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Industriemeister

Die Führung übernehmen

Ausbildung Industrie © monkeybusinessimages - ThinkstockPhotos.de

Industriemeister sind als technische Führungskräfte unentbehrlich. Wie kann man sich dafür qualifizieren? Von Andrea Wiedemann

Immer kürzere Innovationszyklen, neue technische Entwicklungen und eine stärkere Globalisierung der Märkte erfordern, dass die Erwachsenen jeden Alters sich lebensbegleitend weiterbilden.“ Das Statement des Bundesbildungsministeriums macht deutlich, weshalb der Begriff „lebenslanges Lernen“ aktuell in keiner bildungspolitischen Diskussion fehlt.

Im System der dualen Berufsbildung ist das Prinzip des „lebenslangen Lernens“ fest verankert. Zusammen mit den Sozialpartnern haben die Industrie- und Handelskammern in Deutschland ein dreistufiges System der „Aufstiegsfortbildung“ entwickelt, das auf einer abgeschlossenen Berufsausbildung aufsetzt: Die erste Ebene bildet der Fachberater (z.B. Fachberater im Handel, Fachberater für Finanzdienstleistungen). Die zweite Ebene umfasst Qualifikationen, die auf mittlere Führungspositionen oder anspruchsvolle Sachaufgaben in Unternehmen vorbereiten. Dazu befähigen Abschlüsse als Fachwirt, Fachkaufmann oder Meister. Die dritte Ebene der Weiterbildung ist beispielsweise die Qualifizierung zum (Technischen) Betriebswirt.

Für alle drei Stufen führen die IHKs öffentlich-rechtliche Prüfungen gemäß dem Berufsbildungsgesetz durch. Rund 230 bundesrechtlich geregelte Fortbildungsordnungen gibt es in Deutschland. Inhalte und Prüfungsanforderungen sind klar definiert, so bieten die Abschlüsse für Absolventen und Arbeitgeber maximale Transparenz über die erworbenen Kompetenzen.

Im Rahmen dieser Aufstiegsfortbildungen spielt der Industriemeister eine wichtige Rolle. Silvia Landsammer-Hörl hat sich nach einer Ausbildung als Feinmechanikerin für eine Qualifizierung zur Industriemeisterin in der Fachrichtung Metall entschieden und 2005 die Meisterprüfung bestanden. Seit 2009 ist die 38-Jährige ehrenamtliches Mitglied im Prüfungsausschuss der IHK Nürnberg für Mittelfranken, der zweimal im Jahr die Prüfungen für angehende Industriemeister abnimmt. Auch Daniel Schmutzer engagiert sich als Ehrenamtlicher in diesem Gremium. Er hat 2007 seinen Abschluss als „Geprüfter Industriemeister Metall“ abgelegt; Basis dafür war eine Lehre bei der Deutschen Bahn als Industriemechaniker Fachrichtung Betriebstechnik. Nach vier Jahren Praxis in diesem Beruf war ihm klar: „Ich will nicht die nächsten 15 Jahre das Gleiche machen.“ Im Dialog mit seinem Arbeitgeber suchte der 34-Jährige nach einem Weiterbildungsweg und entschied sich für den Industriemeister.

Mittleres technisches Management

In der Regel sind Industriemeister als industriell-technische Führungskräfte tätig. Dazu brauchen sie nicht nur fundiertes Fachwissen, sondern auch Kenntnisse aus Betriebswirtschaft und Personalführung. Zu den klassischen Aufgaben eines Industriemeisters zählt die Leitung einer Werkstatt oder eines Produktionsabschnitts. Im mittleren technischen Management eines Unternehmens ist der Industriemeister häufig als Mittler zwischen Geschäftsleitung und Mitarbeitern gefragt – was Fingerspitzengefühl und Kommunikationstalent voraussetzt.

Die Weiterbildung zum Industriemeister wird in über 50 Fachrichtungen angeboten: In Deutschland haben im Jahr 2014 circa 10 000 Teilnehmer die Prüfung bestanden, wobei die Fachrichtungen Metall (7 140) und Elektrotechnik (1 674) mit Abstand die meisten Absolventen verzeichnen. Auch in Mittelfranken stellen die Industriemeister Metall und Elektrotechnik bei den Prüfungen die zahlenmäßig stärkste Gruppe. Wie Peter Lerch, Leiter des Referats Fortbildungsprüfungen bei der IHK Nürnberg, berichtet, bewegt sich die Zahl der Prüfungen zum Industriemeister vor den Prüfungsausschüssen der IHK Nürnberg auf einem stabilen Niveau. Seit 2000 wurden im Durchschnitt 640 Teilnehmer pro Jahr geprüft.

Verschiedene Lehrgänge

Zu diesem Ziel führen viele Wege: Wer in den Datenbanken „WIS – Das-Weiterbildungs-Informations-System“ oder „InfoWeb Weiterbildung“ das Stichwort Industriemeister eingibt, erhält allein im Großraum Nürnberg mehrere hundert Treffer. Gerne hilft die trägerneutrale Weiterbildungsberatung der IHK Nürnberg für Mittelfranken bei der Suche weiter. Die Inhalte der Meisterkurse sind durch die öffentlich-rechtliche Prüfungsordnung vorgegeben, sodass sich die Lehrpläne in der Regel kaum unterscheiden. Mehr Spielräume gibt es bei den Kursformaten. Hier haben Interessenten die Wahl zwischen den konventionellen Varianten Vollzeit und Teilzeit sowie Blended Learning oder Fernunterricht. Bei den Vollzeitkursen steigen die Meister-Schüler für acht bis neun Monate aus dem Arbeitsalltag aus. Die Teilzeit-Kurse finden berufsbegleitend statt (beispielsweise in der IHK Akademie Mittelfranken an zwei bis drei Abenden unter der Woche sowie samstags) und dauern bis zu 32 Monaten. Blended Learning-Formate reduzieren die Präsenztage spürbar, verlangen aber mehr Selbstdisziplin zum eigenständigen Lernen. Alle Formate haben Vor- und Nachteile. Daniel Schmutzer wollte seine Weiterbildung so schnell wie möglich durchziehen und entschied sich für Vollzeit: „Ich bin eher der Typ, der Dinge schnell vom Tisch kriegen will.“ Die Mehrheit der angehenden Industriemeister bevorzugt allerdings Teilzeit-Kurse, so die Erfahrung von Peter Lerch. Diese Unterrichtsform verlangt den Absolventen zwar mehr Geduld ab. Dafür fließt das Gehalt weiter und der Kontakt zum Arbeitsgeber reißt nicht ab. Gerade diese enge Verzahnung zwischen Unterricht und Praxis sieht Lerch als großes Plus der berufsbegleitenden Weiterbildung.

Die Weiterbildung zum Industriemeister fordert nicht nur die Bereitschaft zu lernen, sondern auch zu investieren: Je nach Anbieter bewegen sich die Gebühren für Kurs und Prüfung zwischen 4 000 und 5 500 Euro. Wer sich für eine Vollzeit-Maßnahme entscheidet, muss zudem bis zu neun Monaten ohne Einkommen überstehen.

Meister-BAföG

Damit (Weiter-)Bildungshunger und Wissendurst nicht an materiellen Hürden scheitern, gibt es das Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz (AFBG), bekannt als „Meister-BAföG“. Wer eine Aufstiegsfortbildung machen will, egal ob in Teil- oder Vollzeit, hat einen individuellen Rechtsanspruch auf finanzielle Unterstützung, die aus einem Beitrag zu den Lehrgangs- und Prüfungsgebühren besteht. Davon wird etwa ein Drittel als Zuschuss vergeben, der Rest als zinsgünstiges Darlehen. Außerdem können Vollzeit-Meister-Schüler eine Unterstützung zum Lebensunterhalt erhalten. Für Alleinstehende liegt der Höchstsatz aktuell bei 697 Euro im Monat. „Große Sprünge kann man damit nicht machen“, räumt Daniel Schmutzer ein. Weil er nicht jeden Cent umdrehen wollte, hatte er für die einkommenstechnisch mageren Monate rechtzeitig Rücklagen gebildet. Neben der Finanzierung war für Schmutzer die Rückkehr in ein Klassenzimmer eine große Herausforderung: Nach vier Jahren im Beruf sei es nicht einfach gewesen, wieder in einen Lernprozess hineinzufinden.

Haben sich diese Mühen gelohnt? Diese Frage stellt der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHK) regelmäßig den Absolventen von Weiterbildungen. Zwei Drittel der Umfrage-Teilnehmer berichten von beruflichem Aufstieg, mehr Verantwortung und höherem Einkommen. Auch Silvia Landsammer-Hörl und Daniel Schmutzer ziehen ein positives Fazit: „Ohne den Abschluss als Industriemeister könnte ich meine derzeitige Tätigkeit nicht ausüben. Die Kenntnisse im Controlling und Personalführung hätte ich mir niemals selbst aneignen können“, erklärt Schmutzer, der als Serviceleiter ein 19-köpfiges Team bei der Deutschen Bahn leitet. Silvia Landsammer-Hörl hat nach dem Abschluss als Industriemeisterin noch eine Ausbildung als Elektronikerin für Geräte und Systeme draufgesattelt und arbeitet heute in der Anwendungstechnik bei der PVL-Gruppe, einem Kabelhersteller. Auch sie profitiert von dem Wissensfundament, das ihre Aufstiegsfortbildung gelegt hat: „Auf der Meisterschule haben wir gelernt, uns eigenständig Wissen und Fähigkeiten anzueignen. Und genau diese Selbstständigkeit braucht man, weil sich die Berufswelt so schnell verändert.“

Autor: 

Andrea Wiedemann

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 03|2016, Seite 22

 
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