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IHK-Kammergespräch

Für Europa eintreten

Deutsch-französische Freundschaft: Innenminister Joachim Herrmann, IHK-Präsident Dirk von Vopelius, Botschafterin Anne-Marie Descôtes, Honorarkonsul Dr. Matthias Everding, Pierre Lanapats (Frankreichs Generalkonsul in Bayern) und dessen Stellvertreter Benoît Schneider (v. l.).

Die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes plädiert für einen engen Schulterschluss zwischen Frankreich und Deutschland.

In Europa gibt es bisweilen die Tendenz zu starker Selbstkritik. Dabei übersieht man die Potenziale. Die müssen wir gemeinsam in den Vordergrund stellen.“ Dies sei eine wichtige Mission für die Regierungen in Paris und Berlin, so Anne-Marie Descôtes, die seit Juni 2017 Frankreichs Botschafterin in Deutschland ist. Die Diplomatin betonte beim IHK-Kammergespräch in Nürnberg die enorme Bedeutung der bilateralen Beziehungen: „Deutschland und Frankreich haben eine besondere Verantwortung für die Zukunft Europas und für die Rolle Europas in der Welt.“

Den Aachener Vertrag, den Staatspräsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel am 22. Januar 2019 unterzeichnet haben, bezeichnete die Diplomatin als Meilenstein, um die „Einheit, Leistungsfähigkeit und den Zusammenhalt in Europa zu fördern“. Als Ergänzung des Elysée-Vertrags, der 1963 die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland besiegelte, soll der Aachener Vertrag nun die bilateralen Beziehungen auf eine neue Stufe heben und die Gesellschaften und Volkswirtschaften noch stärker zusammenwachsen lassen.

Anne-Marie Descôtes machte deutlich, dass Frankreich seinen Reformkurs fortsetzen werde – trotz der „Gelbwesten“-Bewegung. Diese werde vor allem von Menschen aus der unteren Mittelschicht getragen, die sich durch die repräsentative Demokratie nicht mehr vertreten fühlten. Die Proteste seien Ausdruck einer tiefen Unzufriedenheit und Verunsicherung, die man sehr ernst nehmen müsse. Neben den geplanten Reformen der Arbeitslosenversicherung und des Rentensystems soll auch im Bildungswesen ein frischer Wind wehen. Dabei will sich Frankreich vom deutschen Erfolgsmodell der dualen Berufsausbildung inspirieren lassen. „Wir können dieses über viele Jahrzehnte gewachsene System zwar nicht komplett kopieren, wollen aber wichtige Elemente übernehmen“, kündigte die Botschafterin an.

Trotz globaler Unsicherheitsfaktoren entwickle sich die Wirtschaft in Frankreich positiv. Durch die Reformen habe die Attraktivität des Landes als Investitionsstandort gewonnen, erklärte die Diplomatin. Die Statistik gibt ihr Recht: Zwischen 2015 und 2017 hat der Bestand an Auslandsinvestitionen um mehr als 20 Prozent zugenommen. Fast ein Zehntel davon kommt aus Deutschland. Deutsche Unternehmen können dabei auf eine positive Grundeinstellung zu Deutschland bauen, vor allem bei jungen Leuten: Von den 18- bis 24-Jährigen haben über 80 Prozent ein gutes oder sehr gutes Bild ihres östlichen Nachbarlandes, so das Ergebnis einer Studie, die die Deutsche Botschaft in Paris in Auftrag gegeben hatte.

Beiderseitiger Handel

Die bilateralen Handelsbeziehungen sind seit Jahrzehnten eng geknüpft: Laut der deutschen Exportstatistik belaufen sich die Ausfuhren nach Frankreich auf 106 Mrd. Euro. Damit rangiert das Land auf Platz zwei der deutschen Handelspartner weltweit (2017). Die Einfuhren aus Frankreich nach Deutschland erreichen ein Volumen von 64 Mrd. Euro. Auch die mittelfränkische Wirtschaft ist bestens mit Frankreich vernetzt: 950 Unternehmen aus der Region haben geschäftliche Beziehungen zu Frankreich, das bei den Import- und Exportverbindungen das viertwichtigste Partnerland Mittelfrankens ist.

Wie Anne-Marie Descôtes im Historischen Rathaussaal erklärte, sei die französische Wirtschaft in allen Bereichen an engen Kontakten mit Unternehmen aus dem Nachbarland interessiert. In diesen Kontext gehöre auch das gemeinsame Manifest zur Industriepolitik, das Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier und sein französischer Amtskollege Bruno Le Maire vor Kurzem präsentierten. Deutschland und Frankreich wollten ihre Kräfte bündeln und verhindern, dass Europa bei Schlüsseltechnologien wie Künstlicher Intelligenz oder der Produktion von Batteriezellen für Elektroautos gegenüber den Wettbewerbern aus den USA und Asien ins Hintertreffen gerät. Außerdem solle ein Fonds zur Unterstützung von Hightech-Firmen geschaffen werden. Geplant seien zudem steuerliche Anreize für Unternehmen, die in Forschung und Entwicklung investieren.

Das Szenario eines ungeordneten Brexits spielte beim Kammergespräch ebenfalls eine Rolle. „Für uns ist das eine besorgniserregende Perspektive, da wir sehr enge Beziehungen zu Großbritannien haben“, stellte Anne-Marie Descôtes klar. Es sei eine „politisch sehr komplizierte Situation“, jedoch bestehe nach wie vor die Hoffnung, eine gute, nachhaltige Lösung zu finden.

Die Diplomatin bezeichnete den Brexit als „bedauerliche Entscheidung“. Man müsse sie jedoch akzeptieren, weil sie demokratisch getroffen wurde. Allerdings liege es in der Verantwortung von Politik und Gesellschaft, der Europa-Müdigkeit etwas entgegenzusetzen. In diesem Sinne appellierte IHK-Präsident Dirk von Vopelius, sich an der Europawahl am 26. Mai 2019 zu beteiligen: „Wir tragen die Verantwortung, ob im Europäischen Parlament Freunde oder Feinde eines geeinten Europas sitzen.“

Autor: 

aw.

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 03|2019, Seite 24

 
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