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Globalisierung

Wie rüttelt Corona die Weltordnung durch?

1918_flu_in_Oakland © Edward A. "Doc" Rogers 1918, Oakland Public Library / wikipedia.de

Spanische Grippe nach dem Ersten Weltkrieg: Krankenstation in Oakland/USA.

WiM-Interview mit Prof. Dr. Harold James, Princeton University.

Der amerikanische Historiker Harold James ist gebürtiger Brite und lehrt an der Princeton-Universität. Eines seiner Spezialgebiete ist die europäische Wirtschaftsgeschichte. Der Region Nürnberg ist er u. a. durch seine Beschäftigung mit Ludwig Erhard und durch seine Kontakte mit dem Ludwig-Erhard-Initiativkreis e. V. verbunden. Die Errichtung des Ludwig-Erhard-Zentrums in Fürth hat er engagiert begleitet.

Welche Parallelen und Unterschiede sehen Sie zwischen der Corona-Krise und früheren Pandemien – wie etwa der Spanischen Grippe?

Die Spanische Grippe infizierte mehr Menschen als der Corona-Virus und tötete mehr – wahrscheinlich rund 50 Millionen. Aber es ist unmöglich, die Auswirkungen des Virus isoliert von den Folgen des Ersten Weltkriegs zu sehen, der einen viel größeren wirtschaftlichen Einbruch verursachte. Einer der Gründe, warum sich die Grippe so heftig auswirkte, dürfte sein, dass sich mehr als vier Jahre Wirtschaftsblockade, Nahrungsmittelknappheit und schlechter Ernährung verheerend auf das Befinden und die Gesundheit eines Großteils der Bevölkerung – insbesondere in Europa – ausgewirkt haben.

Welche direkten Folgen der aktuellen Krise erwarten Sie für Branchen und Arbeitsmärkte?

Am stärksten vom Shutdown betroffen ist die Dienstleistungsbranche, vor allem Gastgewerbe, Tourismus usw. Es dürfte lange dauern, bis sie sich erholen. Gleichzeitig hat die Krise aber auch die Bedeutung der "systemrelevanten" Arbeitskräfte klar gemacht, etwa in Transportwesen, Einzelhandel, Lebensmittelverarbeitung und Krankenhäusern. Die Fleischindustrie war sowohl in den USA als auch in Europa eine Quelle vieler Infektionen. Es wird einen erheblichen Druck geben, um die Entlohnung und die Arbeitsbedingungen zu verbessern – gerade in Berufen, die auf kurze Frist stark nachgefragt sind. Längerfristig könnten höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen aber durchaus dazu führen, dass es zu mehr Automatisierung und zu weniger Beschäftigung kommt.

Die Globalisierung war bereits vor Corona in die Kritik geraten (Stichworte "America first" und "Brexit"). Erleben wir derzeit eine historische Abkehr von der Globalisierung?

Das Virus bietet sich geradezu für Schuldzuweisungen an, da man sagen kann, es stamme ja von woanders her. Trump nannte es ausdrücklich das "China-Virus". Außenminister Mike Pompeo torpedierte beim G7-Treffen eine gemeinsame Erklärung, indem er darauf bestand, es als "Wuhan-Virus" zu bezeichnen. In China kursieren Berichte darüber, das Virus könnte vom US-Militär nach Wuhan eingeschleppt worden sein. Und eine zweite Welle in Peking wird importiertem europäischen Lachs angelastet. Als Neuinfektionen in China auftraten, wurden sie auf Chinesen zurückgeführt, die aus dem Ausland zurückkehrten. In Europa flammten Streitigkeiten darüber auf, ob Deutschland Lieferungen medizinischer Geräte nach Italien blockiert habe.

Das Virus und die Sorge, in den jeweiligen Ländern die Versorgung mit medizinischen Gütern sicherzustellen, löst Druck aus, die Lieferketten zu verkürzen und mehr vor Ort zu produzieren. Zurzeit kommen viele US-Arzneimittel aus dem Ausland: 80 Prozent der aktiven pharmazeutischen Wirkstoffe (APIs) werden importiert, vor allem aus China und Indien. 96 Prozent der Antibiotika kommen aus China. Große Länder – auch in der Europäischen Union – werden versuchen, mehr vor Ort zu produzieren. Aber natürlich werden kleine Länder nicht in der Lage sein, die ganze Palette komplexer Pharmazeutika selbst herzustellen.

Viel schwieriger ist auch das Reisen geworden. Wahrscheinlich werden viele Länder ihre Visa-Beschränkungen für Arbeitskräfte beibehalten. In den USA hat es gerade eine weitere einschneidende Verschärfung gegeben. Viele hoch qualifizierte Arbeitskräfte, die vor allem in der Technologieindustrie benötigt werden, können jetzt nicht mehr einreisen. Dies alles macht es schwer vorstellbar, dass sich die Globalisierung in ihrer alten Form in nächster Zukunft wiederherstellen lässt.

Die exportorientierte deutsche Wirtschaft ist auf offene Märkte angewiesen. Wie kann sich Deutschland auf die zunehmend schwierige weltwirtschaftliche Situation vorbereiten?

Deutschland hat einige bemerkenswerte Stärken bei Arzneimitteln und Medizintechnik. Das wird auch so bleiben, selbst wenn mehr Länder versuchen sollten, vor Ort zu produzieren. Der europäische Markt ist hier ganz wesentlich. In anderen Bereichen – vor allem in der Automobilindustrie – sehe ich große Probleme. Aber die Schwäche der Automobilindustrie hat weniger mit den langfristigen Auswirkungen der Corona-Krise zu tun, sondern eher mit der Diskussion über den Ausstieg aus fossilen Treibstoffen und den Übergang zu neuen Formen der Mobilität.

Die globale Verschuldung steigt als Folge der staatlichen Rettungsmaßnahmen weiter dramatisch an. Auf welche Folgen müssen wir uns einstellen?

In der Tat ist die Verschuldung weltweit auf ein Niveau angestiegen, wie es zuvor nur nach großen Kriegen zu beobachten war. Und diese Konflikte haben immer ein sehr schmerzhaftes wirtschaftliches und finanzielles Erbe hinterlassen. Eine europäische Besonderheit in der aktuellen Krise ist, dass Staatsgarantien und Kredite bei den Unterstützungsprogrammen eine zentrale Rolle spielen. Dies könnte sich entweder als Geniestreich herausstellen, wenn es eine schnelle Erholung gibt, oder als großes Problem, wenn Unternehmen nicht mehr in der Lage sind, die Kredite zurückzuzahlen, und die staatlichen Bürgschaften einfordern. Kreditgarantien und Bürgschaften haben einen besonders großen Anteil an den finanzpolitischen Programmen in Deutschland (27 Prozent des Bruttoinlandsprodukts) und Italien (32 Prozent). Besonders auffällig ist hier der Unterschied zu den USA, wo es weniger als drei Prozent sind.

Solange die Zinssätze niedrig sind, gibt es für die fortgeschrittenen Industrieländer keine Probleme und die Staatsverschuldung dürfte tragbar sein. Aber eine große Herausforderung wäre es für sie, sollte die Inflation zurückkommen. Derzeit wirkt sich das Herunterfahren der Wirtschaft deflationär aus. Aber wegen der Ausweitung des geldpolitischen Rahmens ist es denkbar, dass es zu allgemein höheren Preisen kommt. Und zwar nicht nur bei Nahrungsmitteln, deren Preise bereits jetzt steigen. In diesem Fall wird es wohl zu einem Ringen zwischen Zentralbanken und Regierungen kommen. Eine Lehre aus der Geschichte ist, dass sich dann wahrscheinlich die Regierungen durchsetzen, indem sie mit nationalen Notwendigkeiten argumentieren.

Die Bewältigung der Corona-Krise wird oft als Systemfrage gesehen. Wie werden die Machtzentren USA, China und Europa danach aufgestellt sein?

Die USA geben leider ein sehr schlechtes Bild ab. Das ist bedauerlich für mein Land, aber auch für Europa und die Welt. Einige Lebensumstände in den Vereinigten Staaten im traumatischen Jahr 2020 ähneln in erschreckender Weise den letzten Jahren der Sowjetunion. Covid kann man mit der Katastrophe von Tschernobyl gleichsetzen, die die staatliche Inkompetenz offenlegte und zur Auflösung des Sowjetsystems führte. Der Vergleich zwischen der Sowjetunion und den USA hat zwei Aspekte: Zum einen geht es um die Qualität der Führung, zum anderen um die Gründe für die innere Spaltung und schließlich für das Auseinanderbrechen des Landes. Die Sowjetunion unterdrückte ausgebrochende ethnische Konflikte und stürzte die Gesellschaft damit in Gewalt, Zusammenbruch und Zerfall. Die Führung der Vereinigten Staaten facht die seit langem bestehende gesellschaftliche Spaltung weiter an, die auch eine langfristige Folge der Sklavengesellschaft in den Südstaaten darstellt. Sie ist dadurch bedingt, dass der Zugang zu materiellen, finanziellen, akademischen und politischen Ressourcen ungleich ist. Die Vereinigten Staaten werden sich wahrscheinlich für lange Zeit nach innen wenden.

Aber China ist auch ziemlich verwundbar: Die Explosion der Unternehmensschulden ist dort noch größer als anderswo. Staatliche chinesische Institutionen haben zudem hoch verschuldeten armen Ländern in Asien und Afrika, aber auch in Lateinamerika, hohe Kredite gewährt. China war ein großer Gewinner der alten Globalisierung und hatte sich gerade daran gemacht, die "Belt and Road"-Initiative dafür zu nutzen, um eine neue Globalisierung zu gestalten. Wenn es darum geht, die Globalisierung zu retten, wird Europa eine große Rolle spielen. Sie ist nämlich die Region in der Welt, in der der Multilateralismus am weitesten entwickelt ist. Aber es gibt auch viele offensichtliche Herausforderungen für Europa: die Demografie, aber auch die Sicherheitsrisiken in einer Welt, die wahrscheinlich konfliktreicher werden wird.

Krisen bergen immer auch Chancen. Welche positiven Aspekte könnte die Pandemie haben?

Es wird einen viel stärkeren Einsatz von Technologie geben. Die Krise hat einerseits gezeigt, dass Technologie Kosten verursacht, aber auch Vorteile bieten kann in Bereichen, die für den Normalbürger immer kostspieliger geworden sind. Das gilt insbesondere für Bildung und Medizin. Es wird mehr Effizienz und ein hohes Maß an Disruption – also tiefgreifenden Umwälzungen – geben. Ein Beispiel: Universitäten und Bildungseinrichtungen haben jetzt erlebt, wie ihr Geschäftsmodell durch die Umstellung auf Online-Angebote erschüttert wurde. Wenn die Vorteile der neuen Bildungskonzepte erst richtig erkannt werden, könnten aber einige wenige Spitzeninstitutionen den Bildungsmarkt im Laufe der Zeit dominieren, während die anderen ums Überleben kämpfen. Viele europäische Universitäten, die lange Zeit Nutznießer der Globalisierung waren, könnten ebenfalls einem starken Kostendruck ausgesetzt sein.

Die Krise dürfte auch dem Trend zu Telemedizin und tragbaren medizinischen Geräten einen starken Schub geben. Auch dies kann global geschehen: Ich kann Röntgenbilder um die Welt schicken und besprechen, Ratschläge einholen und vielleicht auch Rezepte von jemandem auf der anderen Seite der Welt ausstellen lassen. Das ist sicher kein Heilmittel für Notfälle, aber beim Umgang mit weniger schweren Fällen wird sich das sicher durchsetzen. Es wird auch möglich sein, gewonnene Informationen für die öffentliche Gesundheit zu nutzen, beispielsweise um Pandemien und neue Krankheiten zu verfolgen.

Insgesamt wird die neue Realität von einer viel stärkeren Nutzung von Daten geprägt sein. Sie verspricht immense Vorteile für Menschen, die bisher von Bildung und Medizin abgeschnitten waren. Aber es wird auch einen intensiven Kampf um den Besitz und die Kontrolle von Daten geben.

Die Fragen stellte Hartmut Beck.

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 07|2020, Seite 30

 
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