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Wie stark beeinflussen Medien die Konjunktur?

ARD-Vorsitzender Prof. Thomas Gruber mit IHK-Ehrenpräsident Hans-Peter Schmidt, der in Vertretung von IHK-Präsident Prof. Dr. Klaus L. Wübbenhorst die Veranstaltung leitete.

?Öffentlich-Rechtliche bei Wirtschaftsberichterstattung breiter und tiefgründiger als die Konkurrenz.?

„Journalismus als Konjunkturmacher? – Die Verantwortung der Medien für die Wirtschaft“ lautete das Thema des Vortrags von Thomas Gruber beim 122. Kammergespräch der IHK. Gruber ist zurzeit turnusgemäß Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland (ARD) und seit Anfang 2002 Intendant des Bayerischen Rundfunks.

Eine Grundregel der Medienberichterstattung sei Selektion, so Gruber. Die Medien könnten daher die Realität niemals vollständig abbilden, sondern immer nur Ausschnitte davon. Damit sei klar, dass es immer um Fragen der Interpretation gehe, sowohl hinsichtlich der Themenauswahl als auch der Aufbereitung eines Themas. Die Auswahl folge auch dem vermuteten Interesse des Lesers oder Zuschauers. Einen wesentlichen Einfluss auf die Berichterstattung hätten Nachrichtenfaktoren
wie Außergewöhnlichkeit, Personalisierung und insbesondere Negativismus. Negativ abweichendes Verhalten werde wahrgenommen. Die Medien seien dabei lediglich ein Turbo, der diese ohnehin menschliche Tendenz noch verstärke.

Bei der Berichterstattung über die Konjunktur basiere ein Großteil auf Aussagen von Ministerien, Parteien und Politikern. Thematisiert würde das „hochkomplexe Gebilde Konjunktur“ vor allem an Hand der Teilaspekte Arbeitslosigkeit, Preisniveau, Aktienkurse und „allgemeine Lage“.

Beim Thema Arbeitslosigkeit sagte Gruber, dass dem Journalismus mehr Reflexion und weniger Reflex gut täte. Die Medien dürften ein so ernstes Problem wie die Arbeitslosigkeit nicht bagatellisieren. Aber es zum alleinigen Gegenstand der Konjunktur-Berichterstattung zu erheben, sei genauso gefährlich. Denn dann trete der Effekt ein, dass die gesamtwirtschaftliche Lage nur noch auf Grund eines Indikators und damit als ausgesprochen schlecht bewertet wird, schlechter als sie womöglich ist. Ein Konjunkturmacher ist der Journalismus nach Meinung Grubers nicht, „denn das hieße ja, dass die Medien direkten Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung hätten“. Ein indirekter Einfluss ließe sich jedoch nicht leugnen, was auch eine aktuelle empirische Studie bestätige, die Prof. Lutz Hagen an der WiSo-Fakultät der Universität in Nürnberg durchgeführt hat.

Wer Macht und Einfluss habe, der habe auch Verantwortung. Für Medien bedeute dies eine Verantwortung gegenüber der Politik, den Konsumenten und den Unternehmen. Eine einseitige Berichterstattung sei in der Lage, politische Mehrheiten zu verändern. Journalisten stünden nicht nur hier vor dem Problem, Zahlen und Fakten objektiv einzuordnen und zu interpretieren, ohne dabei manipulierend zu wirken. Gegenüber den Verbrauchern gelte es, deren Angst nicht zusätzlich zu schüren und den Abwärtstrend beim Konsum nicht zu forcieren, indem die „derzeitige Schnäppchenjäger-Mentalität“ über die Werbung hinaus unterstützt wird. Bei einem möglichen Insolvenzantrag eines Unternehmens stehe man vor der Entscheidung, über die Schwierigkeiten zu berichten oder Wissen zurückzuhalten. Im ersten Fall könne es zu einer „self-fulfilling prophecy“ kommen: Die Medien verbreiten, dass es einer Firma schlecht gehe, als Folge geht es ihr möglicherweise noch schlechter. Aber Informationen zu verschweigen, widerspreche natürlich ganz und gar dem Selbstverständnis eines ordentlichen Journalisten. Bei der Börsenberichterstattung sehe er manchmal mit Sorge, so Gruber, welche Macht den Analysten zukomme.

Wie in allen Bereichen der Medien machte der ARD-Vorsitzende auch in der Wirtschaftsberichterstattung einen Trend aus, das zu thematisieren, was mit Superlativen und Prominenz zu tun habe. Er bedauere, dass die Mittleren und Kleinen da oft durch den Rost fielen. Seiner Meinung nach werde die Wirtschaftsberichterstattung bei den Öffentlich-Rechtlichen „breiter und tiefgründiger“ als bei den Privaten angegangen. Weiterhin trage die föderale Struktur der ARD dazu bei, „die Perspektiven kleiner und mittlerer Firmen in den Regionen aufzugreifen“. Die Gebührenfinanzierung sei Privileg und Verpflichtung zugleich, nicht nur auf das zu schielen, was beim Publikum gut ankommt, sondern immer auch im Blick zu haben, welche Informationen die Zuschauer und Hörer benötigen, um sich ein fundiertes Urteil zu bilden. Das gelte gerade auch im Bereich der Wirtschaft.

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 10|2005, Seite 14

 
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