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Virtual Reality

Eintauchen in neue Welten

Virtual Reality © (C)2017 Thomas Tjiang, all rights reserved

Ein großes Publikum sah sich die Präsentationen der VR-Firmen an.

Die digital erzeugte Realität wird auch in Mittelfranken Wirklichkeit, wie eine Ausstellung auf der Nürnberger WebWeek eindrucksvoll bewies.

Virtuelle Realität (VR) steht für eine durch die Digitalisierung künstlich geschaffene Welt, in der sich ein „Besucher“ mit einer blickdichten und von Umgebungslicht abgeschirmten VR-Brille bewegen kann. Der Gast im virtuellen Raum kann dort mit seiner Umgebung interagieren. Gerade die globalen Computerspiel-Anbieter gelten als Treiber der Entwicklung, um einen Spieler in einem Abenteuer- oder Actiongame mitten in das Geschehen des künstlichen Schauplatzes zu versetzen. Aber auch andere Branchen wollen sich Schritt für Schritt die Vorteile von VR erschließen: Touristik-Unternehmen können in Rom Besucher durch den virtuellen Palast von Kaiser Nero führen oder sie lassen Kunden bereits im Reisebüro einen Blick auf Hotel und Sehenswürdigkeiten am Urlaubszielort werfen. In der Industrie können komplexe Maschinen mit einer VR-Brille virtuell zerlegt und wieder zusammensetzt werden.

Eng verwandt mit VR ist die Augmented Reality (AR), die „erweiterte Realität“, die Objekte vor dem menschlichen Auge mit ergänzenden virtuellen Informationen kombiniert. Seit vergangenem Jahr hat die Technik vor allem durch Pokémon Go Bekanntheit gewonnen. Die Spielidee: mit dem Smartphone die reale Umgebung erfassen, per AR Pokémon-Monster entdecken und fangen. Manchmal ist auch von einer „Mixed Reality“ (MR) die Rede, bei der die Außenwelt zunächst digital aufgenommen und dem Benutzer dann mit Zusatzinformationen angereichert eingespielt wird. Die Microsoft HoloLens, eine Art Brille mit transparentem Bildschirm, gilt als der Wegbereiter dieser Technik. In der Praxis werden gern alle drei Lösungen unter dem Sammelbegriff VR subsummiert.

In der Region gibt es viele Firmen, die sich auf diese speziellen und spannenden Themen spezialisiert haben. Die Stadt Nürnberg und die IHK Nürnberg für Mittelfranken initiierten daher eine Ausstellung, um Austausch und Netzwerk zu fördern. Die Bilanz der ersten Virtual-Reality-Ausstellung im Nürnberger Südwestpark fällt positiv aus: Für Mitinitiator Markus Pietsch von der Wirtschaftsförderung der Stadt Nürnberg sind diese Ziele erreicht worden. Die Metropolregion Nürnberg verfüge über eine vielfältige Szene, ergänzt Alexander Fortunato, Mitorganisator und Referent Kreativwirtschaft bei der IHK Nürnberg für Mittelfranken. Es sei an der Zeit gewesen, ihnen eine Plattform zu bieten.

Für Phillip Taufenbach, Kreativ-Direktor der Nürnberger Agentur für neue Medien Seven M GmbH (www.seven-m.de), war es die erste Teilnahme an dem kontinuierlich wachsenden Programm der WebWeek. Er hätte sich zwar mehr Besucher gewünscht, aber Interesse und Entscheidungskompetenz der Anwesenden sei hoch gewesen, so sein Fazit. Für Taufenbach ist der Markt mittlerweile so weit entwickelt, dass er für Industrie- und andere Business-Kunden interessant wird. Für den Kfz-Zulieferer Brose wurde etwa eine VR-App entwickelt, mit der sich am Touchscreen Produkte aus einem gläsernen Auto herausnehmen und beliebig drehen lassen.

Die Amberger Innovationsagentur Zeigewas GmbH (www.zeigewas.de) berät mit ihren 14 Mitarbeitern Unternehmen und Organisationen dabei, ihre Chancen in der Digitalisierung zu erkennen und umzusetzen. Zudem entwickelt sie spezielle Apps für Sondermaschinen. Geschäftsführer Christian Hubmann spricht von „Assistenzsystemen für die Industrie 4.0“. Um bei einer Sondermaschine einen Kompressor auszutauschen, helfe eine digitale Anleitung. Auch Messen seien ein potenzieller Markt.     

Die NeoBird GmbH & Co. KG (www.neobird.de), Nürnberger Entwickler von Spielen und Anwendungen, sieht neben der Spielewelt ebenfalls die Messen als starken Treiber für virtuelle Lösungen. Nach wie vor seien Angebote mit VR-Brille eine gute Möglichkeit, um Besucher neugierig zu machen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen, weiß Geschäftsführer Martin Schiele. Aussteller könnten sich den Transport schwerer Maschinen als Prototyp für eine Messe sparen, auch wenn sie mittels moderner Technik „nur“ virtuell dabei sind. Auch in der beruflichen Bildung sieht Schiele Anwendungsgebiete: Statt Frontalunterricht könnten Teilnehmer bei einer Weiterbildung im digitalen Raum um eine Maschine herumgehen und die Steuerungseinheiten ausprobieren. „Der Lerneffekt ist viel besser“, ist sich Schiele sicher.

Für Holger Trost, Geschäftsführer der Factor Six UG (www.factorsix.de), hat VR den „Reiz einer neuen Technik“, die bisherige dreidimensionale Lösungen auf eine neue Stufe hebt. Mit der VR-Brille entstehe ein komplett neues Medium, so wie einst Papier oder Fernsehen. Trost zeigte im Südwestpark die Handgestensteuerung im virtuellen Raum, die den klassischen Controller als Handsteuerung ersetzt.

Die 2015 gegründete Zirndorfer Pion One AG (www.pion-one.com), „the augmented reality company“, hat schon international für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Der US-Plattformriese Apple hatte dem Vorstandsvorsitzenden Ralf Scheid einen Vertrag für ein Pion-Patent angeboten, doch er schlug ihn aus. Dabei geht es um eine AR-Lösung, die zweidimensionale Objekte erfasst und diese dann auf einem Tablet- oder Smartphone dreidimensional darstellt – App 2 go heißt deshalb Scheids Innovation (siehe auch unter: „IHK-Welt“).

Die vor drei Jahren gegründete Nürnberger RealtimeLabs GmbH (www.realtimelabs.de) entwickelt unter anderem für den Spielzeughersteller Playmobil eine AR-App, bei der man eine Katalogseite scannt und dann in die Spielewelten eintauchen kann. Für Siemens realisierte das Unternehmen eine mit der VR-Brille begehbare und erlebbare Dampfturbine. „Bestimmte Teile der Dampfturbinenanlage lassen sich isoliert anzeigen“, berichtet Geschäftsführer Florian Machill. Getüftelt wird gerade an einer Version für die HoloLens-Brille, eine Mixed-Reality-Lösung, bei der man nach wie vor das Umfeld sieht, aber gleichzeitig die Dampfturbine in die Brille projiziert wird.

Das 2014 von Benedikt Engelhard in Nürnberg gegründete Unternehmen Cykyria – Virtual Reality (www.cykyria.de) demonstriert, was heute technisch machbar ist. Das zeigt er beispielsweise am VR-Racing-Modul, das für Messen oder andere Firmenevents individuell mit Logos ausgestattet und gemietet werden kann. „Das ist ein echter Hingucker“, so Engelhard, der einen deutlichen „Fokus auf Entertainment“ hat.

Die Fürther R5 Region Five Media GmbH (www.regionfive.de) wurde 2012 als Produzent für Image-, Produkt- oder Werbefilm gegründet. Seit drei Jahren beschäftigt sich das Filmstudio unter Regie von Geschäftsführer René Kasperek auch mit VR-Lösungen. Einen „Hype in der Videokommunikation“ bei den Unternehmen sieht er bei den 360 Grad Virtual Reality-Videos. Sie bilden eine Szene in einer Rundumsicht ab, der Zuschauer kann selbst bestimmen, wo er hinsieht. Außerdem hat sich Kasperek auf firmenindividuelle VR-Projekte spezialisiert. Sie reichen von der Idee über die Produktion der Virtual Reality-Contents bis zur Umsetzung für die passende Plattform.

Die Fürther g.a.s. Unternehmenskommunikation GmbH (www.gas-inter.net) betreut als klassische Agentur internationale Kunden und beschäftigt sich seit eineinhalb Jahren mit VR. Für Geschäftsführer Martin Appoldt hätte die VR-Ausstellung „länger dauern dürfen“, insgesamt fällt sein Fazit bezüglich Interesse und Begeisterungsfähigkeit der Besucher aber „sehr positiv“ aus. g.a.s. hat u. a. eine App im Portfolio, die Produktverpackungen optisch erfasst, um anschließend Zugang zu einer Vielzahl von digitalen Inhalten zu erhalten.

Für Mitorganisator Alexander Fortunato hat sich gezeigt, wie viel „VR- und AR-Potenzial im Großraum Nürnberg vorhanden ist“. Dabei waren längst nicht alle Unternehmen aus der Region auf der WebWeek vertreten. Fortunato möchte nun regelmäßige Treffen mit intensivem Austausch anstoßen. Auch ist angedacht, die Internetseite der Veranstaltung zu einer Art Branchenportal auszubauen. „So könnte sich eine starke Community bilden.“ 

Autor: 

(tt.)

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 06|2017, Seite 72

 
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