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Rohstoffe

Mehr Recycling!

Klimawandel und Energiewende haben bislang weitgehend die umweltpolitische Diskussion beherrscht. Dabei ist nicht nur eine Energiewende erforderlich, sondern auch eine Rohstoffwende. Von Prof. Dr.-Ing. Martin Faulstich

Der Bedarf an mineralischen und metallischen Rohstoffen ist im Laufe der Industrialisierung massiv gestiegen, zudem hat die Anzahl der technisch genutzten chemischen Elemente enorm zugenommen. In der Frühzeit der Industriegesellschaft konnte die Produktion im Wesentlichen mit Eisen, Kupfer, Nickel und Zink bestritten werden. Die moderne Industriegesellschaft hingegen benötigt heute rund 90 Elemente und damit über 80 Prozent der Elemente des Periodensystems. Seltene Erden wie Neodym oder Scandium waren bislang bestenfalls Fachleuten ein Begriff, mittlerweile wird darüber in der Tagesschau berichtet. Moderne Kommunikationstechnik, Elektromobilität, Windkraft wie Photovoltaik sind ohne diese Elemente nicht mehr denkbar. Während bei den klassischen Metallen weltweit bereits Recycling-Raten über 50 Prozent erzielt werden, liegen diese bei den Seltenen Erden noch weitgehend unter einem Prozent.

Fehlende Infrastruktur

Zwar müssen für einige dieser „neuen“ Elemente noch leistungsfähige Recycling-Verfahren entwickelt werden, das eigentliche Problem ist jedoch, an die zu recyclierenden Stoffe überhaupt heranzukommen. Denn alltägliche Gebrauchsgüter wie Fahrzeuge, Computer, Handys haben in der globalisierten Welt in der Regel drei Leben: Zunächst werden sie beispielsweise für Deutschland produziert und dort genutzt, danach sind sie vielfach in Osteuropa und zuletzt in Asien oder Afrika im Einsatz, wo sich ihre Spur schließlich verliert. Es müssen daher dringend Sammel- und Demontage-Infrastrukturen in den Ländern des endgültigen Verbleibs aufgebaut werden, um die begehrten Materialien wieder in die industriellen Kreisläufe zurückzuführen.

Hochwertiges Recycling fängt jedoch bereits bei der Produktgestaltung an. Produkte werden derzeit vor allem so konzipiert, dass sie funktional, sicher und kostengünstig sind. Zukünftig muss es genauso selbstverständlich sein, dass diese auch demontage- und somit recyclinggerecht sind. Lösbare Verbindungen, gekennzeichnete Werkstoffe, kreislauffähige Materialkombinationen werden dann ebenso im Pflichtenheft des Konstrukteurs stehen.

Verleihen statt verkaufen?

Damit einhergehend können auch Nutzungskonzepte wie das Leasing eine neue Bedeutung erfahren. Nutzen statt kaufen ist bislang das Prinzip, um sich den Einsatz teurer Landmaschinen oder Kopierer leisten zu können. Womöglich wollen auch Automobilhersteller zukünftig ihre Fahrzeuge nur noch verleihen statt verkaufen, um sich als Eigentümer dauerhaft auch die knappen Rohstoffe zu sichern. Was heute noch wie eine ferne Vision erscheint, kann bei zunehmender Rohstoffknappheit schon bald Realität werden. Recyclinggerechte Konstruktionen wären auch im Interesse des Herstellers und Recycling-Zentren wären technologisch ebenso ambitioniert wie die Produktion. Bereits heute bieten erste Hersteller von Elektromobilen die wertvollen Lithium-Ionen-Batterien nur im Leasing an. Bei Elektronikprodukten könnten Pfandsysteme eine ähnliche rohstoffsichernde Funktion erfüllen.

Deutschland als rohstoffarmes Land ist schon seit Jahrzehnten ein Pionier bei der Entwicklung und Implementierung von Recycling-Technologien und hat beispielsweise bei der Behandlung kommunaler Abfälle die höchste Recycling-Quote in Europa. Langfristiges Ziel muss es sein, sämtliche aus der Nutzung ausscheidenden Produkte dem Recycling zuzuführen. Die Vision heißt 100 Prozent Recycling, wenngleich diese nie vollständig verwirklicht werden kann, da durch Miniaturisierung, Verschleiß und Korrosion immer auch Wertstoffe verloren gehen. Vor dem Recycling gilt es ohnehin, zunächst die Ressourceneffizienz zu steigern. Werden Erzeugnisse und Dienstleistungen mit deutlich weniger Materialeinsatz und Umweltbelastung realisiert, ist auch eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Rohstoffverbrauch durchaus möglich. Langlebige Produkte, die sich durch reparaturfreundliche und innovationsoffene Modulbauweise sowie zeitloses Design auszeichnen, können dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

Prinzipiell ließe sich der Rohstoffbedarf in gesättigten Märkten zu einem Großteil mit Sekundärrohstoffen decken. Der steigende materielle Wohlstand, insbesondere in Schwellen- und Entwicklungsländern, bringt es mit sich, dass noch auf lange Zeit weiterhin Primärrohstoffe abgebaut und genutzt werden. Die bisherige Debatte hat sich oftmals lediglich auf die Verfügbarkeit dieser Rohstoffe fokussiert und weit weniger auf die Umwelt- und Sozialverträglichkeit der Gewinnung und Aufbereitung von Primärrohstoffen. Hier gilt es, mit belastbaren Zertifizierungssystemen weltweit für hohe soziale und ökologische Standards in der Rohstoffwirtschaft zu sorgen.

Eine Rohstoffwende ist also ebenso notwendig wie der eingeleitete Paradigmenwechsel in der Energieerzeugung. Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft sind essenzielle Bausteine für eine nachhaltige Industriegesellschaft. Die in Deutschland entwickelten und eingesetzten Technologien leisten einen wesentlichen Beitrag, die Abhängigkeit von Rohstoffimporten zu verringern und zugleich die führende Position einer exportorientierten Wirtschaft im Weltmarkt der Umwelttechnologien auszubauen.

Autor: Prof. Dr.-Ing. Martin Faulstich, ist Inhaber des Lehrstuhls für Rohstoff- und Energietechnologie an der Technischen Universität München und seit 2008 Vorsitzender des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung.
 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 12|2012, Seite 16

 
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