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Mein Laptop, mein Büro, mein Maßanzug

Kleider machen Leute, genauso wie Dienstwagen, Handy und gestyltes Büro. Doch die Codes ändern sich ständig und wer nicht auf dem Laufenden ist, kann sich beim Prahlen leicht lächerlich machen.

Stellt man Führungskräften die Frage, ob Führungskräfte Statussymbole brauchen, sind sie einer Meinung: Natürlich nicht! Fragt man dagegen die Chefs von Unternehmen, wissen die etwas anderes zu berichten: Dass nämlich um den Titel auf der Visitenkarte, den Dienstwagen, das 1.-Klasse-Ticket bei der Bahn und die Notwendigkeit einer eigenen Sekretärin mehr gerungen wird als über die Höhe des Gehalts.

Eine Untersuchung der Unternehmensberatung Hewitt Associates bestätigt das: Der Entzug von Dienstwagen, Handy oder Blackberry würde den Einsatzwillen um mehr als ein Drittel senken, so das Ergebnis der Studie. Das Unternehmen hatte fast 200 Top-Führungskräfte aus Konzernen und mittelständischen Firmen zu ihrem Engagement im Job befragt. Auch Management-Berater Klaus von Kutzschenbach sagt: Statussymbole sind allen wichtig! Das hässliche Wort allerdings will niemand auf sich gemünzt wissen; Statussymbole sind immer das, was die andern wollen.

„Die neuen Statussymbole sind Tugenden“, meint Moritz Freiherr Knigge. Er ist ein Nachfahre des berühmten Adolph Freiherr Knigge, der sich bekanntlich für einen besseren „Umgang mit Menschen“ einsetzte. Der junge Knigge will dies fortführen, hat dazu eine Freiherr-Knigge OHG gegründet und mit seinem Kompagnon kürzlich ein Buch über Statussymbole („Zeichen der Macht“) vorgelegt. Darin skizzieren die Autoren das gesellschaftliche Spiel mit Statussymbolen als eine Art Quartett, bei dem man starke Karten sammeln und sie richtig ausspielen muss. „Statt um Hubraum, Pferdestärken oder Höchstgeschwindigkeit geht es im Status-Quartett um die Tugenden der Moderne“, postulieren Knigge und Konsorten in ihrem Buch. Aber nur, wer in allen Kategorien etwas auf der Hand halte, werde auf lange Sicht mitmischen können.

Tugenden der Moderne
Die „Tugenden der Moderne“, das sind für die Ratgeber sieben an der Zahl: Erfolg, Tradition, Wissen, Dynamik, Gemeinsinn, Weltoffenheit und Bescheidenheit. Erschwert wird das Spiel dadurch, dass sich auch die Bewertung der Karten immer wieder ändert: Erst ist es total hip, zum Boxen oder zum Autorennen zu gehen, dann jahrelang extrem plebejisch, dann wieder cool etc. In diesen Zeiten erinnert der Kampf um die Symbole auch ein wenig an die „Reise nach Jerusalem“, so Knigge: „Man fährt die Ellbogen aus, schubst und drängelt. Am Ende jeder Runde bleibt einer übrig. Einer steht. Das will niemand sein.“

Trotz allen Wechsels steht bei den Zeichen der Macht immer noch der Erfolg ganz vorn. Das Haben ist unverändert notwendige Bedingung des Seins. Aber was muss man haben? Zum Beispiel ein Top-Handy? Da gehen die Meinungen schon auseinander. Während Knigge meint, dass man mit Handys heute keine Punkte mehr machen kann, stellte jüngst der Verleger Hubert Burda fest: „Wenn heute jemand auf einem Flughafen ankommt und hat kein Handy in der Hand, muss er sich fast schon für ein asoziales Individuum ohne Freunde halten." Für Knigge ist es eher der „Hackenporsche“ (Rollkoffer), ohne den man heute nicht mehr in den „Flieger“ steigen sollte: „Der Gelegenheitspassagier zieht sein viel zu schweres Kunstlederungetüm hinter sich her, und entsprechend mühelos ist selbst für den Laien zu erkennen, wer in der gesellschaftlichen Hierarchie höher steht.“

Kleidung markiert den Status am besten
Was andere Menschen sofort sehen können, hat bei den Statussymbol-Ratgebern eben Vorrang. „Wenn Sie für Statussymbole harte Euros investieren wollen, dann beginnen Sie bei Ihrem Outfit!“, meint auch Klaus von Kutzschenbach: „Nichts hebt und unterstreicht Ihren Status so sehr, wie korrekt und bestens angezogen aufzutreten.“ An zweiter Stelle erst stehen für ihn solche Dinge wie die Büroeinrichtung, der Dienstwagen und das Notebook, das kaum noch für Renommee sorgen kann. Viel wichtiger sind in der Erfolgssparte die Trümpfe Zeit und Macht. Die Faktoren hängen ohnehin untrennbar zusammen: Wer zum Beispiel die Macht hat, Arbeit abzulehnen oder zu delegieren, verfügt wiederum über mehr Zeit, die er dann sinnvoller nutzen kann. Das bedeutet Freiheit, die wiederum Macht bedeutet.

Bei anderen Status-Faktoren wie Wissen, Dynamik, Weltoffenheit steckt oft weniger Tugend dahinter, als die Begriffe glauben machen. Bei Statussymbolen geht es schließlich um Symbole, nicht um Sachverhalte. Das wird spätestens dann klar, wenn man die Ratschläge der Status-Trainer im Detail beschaut: „Um mit dem klassischen Bildungsbürgertum mithalten zu können, braucht es nur wenig“, sagt Moritz Freiherr Knigge, „für Lesemuffel gibt es ja das Medium Fernsehen.“ An anderer Stelle heißt es: „Man muss nicht wirklich irgendwo gewesen sein, um eine Kultur besser zu kennen als andere. Für das Status-Quartett genügt es, ein gutes Buch zu lesen. Sehr gut geeignet sind Kinder- und Jugendsachbücher.“ Der Manager, der beim Meeting mit dem Wissen aus seinen „Was ist was“-Bänden glänzt? Eine amüsante Vorstellung.

Noch tiefere Einblicke in die traurige Welt der strategischen Prahlerei gibt Freiherr Knigge, wenn er Tipps zu Bescheidenheit, Weltoffenheit und Gemeinsinn gibt. Bescheidenheit: den offensichtlichsten Luxus zu einer kleinen Liebhaberei herunterspielen. Weltoffenheit: ein Praktikum in New York als internationale Karrierestation ausgeben. Gemeinsinn: Vortäuschen echten Engagements für eine beliebige Randgruppe. Spätestens hier wird Status-Pokern nicht nur lächerlich, sondern auch zynisch.

Im Sinne dieses bewussten Vorspiegelns falscher Tatsachen werden Statussymbole überdies auch gefährlich. Weniger für die Gesellschaft, die dafür ein natürliches Regulativ hat. Aber für die, deren Täuschungen auffliegen. Ein harmloses Beispiel ereilte im letzten Jahr den Siemens-Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld, als ihm die eigene Presseabteilung nach seinem Amtsantritt die Rolex wegretuschierte – und dafür von den Medien Hohn und Spott erntete. Peinlich auch die Entlarvung von Ex-Boss-Boss Werner Baldessarini, der in dem Hochglanzblättchen „FivetoNine“ davon schwadronierte, wie er im Golf von Fethiye auf einem türkischen Schoner weilte und sich den frischen Wind um die Nase wehen ließ, während die Seile knarrten und das Bootsholz ächzte. Und dann stellt sich heraus, dass diese Art Boot vollklimatisiert ist, jede Menge Ausstattung an Bord hat und ohne fachkundige Crew gar nicht alleine gesegelt werden kann.

Der Umgang mit Statussymbolen ist eben ein subtiles Spiel, bei dem „das Wie und nicht das Was ausschlaggebend ist“, wie Führungskräfte-Coach von Kutzschenbach sagt. Kleinste Nuancen können dabei entscheidend sein, und die Codes, die heute noch den Status erhöhen, können morgen schon bemitleidenswert sein. Alles ist Interpretationssache. Als der Journalist Jan Kuhlbrodt vor ein paar Jahren sein „Lexikon der Statussymbole“ vorlegte, empfand die Süddeutsche Zeitung etliche der genannten Dinge einfach als Accessoires von Mittelschicht-Verlierern.

In der extremen Ausdifferenzierung der Statussymbole liegt am Ende der größte Vorteil: Wenn alles Interpretationssache ist, sinkt der Druck, der auf dem Einzelnen lastet. Wer sonst gut gelitten ist, darf die berechtigte Hoffnung haben, dass die Umgebung im Meer der Codes immer eine freundliche Auslegung finden wird.

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 06|2006, Seite 12

 
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