arbeiten, Komfort und Wohnen demonstrieren. Sie sieht daher das Projekt in erster Linie als eine „subtile Präsenz, die den Menschen Angst nehmen soll“. Das Objekt, das auf der Frankfurter Messe „light and building“ mit dem Innovationspreis „Architektur und Technik 2002“ ausgezeichnet wurde, solle eine optimale Schnittstelle zwischen Architektur und Technik darstellen. Bislang sei es ein Problem, dass der Bereich Haustechnik trotz großer, wertvoller Potenziale zu technisch und unemotional kommuniziert werde. Dies wolle sie mit dem Tucher Schloss ein Stück weit ändern, so Stuhl. Daher wolle man mit dem Tucher Schloss auch Vorurteile abbauen. Gebäudeautomation soll nicht nur für Spezialimmobilien zum Einsatz kommen, sondern erlebbar in mögliche Wohnwelten integriert dargestellt werden. Es wird dort das technisch Machbare anhand hochwertiger, kaufbarer Serienprodukte gezeigt – keine Visionen von übermorgen. Brunner und Stuhl möchten aber auch Bauherren dafür gewinnen, ähnliche Wege bei „technisch unterstützter Architektur“ wie sie es nennen, zu gehen und das sowohl im Sanierungs- und Revitalisierungsbereich, als auch bei Neubauten.

Das Modellprojekt Tucherschloss hat bisher über 30 Projektpartner, die ihre Kompetenz in den Bereichen Ästhetik, Technik, Support und Lifestyle haben. Neben namhaften Konzernen wie Bosch, Nokia, Miele, Gaggenau und anderen waren es aber gerade die mittelständischen Projektpartner der Region, die sich mit besonderer Dynamik einbrachten, so Andrea Stuhl. Ein Schwerpunkt der regional Beteiligten lag beim Thema Werbung. Die Firmen friends & pflaumer Photografie, OINO Werbeagentur und drehmomente.de Animation zeichnen dafür verantwortlich. Sanitär Union und Zumtobel Staff engagierten sich im Technikbereich. Aus dem Genusssegment sind Käse Langer und Il Nuraghe als Partner bei Events und Seminaren mit dabei.

Synergien zu ihrem Unternehmen Stuhl Regelsysteme GmbH mit Sitz in Spalt ergaben und ergeben sich ständig. Die Firma wurde 1975 gegründet, hat 40 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz im vergangenen Geschäftsjahr von 3,7 Mio. Euro. Entgegen dem allgemeinen wirtschaftlichen Trend wird man den Umsatz 2002 eigenen Angaben zufolge um ca. fünf Prozent steigern können. Stuhl Regelsysteme entwickelt und produziert am Standort Spalt-Großweingarten Systeme vom einfachen Zweipunktregler bis zu kompletten Lösungen für die Gebäudeautomation. Das Unternehmen sieht sich als Branchenspezialist in den Bereichen Heizung, Klima und Lüftung. Darüber hinaus machte sich das mittelfränkische Unternehmen gerade auch durch kundenspezifische Entwicklungen europaweit einen Namen. Der Exportanteil liegt daher bei rund 30 Prozent auf hohem Niveau.
Oliver Dehn
 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 10|2002, Seite 34

 
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