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Photovoltaik

Strom selbst gemacht

Photovoltaik © Suntipong/AdobeStock

Solarstrom produzieren und selbst nutzen: IHK-Veranstaltung zeigte Chancen und Herausforderungen für Unternehmen auf.

Photovoltaik ist eine der wenigen gut funktionierenden Stellschrauben, wenn es um erneuerbare Energien und Eigenerzeugung in Unternehmen geht. Denn sie kann dort überall und zunehmend flexibler eingesetzt werden", sagte Dr.-Ing. Robert Schmidt, Leiter des IHK-Geschäftsbereichs Innovation/Umwelt, beim IHK-Fachforum "Photovoltaik – Eigenstromversorgung in Unternehmen", das auf dem Energie-Campus Nürnberg stattfand. Im Zentrum stand die Frage, ob es sich für Unternehmen überhaupt lohnt, in eine Photovoltaikanlage zu investieren.

Mit einem "Ja" beantwortete Dr. Sebastian Bolay, Energieexperte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), diese Frage. Heute rechne man pro Kilowattstunde selbst erzeugtem Solarstrom mit einer Einsparung von 28 Prozent, in den nächsten Jahren dürfte sie aber angesichts der höheren CO2-Kosten und des EU-Emissionshandels höher liegen. Nicht zu unterschätzen seien die zahlreichen rechtlichen Regelungen, die beachtet werden müssten. Beispielsweise sei die Abgrenzung von Drittstrommengen so kompliziert, dass sich der überwiegende Teil der Unternehmen schwer tut, den rechtlichen Anforderungen genüge zu tun. Die neue Erneuerbare-Energien-Richtlinie der Europäischen Union sehe nun ein Diskriminierungsverbot von Solarstromerzeugern vor. Damit dürfte die Besteuerung des Eigenverbrauchs für Solaranlagen, die eine Höchstleistung von mehr als zehn Kilowatt peak (kWp) haben, sowie die Doppelbesteuerung von Photovoltaik-Stromspeichern nicht mehr lange Bestand haben.

"Wir brauchen Technologie, die Photovoltaik profitabel für Unternehmen macht", sagte Prof. Dr. Christoph J. Brabec, Inhaber des Lehrstuhls für Werkstoffwissenschaften (Materialien der Elektronik und der Energietechnologie) an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) in Erlangen. Die Technologie müsste noch zwei- bis dreimal günstiger werden, beispielsweise um die alterungsbedingte Leistungsabnahme der in den Solarzellen verbauten Halbleiter aufzufangen. Für die Photovoltaik (PV) sieht der Professor viele Anwendungsmöglichkeiten. Einige Beispiele: schwimmende PV-Anlagen in gefluteten Kohletagebauten, mit PV aufgeladene E-Bikes, aufgeständerte Solaranlagen, unter denen Landwirtschaft betrieben wird oder mit denen die Versandung in Wüstenregionen gestoppt wird. In der Entwicklung, aber nicht noch nicht ganz ausgereift seien Solarzellen, die in Radwege integriert werden.

Lastspitzen abbauen

"Wurden Photovoltaikanlagen noch vor Jahren auf ein Maximum an Leistung ausgelegt, orientiert man sich heute an der Lastsituation", berichtete Thomas Vogel, Geschäftsführer der Zeitgeist Engineering GmbH aus Nürnberg, die auf Photovoltaik, Energiesteuerung, Energiemanagement und Smart Building spezialisiert ist. Die Ausrichtung erfolge nach dem Lastprofil, um Lastspitzen zu senken, denn die kosteten dem Unternehmen viel Geld. Deshalb sollten alle Komponenten nahtlos vernetzt werden. So werde eine "intelligente" Gebäudeheizung nur dann aktiviert, wenn auch Menschen im entsprechenden Raum seien. Oder das Aufladen von Elektrofahrzeugen werde so gesteuert, dass Lastspitzen vermieden werden. Insgesamt müsse die Energiewende schon aus Gründen der Netzstabilität ganzheitlich gesehen werden, um mit intelligenter Regeltechnik das Zusammenspiel dezentraler Systeme aufeinander abzustimmen.

André Beck, Geschäftsführer der N-Ergie Solarstrom Verwaltungs-GmbH, verwies auf die Möglichkeit, eine Photovoltaikanlage für 18 Jahre zu mieten. Das spare dem Mieter die Anfangsinvestition. Eine dreiprozentige Strompreiserhöhung sei hinterlegt. Die N-Ergie Solarstrom übernehme die Planung, Dimensionierung, Finanzierung und die jährliche Wartung der Anlage. Nach 18 Jahren könne die Übereignung der Anlage zu einem festgelegten Preis an den Betreiber stattfinden.

Solarstrom speichern

"90 bis 95 Prozent der Photovoltaikanlagen werden nach unseren Erfahrungen im Direktkauf erworben", sagte Markus Buortesch, Geschäftsführer von Greenovative aus Nürnberg. Die Firma entwickelt maßgeschneiderte Komplettkonzepte zur Energiekosten-Optimierung für Unternehmen. Die Vorteile von Photovoltaik lägen auf der Hand: Sie sei um 50 Prozent günstiger als der Netzstrom, die Module mit Siliciumtechnik hätten eine Laufzeit von 30 bis 40 Jahren. Den überschüssigen Strom könne man verkaufen. Ein Photovoltaikspeicher könnte überschüssigen Solarstrom aufnehmen und ihn dann zur Verfügung stellen, wenn er tatsächlich gebraucht werde. Das sei etwa an sonnenarmen Tagen, in der Nacht und zur Kappung von Lastspitzen der Fall. Auch Autohäuser benötigten nicht immer einen großen, kostenintensiven Stromanschluss für ihre Ladeinfrastruktur. Oftmals sei Solarstrom beziehungsweise die Kombination aus Photovoltaikanlage und Photovoltaikspeicher die wirtschaftlichere Lösung.

Rüdiger Szak, Geschäftsführer der Axis GmbH aus Nürnberg, die auf Acrylglas- und Lichtanwendungen spezialisiert ist, berichtete als Betreiber seines PV-Projekts: Nur etwa 40 Stunden Zeitaufwand und Zusatzkosten von 5 000 bis 10 000 Euro habe es gebraucht, um gemeinsam mit einer Fachfirma Machbarkeit, Statik und Anbieter auszuloten. Axis habe insgesamt rund 100 000 Euro investiert, seit Mitte Juni sei die Anlage mit einer Modulfläche von 1 000 Quadratmetern und einer Leistung von 99 KWp nun in Betrieb. Als Gründe für die Investition nannte er die Senkung der Stromkosten, eine optimierte Rendite durch mehr als 50 Prozent Eigenverbrauch (u. a. Aufladung der firmeneigenen Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge und Dienst-E-Bikes), die Abkopplung von kommenden Strompreiserhöhungen sowie den Beitrag zum Klimaschutz. Die Photovoltaikanlage verfüge zwar über keinen Speicher, sei aber mit smarter Gebäudesteuerung gekoppelt. Wenn man die bisher schon erreichten Einsparungen hochrechne, dürften sich die Investitionskosten nach sechs bis sieben Jahren amortisieren.

Jürgen Reiner vom Nürnberger Schreibgerätehersteller Staedtler Mars GmbH sagte zu der im September 2019 in Betrieb genommenen, firmeneigenen Photovoltaikanlage: "Wir beobachten die Entwicklung und schauen, ob sich ein Ausbau lohnt." Die Anlage ohne Speicher habe eine prognostizierte Bruttoleistung von 177,51 KWp. Der Strom sei zu 100 Prozent für den Eigenverbrauch bestimmt und decke zwei Prozent des Stromverbrauchs von Staedtler. Mit einer Refinanzierung der Kosten rechne man nach zehn Jahren. Dies sei eigentlich zu lange, denn eine Maschine würde man unter diesen Bedingungen nicht kaufen. Zudem habe man zurzeit ein weiteres Problem mit der der Anlage, das ungeplante Kosten verursacht: "Viele Tauben haben sich sehr über die vielen neuen Nisthöhlen gefreut."

Stefan Seufert von der Solarinitiative Nürnberg machte auf die seit 2019 laufende Initiative "PV Check Plus" aufmerksam, die Unternehmen bei der Planung von PV-Projekten durch Wirtschaftlichkeitsberechnung und Ortstermine unterstützt. Für die Beratung besonders geeignet seien Betriebe mit einem Stromverbrauch von mehr als 20 000 Kilowattstunden pro Jahr, die über eigene Dachflächen verfügen (Informationen: wirtschaftsservice@stadt-nuernberg.de).

"Die Aufgabe ist, die Energie dort zu erzeugen, wo sie gebraucht wird", so Dr. Hans-Joachim Egelhaaf, Gruppenleiter der Solarfabrik am Energie-Campus Nürnberg. Derzeit seien weltweit PV-Anlagen mit einer Leistung von 500 bis 600 Gigawatt installiert, der Bedarf liege aber bei 20 Terrawatt. Deshalb sei es wichtig, alle Potenziale für die Photovoltaik zu nutzen. Die EU-Gebäuderichtlinie fordere ab 2021 sogenannte Niedrigstenergiegebäude. Deswegen sei es wichtig, außer geeigneten Dachflächen zusätzliche Flächen für PV-Anlagen vorzusehen. Ein großes Potenzial stecke in den Fassaden von Gebäuden. Sehr gut in die Fassaden integrieren ließen sich sogenannte organische Photovoltaik-Module (OPV), die auf Folie oder Glas aufgedruckt würden und unbegrenzte gestalterische Möglichkeiten erlaubten.

Autor: 

(as.)

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 01|2020, Seite 58

 
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