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Wie geht Kreativität?

Wie kommen überhaupt Innovationen und neue Ideen zustande? Mit welchen Methoden kann man Teams kreativer machen? Mit solchen Fragen beschäftigen sich Wissenschaftler in der Region Nürnberg.

Kreativer Output ist der wichtigste Faktor für Wirtschaftswachstum. Auf diese kurze Formel lässt sich die Kernthese des US-Ökonomen Richard Florida bringen. Seiner Theorie der Kreativen Klasse (creative class) zufolge sind alle kreativen Köpfe einer Gesellschaft und alle Beschäftigten mit ihren Innovationen für das wirtschaftliche Wachstum einer Region entscheidend.

Doch schon bei der Definition von Kreativität sind sich die Gelehrten nicht einig. Oftmals wird nur auf das Ergebnis von Kreativität, eine Innovation, abgestellt. Häufig wird als Basisbeschreibung die „Neukombination von Informationen“ genannt, bei der vorhandene Informationen oder Produkte ohne zwingende Verbindung zu einer neuen Ware oder Dienstleistung kombiniert werden. Andere Ansätze beschreiben Kreativität als „phantasievolle und gestaltende Weise des Denkens und Handelns“, als „Fähigkeit zur Evolution“ oder als „Fähigkeit zu originellen (also nicht häufigen), produktiven (schöpferischen) und nützlichen (zweckdienlichen) Leistungen“.

Dagegen steht etwa die schöpferische oder kreative Zerstörung, wie sie der Volkswirtschaftler und Nobelpreisträger Josef Schumpeter vor 100 Jahren formuliert hatte. Er betont die notwendige Verdrängung alter Strukturen und Prozesse, um daraus etwa eine Neukombination von Produktionsfaktoren zu entwickeln. Der Niedergang von Bestehendem ist für ihn die entscheidende Voraussetzung, um Neues zu schaffen.

Prof. Dr. Alexander Brem, Inhaber einer Juniorprofessur für Ideen- und Innovationsmanagement an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg, definiert Kreativität als „menschliche Fähigkeit, Kompositionen, Produkte oder Ideen gleich welcher Art hervorzubringen, die in wesentlichen Merkmalen neu sind und dem Schöpfer vorher unbekannt waren“. Daraus können Innovationen entstehen, die sich erfolgreich am Markt etablieren. Sie müssen aber zur rechten Zeit kommen, sonst ergeht es ihnen wie etwa dem in den 90er Jahren entwickelten Farbdisplay für Handys: „Es gab damals am Markt noch keine praktische Anwendung“, erinnert sich Brem.

Nach Worten des Wissenschaftlers können allerdings psychologische, soziologische und umweltinduzierte Blockaden die Kreativität beeinflussen. Dazu zählen beispielsweise geistige Starrheit und Furcht vor Risiko, Rivalität in der Gruppenarbeit und betriebliche Bürokratie oder auch einfach nur ein schlecht eingerichteter Arbeitsplatz. Den kreativen Prozess unterteilt Brem in drei typische Phasen: Auf ein bestimmtes Problem folgt erstens die logische Phase der rationalen Problemanalyse. Das Problem wird abgegrenzt und gezielt Informationen gesammelt. Als Zweites folgt die intuitive Phase, bei der spielerisch nach neuen Wegen gesucht wird. Dann folgt die kritische Phase, in der mögliche Ideen für die Problemlösung auf ihre Tauglichkeit untersucht werden.

Problemlösung durch Intuition

Über die logische und rationale Problembetrachtung hinaus ist auch Intuition gefragt, die sich mit unterschiedlichsten Kreativitätstechniken stimulieren lässt. Sie zielen darauf ab, Probleme etwa dadurch zu lösen, dass die vorhandenen Elemente variiert, auf andere Gebiete übertragen, zerlegt oder verfremdet werden.

Brainstorming: Zu den Klassikern der Kreativitätstechniken gehört das Brainstorming, das auf freie Assoziationen setzt, ohne dass diese sofort von der Gruppe kritisiert werden. Ein vorgestelltes Problem wird von den Beteiligten kommentiert und Lösungen unabhängig von ihrer Praktikabilität in die Runde geworfen. Eine Variante hiervon ist die Brainwriting-Methode, bei der die Ideen schriftlich formuliert werden. Auch hier geht zunächst Quantität vor Qualität.

Der morphologische Kasten, auch morphologische Matrix genannt, ist eine kreativ-analytische Technik. Hierfür wird eine Fragestellung in möglichst viele Teilaspekte zerlegt und mehrdimensional klassifiziert. So kann beispielsweise die Frage nach dem Design eines neuen Stuhls in mehrere Teilaspekte unterteilt werden. Dazu zählt etwa das in Frage kommende Material, also beispielsweise Holz, Metall, Kunststoff, Stein oder diverse Kombinationen. Ein weiterer Teilaspekt ist Anzahl der Stuhlbeine, also eines, drei, vier oder keines für eine hängende Sitzlösung. Weitere Möglichkeiten können Sitzhöhe (Bar, Küche, Wohnzimmer usw.), Farbgebung oder Beschaffungs- und Herstellungsoptionen (Handarbeit, industrielle Fertigung, reine Endmontage etc.) sein. Diese werden in einer Matrix dargestellt und zur Ableitung einer Gesamtlösung systematisch miteinander kombiniert. Aus der Kombination der Einzellösungen entsteht eine Vielzahl von Lösungsvarianten. In diesem Beispiel könnte ein blauer Barhocker aus Kunststoff aus eigener Fertigung als Ergebnis herauskommen. Als Nachteil der Morphologie gilt allerdings, dass der Ideenfluss durch dieses systematische und logische Vorgehen eingeengt werden kann.

Die Kopfstandtechnik gilt als eine der effektivsten Kreativitätstechniken. Sie nutzt das häufige Negativdenken bei Innovations- und Veränderungsprozessen aus. Unter der Regie eines erfahrenen Moderators wird ein Problem quasi auf den Kopf gestellt. Statt Ideen für die Lösung eines Problems zu suchen, wird die Fragestellung umgekehrt: Was muss ich machen, damit ich dieses Problem nicht lösen kann? Die Vorschläge der Bedenkenträger werden gesammelt, bewertet und dann in positive Ansätze zurück gewandelt.

Welche Techniken sind ideal?

Weitere Techniken aus dem Kreativitätsbaukasten sind etwa die Reizwortanalyse, die Analogietechnik im Rahmen der Synektik oder das Mind Mapping mit jeweils unterschiedlichen Vor- und Nachteilen. Welche Technik in einem Unternehmen für ein bestimmtes Problem am besten geeignet ist, kann Prof. Brem nicht sagen. Für ihn ist entscheidend, sie die Workshop-Gruppe zusammengesetzt ist. Ideal sind für ihn Gruppen mit fünf bis sieben Teilnehmern, die alle aus unterschiedlichen Disziplinen kommen und ohne Druck von Führungskräften ihrer Kreativität freien Lauf lassen können.

Aus soziologischer Sicht wird Kreativität heutzutage immer weniger als singuläre Einzelleistung eines Genies oder Künstlers, sondern als „Team- und Gruppenleistung mit unterschiedlichsten Akteuren“ verstanden, ergänzt der Soziologe Ronald Staples von der Universität Erlangen-Nürnberg. Zugleich hat allerdings die Arbeitssoziologie immer wieder in empirischen Studien festgestellt, dass „Arbeit nicht nur rational ist, sondern auch deutliche expressive Elemente“ hat. Kreativität ist seit Jahrzehnten in Unternehmen und Gesellschaft in aller Munde, Staples bestätigt auch eine Art „Imperativ für jeden Einzelnen zur Kreativität“. Kreativität ist längst kein Vorrecht von Künstlern, sondern hat sich auch in einer sogenannten Innovationsökonomie niedergeschlagen.

Der Anspruch auf Kreativität im Betrieb zeigt sich seit den 1980er Jahren auch in der Raumgestaltung. „In großen, bürokratischen Unternehmen steht die Raumsituation immer noch für Hierarchie und Qualifikation“, stellt Staples fest. In vielen Betrieben setzen sich jedoch zunehmend Kombinationen aus Einzel- und Teambüros sowie Kommunikationsflächen durch.

Wirtschaftswissenschafter Brem forscht nicht nur in Sachen Kreativitätsprozesse, sondern versucht auch, seine Studenten für das Thema zu sensibilisieren. Beispielsweise hat er im letzten Sommersemester zu seinem Seminar „Produktentwicklung und -management I“ einen praktischen Workshop „Kreativität in Theorie und Praxis“ mit 60 Studenten und 75 Schülern durchgeführt. Aufgabe war es, für den Nürnberger Schreibgerätehersteller Staedtler konkrete Aufgabenfelder zu bearbeiten und dabei die theoretisch erlernten Kreativitätstechniken praktisch anzuwenden.

Die Bandbreite der in Gruppen erarbeiteten Ideen reichte von Baukästen aus Knetmasse über intelligente Stifte, mit denen Gegenstände gescannt und Handschriften erkannt werden können, bis hin zu Hologrammen und Themen für neue Schreibgeräte-Sets. Für Brem war es dabei insbesondere wichtig, in den einzelnen Teams die Ausbildungsrichtungen Gestaltung, Soziales, Technik und Wirtschaft konsequent zu mischen. Der Kontakt mit den Denkmustern anderer Disziplinen und das Verständnis dafür, wie andere ticken, ist für den Professor eine Kompetenz, die später in den Unternehmen immer wichtiger wird.

Zusammenspiel der Disziplinen

Aber auch die individuelle Förderung der Kreativitäts- und Innovationsfähigkeit scheint bei den Studenten hoch im Kurs zu liegen. Der E-Learning-Kompetenzkurs „Kreativität und Innovation (KI)“, den das Institut für Interdisziplinäre Innovation (iii) an der Ohm-Hochschule anbieten, hat laut iii-Chef Prof. Dr. Karl-Werner Jäger alle Erwartungen übertroffen: „Statt 30 Teilnehmern meldeten sich 200 an“. Der Kurs vermittelt u.a. Wissen zu Kreativitätsprozessen, Kreativitätsmethoden, Auswahl- und Beurteilungsmethoden sowie der wirtschaftlichen Verwertung von Innovationen. Darüber hinaus soll das Erlernte exemplarisch in einem interdisziplinären Ideenwettbewerb unter Beweis gestellt werden. „Unternehmen bezahlen nicht für Anwesenheit am Arbeitsplatz, sondern für Dienstleistungen und Innovationen“, weiß Jäger.

An Scheitern kann Diplom-Designer Prof. Michael Jostmeier vom Fachbereich Design der Ohm-Hochschule nicht denken. Er leitet beim Energie Campus Nürnberg (EnCN) das zehnte Teilprojekt Design. Er bringt seine Kompetenz bei einer Reihe von Entwicklungen ein, z.B. Auto mit optimiertem Elektroantrieb, CO2-freie Stromerzeugung, Speichermedien für Energie oder energieeffiziente Haustechnik. Das Design soll dabei eine Brücke schaffen, damit die Innovationen beim Verbraucher auch ankommen.

Denn aller Innovation und Kreativität zum Trotz: Nicht ein typisch deutsches „Over-Engineering“, sondern die alltägliche Bedienbarkeit entscheidet letztlich über einen Markt- und Anwendungserfolg. „Wir können das Design also ganz gezielt dafür einsetzen, dass Verbraucher ein neues technologisches Produkt, das energieeffizient hergestellt worden ist, schneller und besser akzeptieren“, beschreibt Jostmeier seine Aufgabe. Für ihn ist das Desaster um die gescheitere Einführung des Biosprits E10 ein anschauliches Beispiel für „fehlende oder falsch umgesetzte Kommunikationsziele“. Damit man seine Ziele nicht aus den Augen verliert, plädiert der Berliner Coach und Trainer Ulrich Fischer, immer zunächst zum Innehalten, eine Art kreative Pause. Er berät u.a. auch Mittelständler in Sachen Kreativität und hat derzeit bei den Theaterwissenschaftlern der Universität Erlangen-Nürnberg einen Lehrauftrag. Bei ihm geht es weniger um Wissenschaft, sondern um das praktische Erleben.

Kreativität speist sich für ihn u.a. aus Improvisationsvermögen. In einem ersten Schritt lehrt er das Loslassen und Beiseitetreten, im zweiten Schritt braucht es „harte Arbeit, um etwas Bühnenreifes oder Verkaufbares“ entstehen zu lassen. Oder er greift auf die „Walt-Disney-Strategie“ zurück, um mit dieser Kreativitätsmethode in einer Art Rollenspiel ein Problem aus drei Blickwinkeln zu betrachten und Ziele zu entwickeln.

Fischer weist Studenten und Führungskräfte aber stets darauf hin, „dass Kreativität immer auch an Risiko und der Lust am Scheitern gekoppelt ist“. Der Umgang mit misslungenen Ideen gehört zur Suche nach kreativem Output. Das Scheitern soll US-Erfinder Thomas Edison so beschrieben haben: „Ich bin ein Glückspilz. Ich kenne über 5 000 Möglichkeiten, wie man keine Glühbirne erstellt.“

Autor: 
tt.
 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 10|2012, Seite 56

 
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