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Welche Folgen hat die Produktpiraterie?

WiM sprach mit dem Designer Prof. Rido Busse, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, sowohl Designer und Firmen als auch Politiker und Konsumenten für einen kritischen Umgang mit dem Thema „Original und Plagiat“ zu sensibilisieren. Selbst von Nachahmungen betroffen, rief Busse 1977 den Negativpreis „Plagiarius“ ins Leben. Symbolfigur: Ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase, die sich die Plagiatoren sprichwörtlich verdienen wollen.

WiM: Welche Auswirkungen haben Plagiate?
Die Europäische Kommission schätzt, dass sieben bis zehn Prozent des Welthandels Fälschungen und Plagiate sind und dass ein volkswirtschaftlicher Schaden in Höhe von 200 bis 300 Mrd. pro Jahr entsteht und mehr als 200 000 Arbeitsplätze vernichtet werden. Allein in Deutschland sollen sich die Schäden auf 29 Mrd. Euro belaufen. Deutsche Unternehmen erleiden immense Schäden, natürlich Umsatzrückgänge, aber auch den Verlust von Marktanteilen, die Zerstörung der Glaubwürdigkeit der Marke und unberechtigte Produkthaftungsklagen.

WiM: Gibt es Branchen, die besonders betroffen sind?
Das Problem betrifft nicht nur Luxusartikel wie Uhren, Parfums, Textilien oder Accessoires. Kopiert werden Produkte aller Branchen, von Haushaltsartikeln über Leuchten, Kinderspielzeug und Werkzeug bis zu komplexen technischen und elektronischen Geräten. Werden Sicherheitsstandards vernachlässigt, so sind Gesundheit oder Leben gefährdet. Beispiele sind Medikamente ohne Wirkstoffe, mangelhafte Ersatzteile, giftige Farben bei Spielzeug und Textilwaren.

WiM: Wie kann der Verbraucher erkennen, ob ein Produkt gefälscht ist?
Das wird immer schwieriger. Wachsendes Know-how der Plagiatoren und modernste Technik führen dazu, dass die Qualität der Nachahmungen immer besser wird. Wichtige Indizien können aber der Preis oder der Vertriebskanal sein. Es gibt keine Original-Luxusuhr für zehn Dollar und auch fliegende Händler verkaufen nur Fälschungen. Vorsicht geboten ist auf Flohmärkten und im Internet. Zusätzlich sollte auf TÜV- und CE-Zeichen, Gebrauchsanweisungen, Garantiescheine usw. geachtet werden.

WiM: Wie können sich Unternehmen schützen?
Basis, um die Nachahmer zur Rechenschaft ziehen zu können, ist die Eintragung und anschließende Durchsetzung von gewerblichen Schutzrechten. Eine sorgfältige Marktbeobachtung im Handel, auf Messen und im Internet ist unerlässlich. Mittels Öffentlichkeitsarbeit können Firmen Kunden aufklären und binden. Sehr effektiv ist die Zusammenarbeit mit dem Zoll in Form der so genannten Grenzbeschlagnahme. Sicherheitstechniken dienen der eindeutigen Identifizierung.

WiM: Aus welchen Ländern kommen vorwiegend Auftraggeber bzw. Produzenten?
Hergestellt wird der Großteil der Nachahmungen aus Kostengründen in Fernost, insbesondere China und Thailand. Vertrieben werden die Waren weltweit. Über Russland und Osteuropa kommen sie nach Deutschland. Die Erfahrung zeigt, dass ethische Bedenken und Fair Play auch in westlichen Ländern über Bord geworfen werden, wenn große Gewinnspannen winken. Die Auftraggeber sind häufig europäische oder amerikanische Firmen, die die Kopien in Südostasien in Auftrag geben, um sie gewinnbringend in westlichen Ländern zu vermarkten.

WiM: Ihr Designinstitut hat neben dem seit 1978 vergebenen „Plagiarius“ auch den Busse Longlife Design Award (BLDA) gestiftet. Welches Ziel verfolgen Sie mit dieser Auszeichnung?
Mit diesem Award wollen wir besondere Designqualität hervorheben. Der Preis ist eine Hommage an die Designer langlebiger Produkte, eine Anerkennung und Bestätigung für professionelle und nachhaltige Leistung. Er zeigt, dass Design kein unnützer Kostenfaktor, sondern eine lohnende Investition in die unternehmerische Zukunft des Unternehmens ist. Die Preisträger zeigen, dass Verbraucher bei Alltagsprodukten unauffällige Verlässlichkeit und einfache Handhabbarkeit schätzen. Die Produkte überzeugen durch hohe Qualität, hochwertige Materialien, schlichtes Design, Beständigkeit und gute Funktionalität bei den vier Designkriterien Technik, Fertigung, Ergonomie und Produktästhetik. Der BLDA wurde dieses Jahr in Nürnberg bei der bayern design GmbH im Designforum verliehen.
 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 12|2005, Seite 48

 
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