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Büroarbeit

Zum Diktat bitte!

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Flink in Steno und Maschinenschreiben mussten Bürokräfte früher sein. Sind diese Fertigkeiten im modernen Büro noch gefragt?

Fräulein Müller, zum Diktat bitte!“ Dieser Satz ist längst aus dem Büroalltag verschwunden – ebenso wie Stenoblock, Schreibmaschine und Durchschlagpapier. Dieses Trio gehörte zur Grundausstattung eines Sekretariats, ehe Diktiergeräte und Computer Einzug in die Arbeitswelt hielten. Die Stenotypistin, die gesprochene Texte in Kurzschrift erfasst und anschließend in Schriftsätze überträgt, existiert nicht mehr. Das Handwerkszeug dieses klassischen Berufsbilds – Stenografie und Maschinenschreiben – hat überlebt. Auch wenn die Digitalisierung der Büros die Anwendungsmöglichkeiten dieser Grundfertigkeiten extrem verändert hat: Kurzschrift wird in einer Nische von ambitionierten Hobby-Schreibern und hoch professionellen Parlamentsstenografen gepflegt. Das Tastaturschreiben mit zehn Fingern ist nach wie vor verbreitet, aber bei den Millennials und jüngeren Altersklassen weniger populär als bei den Babyboomer-Jahrgängen.

Die Zehnfinger-Blindschreibmethode hat Richard Siering 1889 in Deutschland eingeführt. Knapp 130 Jahre später hat dieses System in der Berufsbildung seinen früheren Stellenwert verloren. Ein Indiz dafür ist die Neuordnung der Büroberufe: 2014 wurden drei Ausbildungsberufe zum „Kaufmann/-frau für Büromanagement“ verschmolzen. Seitdem wird von den aktuell knapp 72 000 jungen Frauen und Männern in Deutschlands beliebtestem Ausbildungsberuf nicht mehr verlangt, dass sie mit zehn Fingern tippen. Der Rahmenlehrplan fordert lediglich, dass sie ein „Textverarbeitungssystem bedarfsgerecht und effizient anwenden“.

In den Lehrplänen der bayerischen Real- und Wirtschaftsschulen ist das Tastaturschreiben im Fach Informationstechnologie verortet. Für Realschüler ist im Rahmen des Moduls „Texterfassung“ das Erlernen des Zehnfingersystems obligatorisch. In den Wirtschaftsschulen des Freistaats sieht der 2017 eingeführte „LehrplanPlus“ den „Erwerb von Fertigkeiten im Tastschreiben vor, wenn für den Bereich Informationsverarbeitung die selbstständige und zielorientierte Anwendung von Techniken zur Verbesserung der Schreibsicherheit und Schreibfertigkeit genannt wird“, so das Kultusministerium.

Allerdings wurde im „LehrplanPlus“ bewusst darauf verzichtet, die Methodik des Zehnfingersystems verbindlich festzuschreiben – was das Kultusministerium mit einer „grundlegenden Veränderung“ der Verfügbarkeit von Medien und damit verbundener Nutzungsgewohnheiten begründet: Moderne Multimediageräte wie Smartphone, Tablet oder Tablet-PC ließen sich mittels Spracherkennung, Bildschirmtastatur, Touchpen etc. bedienen. Das Tastaturschreiben sei für die Dateneingabe nicht zwingend erforderlich. Vor diesem Hintergrund überlässt es das Kultusministerium den Wirtschaftsschulen, welche Methodik der Texterfassung sie lehren.

Eine Stichprobe in der Region zeigt allerdings, dass das Zehnfingersystem nach wie vor geübt wird. Die Städtische Wirtschaftsschule Ansbach sieht das Zehnfinger-Tastschreiben als „Grundlage für ein rationelles Arbeiten am Computer“ und unterrichtet diese Fertigkeit in den Einstiegsklassen. An der Städtischen Wirtschaftsschule in Nürnberg wird das Zehnfingersystem ebenfalls gelehrt, wobei das vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) vorgeschlagene Programm „Schreibtrainer“ zum Einsatz kommt. Auch an der Städtischen Wirtschaftsschule Erlangen hat das Tastaturschreiben seinen Platz im Stundenplan, ebenso an der Städtischen Wirtschaftsschule Schwabach. Dort ist es langjährige Tradition, dass die Schülerinnen und Schüler beim Leistungsschreiben des Stenografen-Hort Nürnberg e. V. mitmachen. Die Teilnehmer dieses Wettbewerbs müssen beim Erfassen eines Textes mit rund 4 000 Anschlägen ihr Talent im Schnell- und Sicherschreiben unter Beweis stellen.

Dass Tastenschreiben auch im (Berufs-)Alltag außerhalb des Klassenzimmers gefragt ist, kann das Bildungszentrum (BZ) der Stadt Nürnberg bestätigen. Die größte Volkshochschule Nordbayerns verzeichnete in den letzten Jahren eine steigende Nachfrage nach Unterricht im Tastaturschreiben, gerade von jungen Erwachsenen. Im klassischen Kursbetrieb lernen pro Jahr etwa 70 Teilnehmende die Zehnfingertechnik. Dazu kommen noch die Kurse im Bereich „Angebote für Kinder“, die jährlich von 50 Mädchen und Jungen besucht werden. Außerdem führt das BZ externe Kurse in Nürnberger Gymnasien sowie Schulungen in Unternehmen durch.

Steno stirbt aus

Im Gegensatz zum Zehnfingerschreiben ist die Stenografie im Büroalltag so gut wie ausgestorben. Aus den Lehrplänen der bayerischen Schulen wurde sie 2004 gestrichen, 2009 verschwand die Kurzschrift aus dem Programm des Nürnberger Bildungszentrums. Die Deutsche Einheitskurzschrift (DEK) entstand 1924 aus den zehn großen Kurzschriftschulen, die es Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland gab. Eine der bekanntesten war das grafische Kurzschriftsystem, das Franz Xaver Gabelsberger (1789-1849) als „Kanzlist“ im bayerischen Staatsdienst erfunden hatte. Der Zeitspareffekt der Kurzschrift resultiert daraus, dass nur Teile der Langschriftbuchstaben verwendet werden. Außerdem gibt es eigene Zeichen für einzelne Wörter (sogenannte Kürzel) sowie für Konsonantenverbindungen (beispielsweise „str“, „gr“, „tr“) und für Silben wie „-ung“, „-heit“, „-keit“.

Heute umfasst die DEK drei Stufen: Mit der Verkehrsschrift lassen sich 80 bis 120 Silben pro Minute erfassen, immerhin zwei bis dreimal so viele wie mit der gewöhnlichen Handschrift (Langschrift). Mit etwa 200 Silben pro Minute zieht die Eilschrift das Tempo deutlich an. Wer die Redeschrift als „Hochleistungsstenografie“ beherrscht, kann bis zu 500 Silben pro Minute erreichen.

Die Redeschrift ist das Metier von Stefan Kampfer, dem Vorsitzenden des Stenografen-Hort Nürnberg e. V. 1885. Er hat die Kurzschrift in der Schule gelernt: „Ich war fasziniert von dieser Geheimschrift.“ Beim Stenografen-Hort trainierte er die Verkehrs- und Eilschrift, schließlich machte der gelernte Bankkaufmann sein Hobby zum Beruf und absolvierte 2003 im Landtag von Niedersachsen eine Ausbildung als Parlamentsstenograf. Heute ist der 49-Jährige freiberuflich in Landtagen, im Bundestag und bei Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften im Einsatz. In den Parlamenten wird bei Plenarsitzungen ein Wortprotokoll angefertigt, in dem auch die Zurufe einzelner Abgeordneter, Applaus oder Missfallensäußerungen enthalten sein müssen. „Das kann ein Tonbandprotokoll nicht leisten“, erklärt Stefan Kampfer.

Der Steno-Profi ist glücklich mit seiner Arbeit, die ihm Abwechslung und spannende Themen bietet. Etwas melancholisch stimmt ihn aber das Thema Nachwuchs: „Es kommen kaum junge Leute nach. Seit Jahren haben wir beim Stenografen-Hort keine Kurse mehr durchgeführt.“ Immerhin gibt es inzwischen Youtube-Tutorials für Kurzschrift-Autodidakten. Die brauchen allerdings Geduld. „Manche haben falsche Erwartungen“, weiß Stefan Kampfer aus Erfahrung. „Wenn man sechs Monate Steno lernt, kann man abends noch lange nicht die Tagesschau mitschreiben.“

Autor: 

aw.

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 11|2018, Seite 38

 
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