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Logistik

Alle Fäden in der Hand

Die Digitalisierung erfasst auch die Transportwirtschaft und eröffnet ungeahnte Möglichkeiten bei der Vernetzung der gesamten Logistikkette. Von Andrea Wiedemann; Illustration: Anton Atzenhofer

In der australischen Bergbauregion Pilbara liegen die Minen Yandicoogina und Nammuldi. Dort transportiert eine Flotte von 69 Kipplastern das geförderte Erz zu einer Zugverladestation. Die sieben Meter hohen, rollenden Kraftpakete sind ohne Fahrer unterwegs und werden in Perth gesteuert – aus 1 200 Kilometern Entfernung. Damit ist der britisch-australische Bergbaukonzern Rio Tinto nach eigenen Angaben weltweit der größten Betreiber autonomer Transportsysteme. Das Beispiel aus Australien gibt einen Vorgeschmack auf die Zukunft der Logistikbranche. Auch in Deutschland hat Daimler bereits den ersten selbstfahrenden Lastwagen vorgestellt, allerdings noch mit Fahrer im Cockpit. Bis 2025 sollen die „Future Trucks“ serienreif sein.

Die Technologien, die autonomes und assistiertes Fahren ermöglichen, machen einen Lkw und seine Ladung zu einem Teil des „Internets der Dinge“, in dem „smarte Objekte“ (auch als „Intelligent Electronic Devices“ bezeichnet) miteinander kommunizieren und sich mit ihrer Umgebung vernetzen können, zum Beispiel über Sensoren in Leitplanken oder im Asphalt. Fahrzeuge wären dann in der Lage, mittels Car-to-Car-Communication (C2C) oder via Car-to-Infrastructure-Communication (C2I) Verkehrsinformationen auszutauschen und über Echtzeit-Ortungssysteme jederzeit ihren Standort mitzuteilen. So verbessern IT-Anwendungen das Management der Lieferketten und schaffen mehr Transparenz. Auch in anderen Segmenten der Logistik kann die Digitalisierung die Effizienz steigern, etwa bei der Bündelung von Warenströmen im Stückgutgeschäft. Und die Analyse von „Big Data“, die ein Unternehmen in der Vergangenheit gesammelt hat, unterstützt Prognosen über künftige Transporte.

Diese Anwendungsmöglichkeiten zeigen, weshalb der Megatrend Digitalisierung die Welt der Logistiker mittelfristig stark verändern wird. Davon ist die Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services (SCS) überzeugt: „Objekte werden auf der Grundlage von neuen Technologien, Mobile Computing und Internet of Things smarter und intelligenter. Um diese smarten Objekte herum werden neue datengetriebene Dienstleistungen entwickelt, mit dem Ziel, die Effizienz von Produkten und Prozessen zu steigern. Diese Transformation ist mit grundlegenden Veränderungen der Geschäftsmodelle und Unternehmenskooperationen verbunden“, so die Wissenschaftler der Fraunhofer SCS, die in Nürnberg seit 1995 die Entwicklungen in der Logistik analysieren.

Sendungsverfolgung

Die Digitalisierung hat längst den Alltag der Logistiker erreicht – sowohl im Business-to-Consumer-Segment als auch im Geschäftskunden-Bereich. Wer ein Kleid beim Online-Shopping gekauft hat, kann via Life Tracking beim Versanddienstleister verfolgen, ob es rechtzeitig für die Party am Abend geliefert wird. Dasselbe Prinzip gilt für das Lieferketten-Management, wenn etwa der Automobilhersteller auf die Teile zur Endmontage wartet, um die Produktion entsprechend zu steuern.

Identifikation von Waren durch RFID

Welcher „Mehrwert durch Digitalisierung“ geschaffen wird, thematisierte das Logistik-Forum, das unter diesem Titel Ende November von CNA (Center for Transportation and Logistics Neuer Adler) e.V. und Fraunhofer SCS in Nürnberg organisiert wurde. Bei dieser Veranstaltung betonte Prof. Alexander Pflaum, Fraunhofer SCS und Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bamberg, dass die Digitalisierung für die Logistikbranche gleichermaßen eine Chance und Herausforderung darstelle. Eine Schlüsselrolle spielen dabei Technologien zur Verknüpfung von Informations- und Materialfluss. Als Basistechnologie gilt die Radio Frequency Identification (RFID), eine Funktechnik zur Identifikation von Waren und Personen. Auf der RFID baut der internationale Übertragungsstandard NFC (Near Field Communication) auf, der den kontaktlosen Austausch von Daten über kurze Distanzen mittels Funktechnik ermöglicht. Ein Wireless Sensor Network (WSN) ist als drahtloses Sensornetzwerk in einer Kommunikationsinfrastruktur in der Lage, an diversen Standorten Parameter wie Temperatur, Druck, Geschwindigkeit oder die Intensität von Geräuschen zu überwachen.

Eine „revolutionäre Innovation“ in Unternehmen stellen die sogenannten Cyber Physical Systems (CPS) dar: Ein CPS besteht aus einem Prozessor, der via Internet mit anderen CPS kommunizieren kann, sowie aus Sensoren zur Wahrnehmung der Umwelt und Aktoren zur Beeinflussung der Umwelt. Cyber-Physische Systeme sind die technologische Basis für die Kombination von IT mit der physikalischen Welt und spielen damit eine Schlüsselrolle in der „smarten Fabrik“, Stichwort Industrie 4.0.

Auch in der Logistik kommen CPS zum Einsatz: Durch die Einbettung von Mikroelektronik verwandelt DB Schenker klassische Transportboxen in Hoch-Sicherheitsbehälter: Die „Secure Box“ lässt sich jederzeit identifizieren und lokalisieren, wobei Sensoren den Innenraum überwachen. Warten also zum Beispiel hitzeempfindliche Güter in der prallen Sonne auf das Verladen, schlagen die Temperaturfühler Alarm. Außerdem wird dokumentiert, wann die Box geöffnet oder geschlossen wird. Ein USB-Anschluss gewährleistet, dass alle Informationen der smarten Transportkiste von einem PC ausgelesen werden können.

Die Fraunhofer SCS erprobt den Einsatz von CPS, um die Effizienz von produktionslogistischen Prozessen zu überprüfen. Konkret geht es um die Verwandlung von Flurförderfahrzeugen in CPS. Deren Bewegungen werden mittels WLAN lokalisiert, transparent gemacht und über einen bestimmten Zeitraum aufgezeichnet und ausgewertet. Auf dieser Basis lassen sich Prozesse gezielt verbessern.

Dass das Logistik-Forum bereits zum achten Mal in Nürnberg stattfindet, unterstreicht den Stellenwert der Logistikbranche, die in Mittelfranken rund 100 000 Mitarbeiter beschäftigt. „Mittelfranken ist ein Logistik-Standort mit überregionaler Bedeutung“, betont Ulrich Schaller, Leiter des Referats Verkehr und Logistik bei der IHK Nürnberg für Mittelfranken. „Alle Global Player der Branche sind hier vertreten. Hinzu kommen zahlreiche ortsansässige Mittelständler, die sich als kompetente Dienstleister in diesem hart umkämpften Markt deutschlandweit und international positioniert haben.“ Dabei kann die Region mit zwei Standort-Vorteilen punkten: zum einen mit der geografischen Lage, zum anderen mit einer sehr guten Verkehrsinfrastruktur.

Nach Einschätzung von Ulrich Schaller ist die Digitalisierung bei den Logistik-Akteuren in Mittelfranken angekommen. Allerdings würden die Chancen dieses Megatrends teilweise unterschätzt: „In diesem Thema ist noch viel Musik drin.“ Grundsätzlich sieht er auch für den Großraum Nürnberg die Tendenz zur „Veredelung“, also zum Angebot zusätzlicher Dienstleistungen: Nur Güter von A nach B zu befördern, sei kein ausreichend tragfähiges Geschäftsmodell für die Zukunft. Auch die Deutsche Bank Research bestätigt in einem Branchenreport, dass sich der Wettbewerb für „einfache, leicht austauschbare Dienstleistungen“ verschärft. Den daraus entstehenden Preisdruck in der Logistik könnten deutsche Unternehmen durch „anspruchsvolle und maßgeschneiderte Angebote“ lindern, etwas durch Kontraktlogistik und Mehrwertdienste (Value Added Services). Daraus folgt beinahe zwingend, dass sich Logistiker immer stärker auf eine Integration in die Wertschöpfungskette des Kunden einlassen – was wiederum dazu führt, dass sie bei der Digitalisierung der Fertigungsprozesse mitziehen müssen.

Diesen Trend bestätigt Dr. Hansjörg Rodi: „Wir müssen jetzt reagieren und heute die Grundlagen für die künftigen Beziehungen mit unseren Kunden legen“, so der Vorstandsvorsitzender der Schenker Deutschland AG in einem Artikel im Schenker-Kundenmagazin. Die Digitalisierung wird dabei neue Möglichkeiten eröffnen. Um sie zu nutzen, muss ein Logistik-Unternehmen über „digitale Reife“ verfügen. Nach Einschätzung von Rodi bedeutet „digital readyness“, „dass es dem Unternehmen gelingt, eigene Daten aufzuarbeiten und zu strukturieren, Schnittstellen zu bereinigen, moderne IT und Produkte mit globalen Standards zu entwickeln und die operativen Systeme der Spediteure anzubinden“. Solche ambitionierten Ziele lassen sich allerdings nur mit entsprechend qualifizierten Mitarbeitern erreichen. Nach Experten-Schätzungen ist etwa die Hälfte aller Arbeitsplätze im Supply Chain Management und in der Logistik vom Wandel durch die Digitalisierung betroffen.

 

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 03|2016, Seite 30

 
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