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Corporate Social Responsibility

Wirtschaft braucht sozialen Weitblick

Das verantwortungsvolle Handeln von Unternehmen rückt in den Blick einer kritischen Öffentlichkeit. Gefordert werden mehr gesellschaftliches Engagement und mehr Einsatz der Wirtschaft für eine nachhaltige Entwicklung. Von Thomas Tjiang

Führungskräfte aus der Wirtschaft ziehen ihren Nadelstreifenanzug aus, um in einer sozialen Einrichtung mitzuarbeiten. Rollentausch oder Seitenwechsel heißt diese Form der Corporate Social Responsibility (CSR), die von einer zunehmenden Zahl von Unternehmen praktiziert wird. Mittlerweile hat Theologe und Unternehmensberater Thomas Zeilinger, der vor zehn Jahren das Institut persönlichkeit und ethik (p+e) in Neuendettelsau mitbegründete, allein in Bayern rund 200 Seitenwechsel für Führungskräfte aus der Wirtschaft organisiert.

Beim Rollentausch arbeiten Führungskräfte in sozialen Einrichtungen mit Obdachlosen, Asylbewerbern oder straffällig gewordenen Jugendlichen. In dieser weitgehend unbekannten Lebenswelt sei es notwendig, „gut zuzuhören und das eigene Tempo dem der Klienten anzupassen“. Ein Gegensatz zum meist hektischen Betriebsalltag. Erfahrungsgemäß nutzen nach Worten Zeilingers eher größere Unternehmen dieses Angebot, mit dem klar formulierten Anspruch, den Managern „Bodenhaftung zu verordnen, um den betrieblichen Tunnelblick“ zu verhindern.

Nach Beobachtung von Christine Rosemann, Chefin der gleichnamigen Erlanger Personalberatung, wird der Druck auf Unternehmen, sich „ethischer“ zu verhalten, auch immer stärker von außen formuliert: „Die Menschen finden es gut, wenn Unternehmen verantwortlich handeln.“ Sie zitiert dabei eine GfK-Studie, derzufolge es die Befragten schätzen, wenn sich Betriebe fair gegenüber Mitarbeitern, künftigen Generationen und Zulieferern verhalten oder sich für soziale Projekte engagieren.

Dem stellt sich die Nürnberger Datev eG seit Jahren: Personalvorstand Jörg Rabe von Pappenheim beschreibt CSR als eine „zielgerichtete Integration von Ökonomie, Ökologie und Sozialem unter dem Dach des Geschäftszwecks. Der Weg führt über Wertschöpfung und die kreative Verbindung der drei Dimensionen der Nachhaltigkeit.“ Hierbei komme der Datev ihre Rechtsform als Genossenschaft zugute, denn statt engem Shareholder Value stehe das Ziel im Mittelpunkt, Werte für Anteilseigner, Kunden und Mitarbeiter zu schaffen.

Vorteile für beide Seiten

In den 90er Jahren gab die Datev ihren ersten Umweltbericht heraus. Und im Jahr 2000 startete zunächst mit Führungskräften das Projekt „Volunteering in gemeinnützigen Organisationen“. Der Nutzen ist dabei von doppelter Natur: Die Mitarbeiter gewinnen an neuen Erfahrungen und entwickeln sich weiter, die Sozialeinrichtungen bekommen Unterstützung von Unternehmensseite. „Wir erhalten von den Beteiligten positives Feedback, was uns in der Absicht bestätigt, das Projekt fortzuführen“, bilanziert Rabe von Pappenheim. Mittlerweile können sich alle Mitarbeiter über das interne Ehrenamtsportal aktiv an verschiedenen Projekten beteiligen.

Bei der Sparkasse Nürnberg, die mit ihrer Zukunftsstiftung im vergangenen Jahr 2,7 Mio. Euro an Hunderte von Projekten aus Kultur, Sport und Sozialem ausschüttete, heißt das Projekt Seitenwechsel intern „Türen öffnen“. Im diesem Rahmen können Nachwuchsmanager freiwillig z.B. bei Arbeiterwohlfahrt, Heilsarmee, Lebenshilfe, Werkstatt für Behinderte sowie Drogen- und Jugendhilfe mitarbeiten. Vorstandschef Dr. Matthias Everding ist vom Nutzen überzeugt: „Die Teilnehmer entwickeln Verständnis für Menschen in besonderen Lebenssituationen. Gerade für den täglichen Kundenkontakt ist dies eine wertvolle Erfahrung.“

Wolfgang Räbel, Risikocontroller bei der Sparkasse Nürnberg, war beispielsweise eine Woche bei der Nürnberger Drogenhilfe Mudra und hat gelernt, „zwischenmenschliche Beziehungen besser zu verstehen, Blockaden zu lösen und Teamfähigkeit zu entwickeln. Insgesamt konnte ich dadurch meine Kommunikationsfähigkeit und mein Handeln in ungewöhnlichen Situationen stärken“. Für Silke Frank vom Vorstandsstab, die eine Woche entwicklungsverzögerte bzw. geistig behinderte Kinder bei der Lebenshilfe mitbetreute, war das Erlebnis beeindruckend: „Der Alltag sieht natürlich gänzlich anders aus, als der eines Bankers und es war eine Erfahrung fürs Leben. Man sieht anschließend das ein oder andere eigene Problem aus einem etwas anderen Blickwinkel.“

Am Nürnberger Standort der HypoVereinsbank läuft seit 2008 das Employee Volunteering Programm „Ehrensache!“. In diesem Bereich sind mittlerweile über 120 Mitarbeiter ehrenamtlich in unterschiedlichsten Projekten bei der Lebenshilfe Nürnberg aktiv und erhalten für dieses Ehrenamt generell bis zu zwei Tage Sonderurlaub im Jahr. Zusätzlicher Effekt: Drei Menschen mit Behinderung wurden in ein Arbeitsverhältnis übernommen. Dafür gab es den Behindertenpreis Nürnberg 2009. Dem „Nürnberger Modell“ sind bislang 14 weitere HVB-Niederlassungen gefolgt. Das Programm „Ehrensache!“ ist laut der Nürnberger HVB-Sprecherin Tanja Rödig Teil der CSR-Strategie, um „nachhaltigen Geschäftserfolg“ zu erzielen. Man kenne die an die Bank gestellten Erwartungen, die „neben sauberem Geschäftsgebaren auch glaubwürdiges sozial-gesellschaftliches Engagement beinhalten“.

GfK-Studie

Dass unternehmerische Gesellschaftsverantwortung im Trend liegt, hatte im vergangenen Herbst die GfK mit der Studie „Consumers’ Choice 2009 – Corporate Responsibility in der Ernährungsindustrie“ nachgewiesen. „Deutsche Verbraucher machen ihre Kaufentscheidung immer stärker davon abhängig, unter welchen Bedingungen ihre Lebensmittel produziert werden und für welche Werte die Hersteller und Händler stehen“, so die Studie. In ihren Konsumtrends 2010 schreibt die GfK die Entwicklung fort: „Vertrauen ist die härteste Währung der Welt.“

Der Nürnberger Markenberater Icon Added Value veranstaltet jährlich den CSR-Tag „Ist da jemand?!“. Dann wird die Zentrale geschlossen und „wir arbeiten einen Tag lang für andere“, sagt Hildegard Keller-Kern von der Icon-Geschäftsleitung. Die Mitarbeiter werden vom Zentrum für Aktive Bürger (ZAB) auf 13 Projekte im Großraum Nürnberg verteilt. „Ein Tag im Jahr, von dem alle bei Icon ausnahmslos schwärmen“, so Keller-Kern. Neben der pragmatischen Hilfe wolle man aber auch der Verantwortung als Unternehmen gegenüber der Kommune gerecht werden und Aufgaben übernehmen, die nicht mehr alleine von der Stadt Nürnberg oder dem Staat geleistet werden können.

CSR ist aber alles andere als eine neue Mode, unterstreicht Harald Bolsinger, Koordinator des Nürnberger Netzwerkes „Zukunft-braucht-Werte“: „CSR ist nicht erst seit Erfindung des Begriffes zum Thema geworden. Vielmehr gehört die Übernahme von gesellschaftlicher, sozialer und ökologischer Verantwortung zum christlich geprägten Unternehmergeist schon immer dazu.“ Wenn entsprechendes Engagement lediglich aufgrund von Image- und Markenüberlegungen angestrengt wird, „dann ist das natürlich alles andere als nachhaltig“, kritisiert Bolsinger. Das sieht auch Prof. Dr. Nick Lin-Hi von der Universität Mannheim so, der allerdings weniger christlich als wirtschaftsethisch argumentiert: „Unternehmerische Wohltaten wie Sponsoring und Spenden sind Ablasshandel.“

Auf diese dogmatische Diskussion will sich Dr. Bernd Rödl, Chef der Nürnberger Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Rödl & Partner, nicht einlassen: „Wir folgen keiner starren CSR-Konzeption, sondern einfach unserer Unternehmenskultur, die auf den Benediktinergrundsätzen Demut, Gehorsam und Diskretio [=Gabe der weisen Unterscheidung, Anm. d. Red.] basiert.“ Rödl übersetzt das im Betriebsalltag mit „Mandant immer im Vordergrund, genau hinhören und unterschiedliche Sachverhalte unterschiedlich behandeln“. Rödl & Partner übernimmt angesichts des unternehmerischen Erfolges soziale und gesellschaftliche Verantwortung. Dazu gehört die Rödl-Mitarbeiter-Stiftung für Kinderhilfe, die Unterstützung des Partnerschaftsvereins Charkiv-Nürnberg, aber auch die betriebseigene Kinderkrippe. Weitere Schwerpunkte sind eine „besondere Dankbarkeit für die Region“ sowie die Förderung von Bildung und Ausbildung – etwa des nationalen Programms für Wirtschaftsstudenten „Campus of Excellence“.

Auch Ingrid Hofmann leitet ihre zahlreichen Engagements nicht aus einem Grundsatzpapier, sondern aus ihrer „ethischen und christlichen Grundhaltung“ ab. Die Chefin von Hofmann Personal nimmt sich zuerst selbst in die Pflicht: „Nur was ich im Unternehmen vorlebe, wird von den Mitarbeitern auch Ernst genommen.“ Dazu gehöre es auch, der Gesellschaft, die ihren Erfolg ermöglicht hat, etwas zurückzugeben. Gespendet wird vornehmlich an Einrichtungen, die nicht im gesellschaftlichen Rampenlicht stehen. Einen besonderen Schwerpunkt bilden dabei oft Frauenprojekte, etwa gegen die Beschneidung junger Mädchen in Afrika“. Mit einem Tag Sonderurlaub wird zudem allen Niederlassungen ermöglicht, in ihrer Region etwas Soziales vor Ort zu leisten. Zudem waren in diesem Jahr anlässlich des Firmenjubiläums Mitarbeiter und Kunden eingeladen, das mittlerweile marode gewordene pädagogische Projekt des Don Bosco Jugendwerks „Bamberger HochSeilgarten“ aufzubauen. Mit fast 100 arbeitenden Teilnehmern und einer zusätzlichen Finanzspritze wurde der Kletterpark wieder in Schuss gebracht. „Das macht Freude, es ist kein Muss“, so Hofmann.

Der ehrbare Kaufmann 2.0

An der neuen Business-Moral scheint kein Weg mehr vorbeizuführen. Dem Zukunftsinstitut von Trendforscher Matthias Horx zufolge ermahnt der Business- und Management-Trend Corporate Social Responsibility die Unternehmen zu größerem Verantwortungsbewusstsein. „Gewinnmaximierung und erfolgreiche Marktpositionierung sind ohne ein adäquates CSR-Management heute nur noch schwer möglich. Denn mit der gestiegenen Aufmerksamkeit auf die sozial-ökologische Verantwortung werden CSR-Maßnahmen zu einem maßgeblichen Umsatzfaktor.“ Der Erlanger Seminaranbieter QET stößt ins gleiche Horn mit einem Zitat von Henry Ford: „Ein Geschäft, das nur Geld einbringt, ist ein schlechtes Geschäft.“ So unterstreicht der Seminaranbieter seine Auslegung, dass „der ehrbare Kaufmann 2.0“ nicht nur der sympathischere, sondern auch der nachhaltig erfolgreichere Unternehmer ist.

Die CSR-Aktivitäten der Unternehmen im Großraum sind unüberschaubar. Zumal die Definition von CSR nicht ausgrenzt, sondern alle Bereiche umspannt, mit denen die Arbeitswelt in Berührung kommt. Einerseits, so Beraterin Rosemann, „auf die Prozesse innerhalb eines Unternehmens wie Beschaffung, Produktion, Vertrieb, betrieblicher Umweltschutz, Personalmanagement, Mitarbeiterinteressen, Arbeitsschutz und Arbeitsgestaltung. Andererseits auf die Beziehungen eines Unternehmens nach außen, zu Zulieferern, Kunden, Gewerkschaften, Umwelt- und Verbraucherverbänden.“

Entsprechend sind Seitenwechsel, Stiftungen, Spenden und Ehrenämter nur ein geringer Ausschnitt der möglichen Aktivitäten, mit denen Betriebe Verantwortung übernehmen können. Die beiden großen Sportartikelhersteller adidas und Puma haben das u.a. bei der Fertigung in der Dritten Welt vorgemacht. Die Raiffeisenbank Altdorf-Feucht beispielsweise will mit der Stiftung Hänsel+Gretel aus Karlsruhe Kinder besser vor Gewalt schützen. Das Evangelische Siedlungswerk Bayern aus Nürnberg hat jüngst den nach der Quelle-Insolvenz von der Schließung bedrohten Kindergarten mit 150 Kindern vor dem Aus gerettet. Dr. C. Soldan, der Nürnberger Bonbonhersteller, unterstützt den Laufclub 21 Down-Syndrom Marathonstaffel, eine Laufsportmannschaft für Menschen mit Down-Syndrom.

Auch wenn CSR derzeit vorwiegend in großen Unternehmen diskutiert wird, richtet es sich auch an den Mittelstand. „Kleine und mittlere Unternehmen sollen die Anregungen auf ihre Erfordernisse anpassen“, resümiert Rosemann. „CSR ist zwar auf freiwillige Maßnahmen fokussiert, kann jedoch – schon aus Eigeninteresse – nicht beliebig und konzeptionslos sein.“

Bürgerschaftliches Engagement:

Nürnberger Unternehmen und deren Mitarbeiter für ein ehrenamtliches Engagement gewinnen: Dieses Ziel hat sich ein Kreis Nürnberger Unternehmen und Verbände gesetzt, die ein „Nürnberg Corporate Volunteering Netzwerk“ gründen wollen. Schon jetzt engagieren sich viele Unternehmen für das Gemeinwohl, indem sie Mitarbeiter für ehrenamtliche Projekte freistellen oder Sachmittel zur Verfügung stellen. Das Netzwerk will sich dem Erfahrungsaustausch widmen und neue Ideen für bürgerschaftliches Engagement entwickeln. Interessierte Unternehmen sind zu einem Empfang am Mittwoch, 22. September 2010, 17 Uhr eingeladen (Ort wird noch bekannt gegeben). Mitarbeiterinnen von Roland Berger Strategy Consultants berichten von den Erfahrungen mit dem im Jahr 2009 gegründeten Münchner Unternehmensnetzwerk, außerdem stellt der Nürnberger Initiativkreis sein Vorhaben vor.

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 08|2010, Seite 10

 
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