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Folgen der Pandemie

Wie verändert Corona die Arbeitswelt?

Meeting online © GettyImages.de / fotogestoeber

Homeoffice, Digitalisierung und Trennung von Arbeit und Privatleben: Interview mit Soziologin Prof. Dr. Sabine Pfeiffer.

Prof. Dr. Sabine Pfeiffer ist Inhaberin des Lehrstuhls für Soziologie mit dem Schwerpunkt Technik – Arbeit – Gesellschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU).

Seit Beginn der Corona-Pandemie arbeiten viel mehr Menschen im Homeoffice. Laut einer aktuellen Studie der Krankenkasse DAK empfinden viele das Arbeiten in den eigenen vier Wänden als produktiver und weniger stressig. Hat der klassische Nine-to-five-Bürojob ausgedient?

Beim Homeoffice reden wir von einem Ort, bei 9-to-5 von klar begrenzter Arbeitszeit. Wir wissen aber, dass das mit 9-to-5 auch vor Corona für viele Beschäftigte längst nicht mehr stimmte. Und ja, Arbeit zu Hause kann produktiver und weniger stressig sein – oft ist sie dies aber auch nicht. Viele machen zu wenig Pausen, wechseln von einem virtuellen Meeting ins nächste und dann bleibt die eigentliche Arbeit liegen und wandert in die eigentliche Freizeit. Oft ist der Platz zu gering, die Ergonomie schlecht und die familiäre Ablenkung groß. Homeoffice hat nicht nur gute Seiten, auch das spüren gerade viele. Nicht vergessen dürfen wir auch: Das Homeoffice ist nur für rund ein Viertel der Beschäftigten möglich. Die Mehrheit hat Tätigkeiten, die das sachlich gar nicht erlauben. Das Taxi und der Bus fahren sich nicht von zu Hause, Pflegebedürftige und Maschinen lassen sich schlecht vom heimischen Küchentisch aus betreuen. Corona hat die Arbeitswelt an vielen Stellen verändert, Homeoffice aber ist nur eine Facette davon.

Werden Berufs- und Privatleben künftig noch klar voneinander abgrenzbar sein oder wird sich mit fortschreitender Digitalisierung der Trend zur Verschmelzung einzelner Lebensbereiche fortsetzen?

Das ist ja etwas, das ein Großteil der Beschäftigten längst erlebt. Das hat weder mit Corona noch mit Homeoffice zu tun, sondern u. a. damit, dass die Arbeit immer intensiver wird und die Digitalisierung es leichter macht, die Arbeit über den eigentlichen Feierabend hinaus auszuweiten. Unter dem Stichwort Entgrenzung findet die Arbeitssoziologie dieses Phänomen mittlerweile seit zwei Dekaden und mit ständig zunehmender Intensität und bei immer mehr Beschäftigtengruppen. Die Digitalisierung verstärkt das und ermöglicht Entgrenzung in früher nicht gekanntem Ausmaß. Sie ist aber nicht die Ursache. Sondern diese liegt oft schlicht darin, dass die Arbeit in der eigentlichen Arbeitszeit nicht zu schaffen ist. Dahinter steckt meist ein Missverhältnis zwischen den Personalressourcen und dem vorgegebenen Arbeitspensum. Wenn das zum Dauerzustand wird – und das lässt sich leider zu oft beobachten – dann liegt hier die Ursache, nicht in der Digitalisierung oder im Homeoffice.

Die Corona-Krise verdeutlicht, wie störanfällig vom Menschen geschaffene Systeme sein können. Gegen welche Gefahren muss sich die technisierte Arbeitswelt noch stärker wappnen?

Die Corona-Krise zeigt: Am Ende ist es immer der Mensch, der Störungen erkennt und beseitigt, mit Unvorhergesehenem umgehen kann und Komplexität bewältigt. Daher ist es wichtig, Technik so zu gestalten, dass der Mensch weiterhin eingreifen kann und die Fähigkeit dazu nicht verliert. Wir haben aber vor allem im ersten Lockdown eines gesehen: Beschäftigte können Digitalisierung. Sie sind es, die vieles möglich gemacht haben, auch deshalb, weil sie privat oft viel digitaler sind, als sie es am Arbeitsplatz können und dürfen. Viele haben den Umstieg auf das Homeoffice mit ihrer eigenen Hardware oder der heimischen Flatrate überhaupt erst ermöglicht. Und wir haben gesehen: Beschäftigte können Disruption. Was alles umorganisiert werden musste, welche Prozesse in Unternehmen völlig umgestaltet werden mussten – und das alles von heute auf morgen. Das hat ja fast überall sehr gut funktioniert. Gerade auch kleine und mittelständische Unternehmen, denen ja gerne unterstellt wird, sie würden die digitale Transformation verschlafen, waren besonders agil in der Bewältigung dieser für alle völlig unvorhergesehenen Herausforderungen.

Zu Ihren Forschungsschwerpunkten gehören Digitalisierung und Industrie 4.0. Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) gewinnt im beruflichen Kontext an Bedeutung. Welche Fähigkeiten braucht der Mensch von morgen, um seinen Platz gegen kluge Maschinen behaupten zu können?

Die Hauptkompetenz, die wir alle brauchen, ist zu verstehen. Klug sind diese Maschinen nicht. Sie können besser als wir in großen Datenmengen nach Mustern suchen und auf dieser Basis Prognosen und Empfehlungen für Entscheidungen machen. Das ist, wenn man so will, Statistik auf sehr hohem Niveau. Es geht um Aussagewahrscheinlichkeiten, nicht um Eindeutigkeit. Wir haben es mit Phänomenen wie Datenrauschen zu tun, d. h. wir wissen nicht immer, ob die Empfehlung falsch ist, obwohl sie richtig aussieht. Und umgekehrt. Viele Machine Learning-Algorithmen optimieren in die Mitte und übersehen unter Umständen real Relevantes als statistische „Ausreißer“. KI ist ein tolles Hilfsmittel, wenn man um ihre Grenzen weiß. Sie kann für bestimmte Anwendungen eine hervorragende Unterstützung bieten, aber sie ist kein allwissendes Allheilmittel. Sie ist ein Werkzeug neben vielen, aber ohne den Sparringspartner Mensch bleibt sie dumm, sie versteht den Kontext nicht – das kann auch weiterhin nur der Mensch.

Am Anfang der Corona-Pandemie schwappte speziell den Beschäftigten im Gesundheits- und Pflegewesen eine Welle der Solidarität für ihren Einsatz für das Gemeinwohl entgegen. Sehen Sie eine Verschiebung der Images von Berufen im Zuge der Corona-Krise?

Das Image dieser Berufe ist ja nicht schlecht, im Gegenteil: Jede und jeder von uns ist in seinem Leben immer wieder in seinem Wohlbefinden, seiner leiblichen Existenz, seiner Gesundheit vom Fachwissen und dem Engagement dieser Berufsgruppen abhängig. Jeder Mensch wird daher diese Berufe hochachten. Das ist doch nicht das Problem. Das Problem besteht in schlechten Arbeitsbedingungen, unmenschlichen Anforderungen und einem Gesundheitssystem, das selbst mehr ökonomischen Prämissen denn dem Gemeinwohl folgt. Hier liegt die Ursache dafür, dass sich Menschen für diese Berufe nicht entscheiden oder sie wieder verlassen. Weil wir ein System geschaffen haben, das die Menschen in diesem System als Kostenfaktor betrachtet und Krankheit und Pflegebedürftigkeit aus Gewinn- und Verlustperspektive betrachtet. Alle, die in diesem System arbeiten oder sich als Betroffene auf es verlassen müssen, wissen das längst. Corona hat nur sichtbar gemacht, was seit Jahren an Strukturentscheidungen passiert ist. Die Verschiebung, die es braucht, ist nicht ein verändertes Image der Berufe. Was es braucht, sind grundsätzlich andere Koordinaten für unser Gesundheits- und Pflegewesen. Damit die dort Arbeitenden so arbeiten können, wie sie es gelernt haben und wollen – und ihre Patientinnen und Patienten es sich wünschen und es brauchen.

Autor: 

Die Fragen stellte Christian Hiemisch.

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 02|2021, Seite 18

 
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