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Leckeres vom Vortag

Produkte gehen weg wie die warmen Semmeln

Schätzungsweise ein Drittel aller weltweit hergestellten Lebensmittel landet nicht auf dem Teller, sondern im Müll. Rein rechnerisch wirft jeder Europäer pro Jahr 115 Kilogramm Essbares in die Tonne. Diese Statistik ist für Bernd Heberger schwer verdaulich; so hat der 60-Jährige ein Konzept verwirklicht, die der Ex-und-Hopp-Mentalität etwas entgegensetzt. „Leckeres vom Vortag“ heißen die zwei Läden, die der gelernte Bäcker im November 2010 am Kopernikusplatz in der Nürnberger Südstadt und im März 2011 in der Schwabacher Straße im Stadtteil Schweinau eröffnet hat.

Die Idee, übrig gebliebenes Gebäck zu verkaufen, kam Heberger in den Sinn, als er mit 59 Jahren arbeitslos wurde. Die Arbeitsagentur fand Gefallen an seinem Business-Plan und gewährte für die ersten Monate einen Existenzgründungszuschuss. Eine Investition, die sich in mehrfacher Hinsicht bezahlt gemacht hat: Inzwischen ist Heberger nämlich selbst Arbeitgeber und beschäftigt sieben Teilzeit-Mitarbeiterinnen.

Das Geschäftsmodell ist einfach: Abends wird die nicht verkaufte Ware einer Nürnberger Großbäckerei angeliefert. Die Brezen, Semmeln, Bamberger, Plunderteile und Kuchenstücke werden in Tüten verpackt, die am nächsten Tag ab sieben Uhr morgens für je einen Euro über die Theke gehen. Für diesen Betrag bekommt der Kunde zum Beispiel zehn Brezen, zwölf Kaisersemmeln oder drei Bamberger. Dieses Angebot lockt sogar Kunden bis aus Langwasser oder Fürth in den Laden am Kopernikusplatz, wie Heberger berichtet: „Ein paar Stammkunden fahren immer extra zu mir, wenn sie Brezenknödel machen wollen.“

Der Verkaufsschlager Brezen im Zehnerpack und die anderen Backwaren gehen weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. An Spitzentagen kommen etwa 400 Kunden in die „Leckeres vom Vortag“-Filialen. Hebergers Credo lautet, hochwertige Produkte günstig zu verkaufen. Minderwertige Ware komme ihm nicht in die Theke. Seine Backwaren bezieht er von einer renommierten Bäckerei („keine tiefgefrorenen Teiglinge aus der Fabrik, sondern echtes Handwerk“). An die Qualität von Nahrungsmitteln legt Heberger eine hohe Messlatte an: Der 60-Jährige hat das Einmaleins des Lebensmittelhandels schon als Kind gelernt; seine Eltern hatten ein Geschäft im Nürnberger Osten. Später hat er in verschiedenen Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels gearbeitet und dabei alle Facetten dieser Branche kennengelernt.

Den Kunden will er nicht nur ein gutes Preis-Leistungsverhältnis bieten, sondern auch eine „nette Umgebung“. Dafür sorgt unter anderem die Dekoration seiner Frau, die ebenfalls im Laden mitarbeitet. Inzwischen hat Heberger sein Sortiment noch erweitert: Jetzt kommen auch Äpfel, Tomaten und Gurken in die Tüte, die mit dem Slogan „Ich bin nicht schön, aber gut“ angepriesen werden. „Nicht schön“ bedeutet, dass das Obst und Gemüse nicht die Normen für die Handelsklasse 1 erfüllt und deshalb in den Supermärkten nicht gern gesehen wird. Gut für Heberger und seine Kunden, denn so bekommt er die Ware mit optischen Schönheitsfehlern von den Erzeugern zum Schnäppchenpreis. Und schließlich sei der Krümmungswinkel einer Gurke ja egal, betont er. Dass der Geschmack, sprich die Qualität, stimmt, dafür lege er seine Hand ins Feuer. Bei ihm kommt nur Obst und Gemüse in die Tüte, das er selbst auf dem Großmarkt ausgesucht hat.

Autor: 
aw.
 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 11|2011, Seite 79

 
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