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Kaufsucht

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Die Universität Erlangen-Nürnberg hat eine Therapie entwickelt, um zwanghaftes Einkaufen zu behandeln.

Nahezu jedem zweiten Patienten konnte mit einer speziellen Therapie geholfen werden, das exzessive Kaufverhalten in den Griff zu bekommen. "Mit unserer Studie konnten wir in Deutschland erstmals eine wirksame Therapie gegen Kaufsucht wissenschaftlich nachweisen", sagte Studienleiterin Dr. Astrid Müller aus der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung am Universitätsklinikum Erlangen.

Das an der University of North Dakota (USA) entwickelte und in Erlangen erstmals für Deutschland umfassend getestete ambulante Gruppen-Therapiemodell wurde von November 2003 bis Mai 2007 an insgesamt 60 Frauen und Männern im Alter zwischen 20 und 61 Jahren angewendet. Um den Erfolg der Therapie nachzuweisen, nahmen die Patienten an Fragebogenuntersuchungen und psychologischen Interviews teil.

Der kulturspezifische Verhaltensexzess "pathologisches Kaufen" (Kaufsucht) ist meistens ein langjähriges, heimliches Leiden, das bei den Betroffenen und ihren Angehörigen zu einem enormen Leidensdruck führt. Die meisten Betroffenen leiden zusätzlich unter Depressionen, Angststörungen, Zwangs-störungen, Alkoholmissbrauch, Essstörungen und Impulskontrollstörungen.

"Obwohl in den alten Bundesländern rund acht Prozent und in den neuen Bundesländern sechs Prozent der Bürger als "stark kaufsuchtgefährdet" eingestuft werden können, wird das Problem immer noch übersehen oder bagatellisiert", sagte Müller. Studien würden zeigen, dass prinzipiell alle Bevölkerungs- und Einkommensschichten betroffen sind. Jüngere Menschen scheinen gefährdeter zu sein als ältere, Frauen eher als Männer. In Deutschland habe es bis jetzt keine einzige Therapiestudie zu diesem Thema gegeben. "Angesichts der stark wachsenden Kaufsuchtgefährdung in Deutschland müssen dringend wirksame Behandlungsangebote angeboten und von den Krankenkassen finanziert werden", forderte die Erlanger Psychologin.

Ausprägungen der Kaufsucht
Das Spektrum der Kaufsucht ist weit gestreut. Betroffene berichten von täglichen Kaufattacken, vom Kauf ganz spezieller oder mehrfach gleicher Artikel oder nutzloser, unsinniger Dinge. Generell favorisieren kaufsüchtige Frauen eher Kleidung, Schuhe, Kosmetik, Lebensmittel und Haushaltsgeräte, Männer hingegen eher moderne Technikartikel, Sportgeräte, Autozubehör und Antiquitäten. Meistens werden die gekauften Dinge nicht benutzt, sondern gehortet oder an nahe Bezugspersonen verschenkt oder einfach vergessen. "In der Regel geht es um das Lusterleben während des Kaufaktes. Schon beim Bezahlen treten schlechtes Gewissen und Schuldgefühle auf. Die Betroffenen können sich nach dem Kauf meistens nicht mehr über die erstandenen Waren freuen. Manchmal scheinen die Betroffenen auch die durch Kaufsituationen entstandenen Kontakte zum Verkaufspersonal zu genießen", erläuterte Müller. Die exzessiven, unangemessenen Einkäufe führen zu immensen Schulden und oft sogar zu Strafverfahren.

Krankhafte Kauflust schon ein altes Phänomen
Die "krankhafte Kauflust" oder "Oniomanie" wurde bereits Anfang des Jahrhunderts vom Leipziger Psychiater Emil Kraeplin (1909) beschrieben. Wesentlich später interessierten sich kanadische, amerikanische und deutsche Konsumforscher für dieses Phänomen und seine Nachweisbarkeit mittels quantitativer Erhebungsinstrumente. Die Erfolg versprechenden Ergebnisse der wenigen offenen Medikamentenstudien zur Behandlung der Kaufsucht (z. B. mit Antidepressiva) konnten bisher durch kontrollierte Studien nicht bestätigt werden. Außerdem wird von sehr hohen Abbruchraten (bis zu 60 Prozent) berichtet. Bereits Kraeplin zählte das pathologische Kaufen zu den Impulskontrollstörungen. In diese Gruppe von Störungen gehören auch das pathologische Spielen, die Trichotillomanie (zwanghaftes Ausreißen der eigenen Haare), die Pyromanie und die Kleptomanie.

Ab Herbst 2008 wird eine neue Therapiegruppe am Uni-Klinikum Erlangen angeboten. Weiterbildungsangebote für ambulante Therapeuten sind ebenfalls in Planung. Eine Selbsthilfegruppe wurde in Fürth gegründet.

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 10|2008, Seite 60

 
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