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Energiegenossenschaften

Volle Kraft voraus

Einsatz für die Energiewende: Genossenschaftliche Initiativen bringen die erneuerbaren Energien mit einer Vielzahl von Projekten voran.

Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele.“ Von dieser Leitidee überzeugt, gründete Friedrich Wilhelm Raiffeisen vor mehr als 150 Jahren die ersten Genossenschaften. Inzwischen hat sich diese Rechtsform in vielen Ländern als Erfolgsmodell etabliert. Weltweit sind mehr als eine Milliarde Menschen in Genossenschaften organisiert, in Deutschland rund 20 Millionen.

Genossenschaftliche Unternehmen finden sich in der Landwirtschaft, im Wohnungsbau, im Bankwesen, im Handel und in anderen Branchen. Charakteristisch für Genossenschaften ist, dass sie ihren Mitgliedern gehören und Leistungen für diese erbringen. Nicht die Gewinnmaximierung steht im Vordergrund, sondern die wirtschaftliche Förderung der Mitglieder. Mit den drei Prinzipien Selbstverantwortung, Selbsthilfe und Selbstorganisation bietet diese Rechtsform einen idealen Rahmen für bürgerschaftliches Engagement. Auch deshalb haben genossenschaftliche Konzepte im Energiesektor in den letzten Jahren eine Hochzeit erlebt.

Rückenwind bekamen die Energiegenossenschaften durch die Einführung des Genossenschaftsgesetzes im Jahr 2006 und die Novellen des Erneuerbare-Energie-Gesetzes (EEG), die seinerzeit attraktive Fördersätze für die Stromerzeugung aus regenerativen Quellen wie Sonne, Wind oder Biogas bot. Durch Anpassungen des EEG ist die Gründerwelle inzwischen jedoch abgeebbt.

Dennoch spielen Energiegenossenschaften nach wie vor eine wichtige Rolle, wobei Bayern als „Hochburg“ der Energiegenossenschaften gilt. Von den 858 im Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband organisierten Energiegenossenschaften sind 262 in Bayern beheimatet. Mit rund 38 000 Mitgliedern setzten sie im Jahr 2018 über 400 Mio. Euro um und erzielten einen Gewinn von über 23 Mio. Euro. Die von den bayerischen Energiegenossenschaften erzeugten Strommengen reichen aus, um ein Jahr lang den Stromverbrauch von 55 000 Durchschnittshaushalten zu decken, so die Berechnungen des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB).

Gut die Hälfte der 262 im GVB organisierten Energiegenossenschaften im Freistaat konzentriert sich auf die Erzeugung von „grünem“ Strom. Dabei spielt die Photovoltaik die Hauptrolle, denn 109 Energiegenossenschaften legen ihren Schwerpunkt auf die Solarenergie. In den letzten Jahren haben immer mehr Genossen den Bereich Wärmeversorgung entdeckt: In Bayern sorgen 78 Genossenschaften für behagliche Temperaturen in rund 5 000 Haushalten. Die genossenschaftlichen Anbieter setzen auf regenerative Wärmequellen wie Biogas, Pellets oder Hackschnitzel.

Ihr Beitrag zum Ausbau der dezentralen Versorgung mit Strom und Wärme macht die Energiegenossenschaften zu Schlüsselfiguren der Energiewende – was auch Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger würdigt: „Im Rahmen von Energiegenossenschaften können Bürger die Energiewende aktiv mitgestalten. Denn wir wollen nicht nur eine bezahlbare, sichere und nachhaltige, sondern auch eine dezentrale Energieversorgung für Bayern. So schaffen wir Wertschöpfung vor Ort.“

Herausforderungen des Energiemarktes

Allerdings stellt der komplexe Energiemarkt das genossenschaftliche Konzept immer wieder vor neue Herausforderungen. So machen die zahlreichen EEG-Novellen den Genossenschaften das Leben schwer: „Vor allem die hohe Änderungsfrequenz ist ein großes Problem“, stellt Peter Weierich fest, Vorstand der Ewerg eG (Bürgergenossenschaft EnergieWende Erlangen und Erlangen-Höchstadt eG). Ein Beispiel: Die im November 2018 beschlossenen Sonderkürzungen bei der Vergütung neuer Photovoltaik-Dachanlagen bis 750 Kilowatt Leistung haben die Kalkulationsgrundlagen vieler Anbieter Makulatur werden lassen. Außerdem beteiligen sich nur wenige Energiegenossenschaften an den EEG-Ausschreibungen der Bundesnetzagentur für Solar- und Windkraftanlagen mit einer Leistung von mehr als 750 Kilowatt. Der Grund für diese Zurückhaltung: Genossenschaften sind verpflichtet, mit den Geldern der Mitglieder sparsam umzugehen. Deshalb können und wollen es sich die meisten nicht leisten, die Projektierungsgebühr in den Sand zu setzen und riskante „Kampfpreise“ anzubieten.

Ursprünglich waren Energiegenossenschaften ausschließlich von ehrenamtlichem Engagement getragen. Die zunehmende Komplexität des Energiemarktes verlangt jedoch eine Professionalisierung. „Trotzdem spielt das Ehrenamt nach wie vor eine große Rolle“, betont Peter Weierich, der sich auch im IHK-Ehrenamt als Mitglied der Vollversammlung, des Fachausschusses Energie/Umwelt und des IHK-Gremiums Erlangen engagiert. Bei der Ewerg eG, die rund 270 Mitglieder hat, arbeiten sowohl der Vorstand als auch der Aufsichtsrat ehrenamtlich und kümmern sich um die Betreuung der Mitglieder, die Öffentlichkeitsarbeit sowie die Konzeption neuer Projekte. Der technische Betrieb der Anlagen ist extern vergeben.

Durch eine Kooperation mit dem Landesnetzwerk Bürgerenergie Bayern e. V. und dem Grünstromwerk kann die Ewerg eG den Ökostrom aus den eigenen Photovoltaik-und Windenergieanlagen bayernweit über „Bavariastrom“ vertreiben. Zu den Projekten der Genossenschaft zählt der Solarpark Uttenreuth, der auf den ehemaligen Bunkern der US-Army seit September 2014 pro Jahr etwa drei Mio. Kilowattstunden Strom erzeugt. Die Photovoltaik-Anlage mit einer Gesamtleistung von 2,95 MWp wird von vier Partnern betrieben: Neben der Ewerg eG sind die NaturStromErzeugung Oberfranken GmbH & Co KG, die BfB eG in Forchheim und die KEG eG (Mitarbeitergenossenschaft der Naturstrom AG) mit an Bord. Mit Naturstrom kooperiert Ewerg auch bei ihrem jüngsten Projekt: Zwei Photovoltaik-Anlagen versorgen das Nahversorgungszentrum neben der Maukhalle auf dem Gelände der alten Ziegelei in Spardorf (Landkreis Erlangen-Höchstadt) mit Strom.

Vermarktung von Öko-Strom

Einen wichtigen Part spielen Energiegenossenschaften bei der Vermarktung des Ökostroms aus bestehenden Anlagen. Ein Beispiel dafür ist die Regionalstrom Franken eG mit Sitz in Geslau (Landkreis Ansbach), die aus dem „Netzwerk Erneuerbare Energien Westmittelfranken“ hervorgegangen ist. Mit dieser Gründungsinitiative wollten private Anlagenbetreiber insbesondere aus der Landwirtschaft sowie Anlagenhersteller und Politiker die regionale Wertschöpfung stärken. Die Regionalstrom Franken eG unterstützt ihre Mitglieder (darunter viele Betreiber von Biogasanlagen) dabei, den Strom zu rentablen Preisen zu verkaufen. Die Grundidee: Durch die Bündelung des Angebots und die Marktexpertise gleicht die Genossenschaft die Größennachteile der kleinen Öko-Stromerzeuger aus. Sie handelt mit verschiedenen Direktvermarktern die besten Konditionen für ihre „Genossen“ aus.

Angesichts schmerzhafter Erfahrungen mit gekappten EEG-Fördersätzen entwickeln zahlreiche Energiegenossenschaften bereits Geschäftsmodelle, die über die pure „grüne“ Stromerzeugung hinausgehen. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die lokale Vermarktung des Stroms sowie Speichertechnologien, die eine Verknüpfung der Strom- und Wärmeversorgung sowie der Elektromobilität ermöglichen. Die Ewerg eG denkt beispielsweise über den Einstieg in Energie-Contracting-Projekte nach: Möglich wäre, dass die Genossenschaft die energetische Sanierung einer Wohnanlage oder eines öffentlichen Gebäudes übernimmt. Der Immobilieneigentümer spart sich die investiven Mittel und zahlt lediglich für die verbrauchte Energie.

Andere Energiegenossenschaften in Mittelfranken erschließen sich ebenfalls neue Geschäftsfelder. So hat die Genossenschaft Nahwärme Pfofeld eG (Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen) beim Bau eines Nahwärmenetzes gleich Leerrohre für Glasfaserkabel für Internet-Verbindungen mitverlegt. Die Wärme-Strom-Gemeinschaft eG (WSG) in Schwabach bietet Kraft-Wärme-Kopplung für Ein- und Mehrfamilienhäuser an.

Auch wenn der Gründungsboom der Jahre 2009 bis 2013 vorbei ist, sind Energiegenossenschaften längst kein Auslaufmodell. Im Gegenteil: Nach wie vor sei die Bereitschaft der Bürger groß, sich über ihre Genossenschaftsanteile finanziell für die Energiewende vor Ort zu engagieren, betont Ewerg-Vorstand Peter Weierich: „Die Finanzierung ist nicht das Problem. Die Herausforderung liegt eher darin, passende Projekte zu finden.“

Eine wichtige Anlaufstelle für die kleinen Energieunternehmen ist nicht zuletzt die IHK Nürnberg für Mittelfranken: Sie unterstützt nach Aussage von IHK-Energieexperte Dr. Ronald Künneth Geschäftsmodelle, die auf dezentrale Energielösungen setzen. Hierzu zählen Informationsveranstaltungen wie zum Beispiel „Photovoltaik auf Gewerbeflächen“ sowie Faktenpapiere zu Themen wie Energiespeicher, Eigenerzeugung und Direktlieferung. Im Rahmen des IHK-Innovations- und Anwenderclubs E-Mobilität wurden regionale und betriebliche Pilotanwendungen zur Integration von Photovoltaik und Elektromobilität präsentiert.

Autor: 

Andrea Wiedemann

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 06|2019, Seite 28

 
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