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Bionicum

Die Natur als Vorbild

Bionicum-Leiterin Dr. Eva Gebauer 2020tt_05770 © Thomas Tjiang

Was nehmen Fische wahr? Bionicum-Leiterin Dr. Eva Gebauer mit dem neuen Exponat. Die Haut des Hais ist Vorbild für Lacke und Folien, die Schiffe und Flugzeuge aerodynamischer machen.

Tiere und Pflanzen standen Pate für viele Innovationen. Das Bionicum im Nürnberger Tiergarten macht dies mit zahlreichen Beispielen anschaulich.

Die Einrichtung will Interesse wecken für die Wissenschaftsdisziplin der Bionik. Das Kunstwort setzt sich zusammen aus Biologie und Technik und bezieht sich auf Technologien, bei denen die Natur als Vorbild genutzt wird. Die Beispiele sind vielfältig: Der in den 1950er Jahren patentierte Klettverschluss orientiert sich an den besonderen Widerhaken von Kletten. Der Feigenkaktus mit seinem stabilisierenden Innengewebe gilt als Vorbild für den Stahlbeton. Die Haut der Haifische ist nicht glatt, wie es auf den ersten Blick scheint, vielmehr sorgen unzählige kleine Hautzähnchen für ein optimales Strömungsverhalten. Diese rauhe Außenhaut macht die Tiere damit zu schnellen Schwimmern. Forscher haben diese Erkenntnis in der sogenannten Riblet-Folie bzw. im Riblet-Lack aufgegriffen, die Schiffe und Flugzeuge aerodynamischer machen. Die Fortbewegung der Spinnen ist Vorbild für den „Ohm-Krabbler“ – ein leichtfüßiger Roboter, an dem die Technische Hochschule Nürnberg arbeitet.

Ein neues Exponat im Bionicum, das vor sechs Jahren eröffnet wurde, beschäftigt sich mit den erstaunlichen Sinnesleistungen der Fische: Über kleine Sinneszellen in ihrer Haut, dem sogenannten Seitenlinienorgan, können sie Wasserströmungen und damit Gefahren oder Hindernisse wahrnehmen. Das Exponat mit dem künstlichen Seitenlinienorgan wurde von der Hochschule Rhein-Waal entwickelt. Es soll als technische Lösung Strömungsänderungen aufspüren und so zum Beispiel dabei helfen, undichte Stellen in Leitungen ausfindig zu machen.

Das Bionicum ist eine Einrichtung des Bayerischen Landesamts für Umwelt (LfU) mit Sitz in Augsburg und wird außerhalb von Corona-Zeiten jährlich von rund 80 000 Gästen besucht, wie Leiterin Dr. Eva Gebauer berichtet. Darunter sind Schüler und Studenten, Wissenschaftler und Unternehmensvertreter. Das Bionicum war bereits mehrmals Treffpunkt für die IHK-Netzwerke, so waren die IHK-Ausschüsse „Energie | Umwelt“ und „Industrie | Forschung | Technologie“ sowie das Technologie- und Innovationsnetz Mittelfranken und der IHK-Anwender-Club Umwelt dort zu Gast. Die Unternehmensvertreter bekamen einen Einblick in dieses interdisziplinäre Forschungsfeld, außerdem informierten sie sich über mögliche Anwendungen der Bionik in der Industrie. Zudem hatte sich die IHK Nürnberg für Mittelfranken für die Errichtung und die Finanzierung des Bionicums eingesetzt.

Das Bionicum ist aber nicht nur ein Informations- und Bildungszentrum mit interaktiver Ausstellung, sondern es engagiert sich auch für die Bionik-Forschung: Es fungiert als Schnittstelle für den Forschungsverbund „BayBionik“ (vormals Netzwerk „Bionik-Forschung in Bayern“), dem fünf bayerische Hochschulen angehören. Dieser Forschungsverbund will Wissenschaftler aus dem gesamten Freistaat vernetzen, um von der Natur zu lernen und um dadurch Produkte umweltverträglich herzustellen. Damit soll ein Beitrag geleistet werden, um Ressourcen zu schonen, Verschmutzungen der Umwelt einzudämmen und Energie in Produktionsprozessen einzusparen. Der Forschungsverbund beschäftigt sich u. a. mit Materialkunde, Mechatronik, Optik, Informatik, Modellierung und Konstruktion. Aktuelle Schwerpunkte der Forschung sind beispielsweise selbstreinigende, nachhaltige Oberflächen sowie intelligente, ressourceneffiziente Systeme.

Trotz dieser Aktivitäten ist die Finanzierung des Bionicums allerdings nur bis Ende 2021 gesichert. „Dabei sind wir Trendsetter“, hebt Gebauer hervor. Die Einrichtung sei gerade im Zusammenspiel mit dem Tiergarten bundesweit einzigartig.

Autor: 

tt.

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 09|2020, Seite 17

 
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