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Russland

Wirtschaft in frostiger Stimmung

Russland Moskau Kathedrale © Vladitto - ThinkstockPhotos

Die Sanktionen belasten die russischen Unternehmen stark. Wie sollten ausländische Geschäftspartner in der Krise agieren?

Exporte nach Russland schrumpfen um ein Drittel“, „MAN stoppt Lkw-Produktion in Russland“, „Ritter Sport leidet unter Rubelverfall“ – Solche Überschriften zeichnen derzeit ein düsteres Bild des Russlandgeschäfts. Wie können Unternehmen die aktuelle Durststrecke in den deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen überstehen? Antworten auf diese Frage lieferte das Seminar „Erfolgreich trotz Sanktionen – Krisenmanagement und Strategieanpassungen im Russlandgeschäft“ der IHK Nürnberg für Mittelfranken.

„Vielleicht ist dieser eher optimistische Titel ein bisschen provokant“, räumte Melanie Kreß ein. Damit machte die stellvertretende Leiterin des IHK-Geschäftsbereichs International gleich zum Auftakt der Veranstaltung deutlich: Kollektive Klagelieder standen nicht auf der Agenda, sondern pragmatische Handlungsansätze für Unternehmen. Dazu waren vier Fachleute aus Moskau als Referenten eingeladen.

Aktuell haben über 400 mittelfränkische Firmen wirtschaftliche Kontakte zur Russischen Föderation, davon etwa 130 dauerhafte Engagements wie Vertretungen, Niederlassungen oder Produktionsstätten. Insgesamt sind in Russland rund 6 000 deutsche Unternehmen aktiv. Sie alle kämpfen – die einen mehr, die anderen weniger – mit wirtschaftlichen und politischen Turbulenzen auf diesem Markt. Die drastische Rubelabwertung, der Ölpreisverfall, die Konjunkturschwäche, westliche Sanktionen und russische Einfuhrbeschränkungen bilden eine fatale Gemengelage, die massive Spuren in der russischen Volkswirtschaft hinterlässt: Die Inflationsrate lag im März bei 17 Prozent, die Reallöhne sind im ersten Quartal um acht Prozent gefallen, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 2,9 Prozent. Als Folge der Leitzinserhöhung (Stand im März 2015: 14 Prozent) sind Handels- und Verbraucherkredite kaum noch finanzierbar.

„Die Auswirkungen bekommen deutsche Unternehmen immer deutlicher zu spüren“, stellte Katharina Schöne von der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) fest: Die rasant schwindende Kaufkraft lässt die Nachfrage im Konsumgütersektor einbrechen. Geschäftskunden halten sich mit Neuinvestitionen zurück, weil der Absturz des Rubelkurses Qualitätsprodukte „Made in Germany“ enorm verteuert hat. Erheblich verschärft wird diese makroökonomische Problemlage durch die Sanktionen, auch wenn sie nur 20 Prozent des Russland-Geschäfts direkt betreffen. „Aber die psychologischen Auswirkungen spüren alle“, betonte Dr. Andreas Knaul, Leiter der Niederlassung Moskau der Nürnberger Beratungs- und Prüfungsgesellschaft Rödl & Partner. Diesen Eindruck bestätigen die Ergebnisse von AHK-Umfragen: Im August 2014 fühlten sich 38 Prozent der Unternehmen von den Sanktionen betroffen; im Dezember war dieser Anteil schon auf 58 Prozent gestiegen.

Dual-Use-Güter

Im Rahmen des Sanktionsregimes erweisen sich vor allem die sogenannten Dual-Use-Güter als Problem, die sich sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich einsetzen lassen. Ihre Ausfuhr nach Russland ist nur dann gestattet, wenn der ausschließlich zivile Verwendungszweck nachgewiesen wird. Dieser Nachweis gelingt fast immer, kostet aber viel Zeit. Andreas Knaul berichtete vom Anbieter einer High-Tech-Werkzeugmaschine, der sechs Monate auf die Genehmigung warten musste. So lange wollte sich der Kunde aber nicht gedulden, er kaufte dann beim asiatischen Wettbewerber.

Trotz des aktuell schwierigen Umfelds sind laut AHK-Umfrage drei Viertel der in Russland engagierten Unternehmen überzeugt, dass dieser Markt langfristig attraktiv ist und großes Potenzial besitzt. Für viele Firmen stellt sich aber akut die Frage, wie sie einigermaßen unbeschadet durch die Krise kommen. Folgenden Rat legt Daniel Stähle, General Manager in der Moskauer Dependance des Beratungsunternehmens Euro Asia Consulting, allen Akteuren im Russlandgeschäft ans Herz: umfassende Risikoanalyse sowie die Überprüfung der Kostenstrukturen und Prozessoptimierung. Stähle sieht im Moment drei Optionen für deutsche Unternehmen: Exit, „Wait and See“ oder antizyklische Expansion. Bislang erwägt nur eine Minderheit den völligen Rückzug aus dem russischen Markt. Die große Mehrheit der Unternehmen überwintert die Frostphase des Russlandgeschäfts im Wait-and-See-Modus: Projekte werden zeitlich und finanziell gestreckt, Investitionsvorhaben im Planungsstatus verschoben, so Stähles Erfahrung. Auch ein straffes Kostenmanagement gehört zum Repertoire der Krisenbekämpfung bzw. -vorbeugung. Außerdem müssen sich die Unternehmen gegen Wechselkursschwankungen absichern.

Vor hektischen Einschnitten in die Personaldecke warnen die Experten auf dem IHK-Seminar: „Genau schauen, wen man während der Krise gehen lässt“, lautet Stähles Empfehlung. Der Fachkräftemangel hat sich aus Arbeitgebersicht zwar krisenbedingt etwas entspannt, aber die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern in Russland bleibt schwierig. Katharina Schöne von der AHK kennt einige Firmen, die langfristig denken und ihre Mitarbeiter mit kreativen Lösungen halten wollen. So nehmen etwa zwei Ingenieure mehrere Monate lang an Weiterbildungsmaßnahmen im deutschen Stammhaus teil und betreuen die russischen Kunden von dort aus.

Als Spezialist für Arbeitsrecht und Restrukturierung kennt Alexey Sapozhnikov verschiedene Möglichkeiten, wie Unternehmen in Russland durch eine Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse Entlassungen verhindern oder zumindest hinauszögern können. Den Teilnehmern der IHK-Seminars stellte der Rechtsanwalt aus der Moskauer Rödl & Partner-Niederlassung die Ausgestaltung der Instrumente Kurzarbeit und Teilzeit im russischen Arbeitsrecht vor. Außerdem informierte der Jurist über die Vorschriften, die bei betriebsbedingten Kündigungen einzuhalten sind.

Aber längst nicht alle deutschen Unternehmen auf dem russischen Markt plagen sich mit dem Thema Restrukturierung. Nach dem – Winston Churchill zugeschriebenen – Motto „Verpasse niemals eine gute Krise“ gibt es Firmen, die ihre Investitionen in der Russischen Föderation ausweiten. Sie profitieren beispielsweise von sinkenden Kosten bei der Beschaffung von inländischen Gütern und vom Aufbau einheimischer Produktion, Stichwort Importsubstitution. Aber diese Gruppe der antizyklisch Agierenden liebt die Diskretion und will nicht genannt werden, berichten die Referenten unisono. Zu groß sei die Befürchtung, durch einen Ausbau der Russland-Aktivitäten einen Image-Schaden davonzutragen. Auch dieses Phänomen zähle zu den psychologischen Folgen der Sanktionen.

Reformpaket der Regierung

Die aktuelle Krise verstellt nach Meinung der Experten den Blick auf Verbesserungen des Marktumfelds: Katharina Schöne wies darauf hin, dass der Geschäftsalltag reibungsloser läuft. So hat sich Russland im Weltbank-Ranking „Ease of Doing Business“ auf Platz 62 vorgearbeitet und ist damit in zwei Jahren um 60 Positionen nach oben geklettert. Auch Reformen im Wirtschaftsrecht bewertet Andreas Knaul positiv: Der russische Gesetzgeber habe in den letzten Jahren die Rahmenbedingungen für Investitionen in einzelnen Bereichen verbessert, zum Beispiel durch die Liberalisierung des Gesellschaftsrechts, die Einführung der Vertragsfreiheit und ein neues Vergaberecht. Auch die Steuergesetzgebung wurde reformiert.

Trotz dieser Silberstreifen am Horizont wird das Russlandgeschäft auf absehbare Zeit schwierig bleiben und seinen Akteuren starke Nerven und Durchhaltevermögen abverlangen, denn ein schnelles Ende der Rezession in Russland ist nicht in Sicht. Die Weltbank rechnet für das laufende Jahr mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 3,8 Prozent. 2016 soll die Wirtschaftsleistung der Russischen Föderation mit minus 0,3 Prozent weiter schrumpfen.

Autor: 

aw.

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 05|2015, Seite 22

 
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