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5. IHK-Kulturforum

Echt cool oder verstaubt?

Am 18. April 2013 widmete sich eine Expertenrunde im DB Museum der Frage, wie Kultureinrichtungen jüngere Generationen wieder für sich begeistern können.

Obwohl Museen expandieren, sich über neue Besucherrekorde freuen können und eine hohe Reputation in der Gesellschaft haben, erreichen sie jüngere Generationen selten. Besonders bei den 14- bis 25-Jährigen lässt sich ein Rückgang der Besucherzahlen verzeichnen. Woran liegt das und wie kann man dem entgegenwirken?

Diese Problematik erforschte Prof. Dr. Florian Riedmüller, Lehrstuhl für Marketing der Technischen Hochschule Nürnberg, mit seinen Studenten. Sie erarbeiteten für das DB Museum und das Neue Museum in Nürnberg erste Projekte. In seinem Impulsvortrag gab Riedmüller zunächst einen Einblick in die Ausgangssituation und seine Forschungsergebnisse: Die rasanten technischen Weiterentwicklungen im digitalen Zeitalter und deren Auswirkungen würden in klassischen Kulturinstitutionen kaum berücksichtigt. Befragte Jugendliche empfänden Museen eher als langweilig.

Oft fehle es für diese Zielgruppe an entsprechender Ansprache und „snackgerechter“ Erlebnismöglichkeit. Dies gehe einher mit dem Rückgang der öffentlichen Förderung von Museen und der Tendenz, dass für die Wirtschaft Sportsponsoring noch immer attraktiver sei als Kultursponsoring. Riedmüllers Fazit: „Museen müssen darüber nachdenken, wie sie das Image einer schulischen Zwangsveranstaltung ablegen können, um Jugendliche durch interessante Projekte wieder als Besucher zu gewinnen.“ An Empfehlungsmarketing und Social Media komme man heute nicht mehr vorbei. Insgesamt gehe es aber darum, den Spagat zwischen Event und Bildung zu meistern.

Cooltur?

"Eigentlich steckt ja cool schon in Kultur“, leitete BR-Moderatorin Julia Büchler in die anschließende Podiumsdiskussion ein und fragte Russalka Nikolov nach ihren Erfahrungen bei der Zusammenarbeit mit Prof. Riedmüller. Die Direktorin des Nürnberger DB Museums berichtete begeistert von der „Nacht im DB Museum“ und dem Kinderbeirat, der an der Entwicklung des neuen Kinderbahnlandes „KiBaLa“ mitgearbeitet habe. Beides sei ein Riesenerfolg gewesen und von den Zielgruppen hervorragend angenommen worden. Natürlich sei es ein Ziel, auch das junge Publikum zu erreichen und neue Formate mit anzubieten. Dennoch dürfe man die restlichen Zielgruppen und auch den substanziellen Bildungsauftrag nicht aus dem Blick verlieren.

Für das BMW Museum in München betonte dessen Leiter Dr. Ralf Rodepeter, dass man allen etwas bieten wolle, denn das Besucherpublikum sei sehr vielfältig interessiert. Priorität habe jedoch die Frage: „Was sind die großen Geschichten von BMW?“ Diese gelte es zu erzählen. Zudem wolle man vermitteln, was die Marke BMW ausmache. Architektur und Design würden darauf abgestimmt, nicht umgekehrt. Dabei stünden hochwertige Inszenierungen der Objekte im Fokus, bewusst reduziert und konzentriert, nicht überladen. Technische Präsentationsmittel, wie beispielsweise ein Touchscreen-Tisch, unterlägen einem rasanten Wandel und seien sehr schnell veraltet, daher setze man solche Medien nur punktuell ein. Ein absolutes Glanzlicht sei dagegen eine kinetische Skulptur, die sogar einen Goldenen Löwen in Cannes gewonnen habe: 714 Metallkugeln, die an feinen Stahlseilen hängen und sich computergesteuert im Raum bewegen, bilden die Umrisse von BMW-Modellen nach.

Im Unterschied zu den meisten Museen spielt bei BMW nicht nur die Vergangenheit eine Rolle, sondern es werden auch Zukunftsvisionen entworfen. Zudem gibt es eine Reihe von besonderen Veranstaltungen wie die „Nacht der weißen Handschuhe“, während der man alle Objekte im Museum anfassen darf und die auch von Jugendlichen gerne besucht wird. Die Marke BMW will man im Museum als deutsches Kulturgut präsentieren. Dabei geht es nach Worten Rodepeters nicht nur um Verkauf und Marketing, sondern auch darum, Identität vor Ort zu stiften.

IHK-Präsident Dirk von Vopelius betonte die Bedeutung von Kultur für die Attraktivität eines Wirtschaftsraums. Er forderte von den Museen vor allem mehr Kundenorientierung und Besucherfreundlichkeit ein, warnte jedoch vor blindem Aktionismus. Museen hätten den Auftrag, Geschichte erlebbar zu machen und Orte begehbarer Erinnerung zu sein. Als Beispiel nannte er das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Man müsse sich um die nachfolgenden Generationen bemühen, dennoch könne ein Museum nicht alles für jeden bieten. Priorität habe letztlich ein schlüssiges, authentisches und glasklares Profil. Daran führe kein Weg vorbei. „Was ist das Alleinstellungsmerkmal, was ist die Mission?“, laute die Grundfrage.

Im Laufe des Abends wurde auch die eine oder andere radikale Idee aus dem Publikum diskutiert: Sollte man Museen tatsächlich noch als solche bezeichnen oder sei dieser Begriff zu altmodisch? Oder sollte man den Museen nicht alle öffentlichen Mittel streichen und diese autonom und selbstverantwortlich agieren und wirtschaften lassen? Denn dies habe in England dazu geführt, dass sich die Museen sehr stark an den Wünschen der Besucher ausrichten und wirtschaftlich erfolgreich arbeiten. Ein weiterer Höhepunkt des Abends war der anschließende nächtliche Rundgang durch das DB Museum. An 14 Stationen ließ die Musicalschule Act Center das dunkle, durch Lichteffekte und Nebel unheimlich erscheinende DB Museum im wahrsten Sinn des Wortes zum Leben erwecken. Protagonisten, in der Ästhetik des Steampunk gekleidet, thematisierten die jeweiligen Inhalte und übersteigerten sie ins Groteske. So konnte man den Ingenieur und Eisenbahnpionier Robert Stephenson erleben oder sich vor einem Mord im ICE gruseln. Zum Ausklang der Veranstaltung sorgte  die Nürnberger Indie-Ska-Gypsy Band „la-boum“ für eine frenetische musikalische Atmosphäre. Der Abend bewies also, wie lebendig ein Museum sich und die Geschichte präsentieren kann, wenn es offen für neue Ideen, Projekte und interdisziplinäre Kooperationen bleibt.

IHK-Kulturforum

Das IHK-Kulturforum ist eine Veranstaltungsreihe, die die IHK mit ihrer Kulturstiftung im Jahr 2010 ins Leben gerufen hat, um kulturelle Kraftfelder der Region zu thematisieren und das Zusammenwirken von Wirtschaft und Kultur zu fördern.

Autor: 
Eva Schickler
 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 05|2013, Seite 30

 
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