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IHK-Kammergespräch

Europa auf dem Stolperpfad?

Harmonisch begann das 152. IHK-Kammergespräch im Schönen Rathaussaal in Nürnberg: Gastredner Dr. Christoph Leitl, Präsident der Wirtschaftskammer Österreich (WKO), zeigte sich erleichtert über die Einigung im Finanzstreit zwischen seinem Heimatland und Bayern, die am selben Tag gelang. Weniger beruhigend waren Leitls Worte zu seinem offiziellen Vortragsthema „Verstolpert Europa seine Zukunft?“

Die Europäische Union mit ihren 28 Mitgliedsstaaten befinde sich im Stillstand und habe sich zu einem „selbstlähmenden System“ entwickelt. Zwischen zwei verschiedenen Sichtweisen – die EU als bloßes Freihandelsabkommen oder als Regelungssystem – zerreibe sich die Gemeinschaft. Das weltweit geringste Wirtschaftswachstum und die höchste Jugendarbeitslosigkeit seien die Folge.

Damit die Bereitschaft wieder steigt, Verantwortung für Europa zu übernehmen, müsse die Bürokratie abgebaut werden, forderte Leitl. Als Unternehmer in der vierten Generation begreife er die Risiken in der Welt als Chancen. „Es sind nicht die in Brüssel, sondern wir in Europa, die Verantwortung übernehmen müssen“, appellierte der WKO-Präsident an die anwesenden Unternehmer.

Um Europa wieder trittfest zu machen, müsse die Gemeinschaft flexibler werden, ähnlich dem Schengen-Abkommen oder der Währungsunion. So kann sich Leitl eine EU bestehend aus „konzentrischen Kreisen“ oder mit verschiedenen Geschwindigkeiten vorstellen. Dies würde auch besondere Beziehungen zu Nicht-Mitgliedern erlauben, z.B. zu den nordafrikanischen Mittelmeeranrainern. Für Länder, die die gemeinsamen Kriterien nicht einhalten können, fand der WKO-Präsident klare Worte: „In einem Haus mit mehreren Parteien muss man die Hausordnung einhalten oder gehen.“

Als weitere Gefahr für die europäische Wirtschaft macht Leitl die weltweite Spekulationsblase aus, die sich seit der Finanzkrise wieder aufblähe. Deshalb sei europäische Finanztransaktionssteuer nötig, damit die Realwirtschaft nicht leide. Deutlich sprach sich Leitl auch für das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) aus. Andere Handelsabkommen weltweit hätten gezeigt, dass die Partner solcher Verträge profitierten. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass emotional aufgeladene Argumente wie das vom „Chlorhühnchen“, das Abkommen scheitern lassen. IHK-Präsident Dirk von Vopelius bedankte sich für Leitls „Motivationsrede“ und das Lob, das dieser der IHK Nürnberg für Mittelfranken für das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns aussprach.

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 09|2015, Seite 34

 
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