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Lastenfahrräder

Fix geliefert

Lastenfahrrräder Leo 1_Klaus_Leonhard © Klaus Leonhard

Projektleiter Prof. Dr.-Ing. Ralf Bogdanski (r.) und sein Mitarbeiter Marc Reed mit drei Lastenrädern. Links der an der TH entwickelte Typ „A-N.T.4“: Er enthält Komponenten von Motorrollern, die robuster sind als die von Fahrrädern.

Die Technische Hochschule Nürnberg entwickelt Lastenräder für den Einsatz in den Innenstädten.

Die Innenstädte haben ein Problem: Der Lieferverkehr für Läden, Gaststätten und andere Betriebe erhöht die ohnehin schon hohe Verkehrsbelastung und den Emissionsausstoß. Elektro-Lastenfahrräder können ein Teil der Lösung sein, denn sie bieten ein enormes Potenzial für den Waren- und Materialtransport in der City: Die Einsatzmöglichkeiten reichen von kleinen Paketlieferungen bis zum Transport von Baumaterialien. Lastenräder könnten deshalb im städtischen Lieferverkehr einen merklichen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Die Bikes, die dank Antriebsunterstützung auf bis zu 25 Stundenkilometer beschleunigen, haben ein Packvolumen von teilweise 2 000 Litern und mehr.

Bereits von 2012 bis 2014 erprobte das Projekt „Ich ersetze ein Auto“ der Nationalen Klimaschutzinitiative (NKI) den klimafreundlichen Einsatz von Elektro-Lastenrädern für den Kuriermarkt. 21 Monate lang beförderten Kuriere mit den Bikes rund 127 000 Sendungen – rund acht Prozent aller Aufträge der beteiligten Firmen. Dabei legten sie eine Strecke von etwa einer halben Mio. Kilometer zurück. Die Spitzenreiter nutzten das Projektfahrzeug für bis zu 400 Aufträge monatlich. Am Ende errechneten die Initiatoren eine Kosteneinsparung von bis zu 98 Prozent im Vergleich zum Auto.

Auch in Nürnberg gab es bereits eine Studie: In der City untersuchte das Pilotprojekt „Nachhaltige Stadtlogistik durch KEP-Dienste mit dem Mikro-Depot-Konzept auf dem Gebiet der Stadt Nürnberg“ von 2016 bis 2017, ob Pakete in der Stadt auf der „letzten Meile“ auch mit Lastenfahrrädern ausgeliefert werden können. Das Projekt, an dem sich zwei Paketdienstleister beteiligten, wurde von Prof. Dr. Ralf Bogdanski (Technische Hochschule Nürnberg) wissenschaftlich begleitet und von Freistaat Bayern, IHK Nürnberg für Mittelfranken und Stadt Nürnberg finanziell unterstützt. In der Nürnberger Innenstadt und in der Südstadt wurden dazu zwei „Mikro-Depots“ angelegt, in denen die Pakete gelagert wurden. Von dort aus transportierten Fahrer mit Bikes die Sendungen zu den Empfängern.

„Dabei zeigte sich, dass das Fahrrad in der Innenstadt deutlich flexibler unterwegs ist“, erläutert Bogdanski. Einer der beiden beteiligten Paketdienstleister unterhält zwar kein Mikro-Depot mehr in der Nürnberger Südstadt, wendet das Konzept aber erfolgreich in anderen deutschen Städten an. Der andere Paketdienst liefert seine Sendungen bis heute per Rad aus. „Die haben die Flotte sogar aufgestockt“, berichtet Bogdanski. Das Projekt fand über Mittelfranken hinaus Beachtung: Im Jahr 2017 wurde es vom Verkehrsclub Österreich als „Internationales Vorbildprojekt“ ausgezeichnet und 2018 gewann es den Bundeswettbewerb „Nachhaltige Urbane Logistik“.

Ein Nachfolgeprojekt ist „PedeListics“, das ebenfalls von Prof. Bogdanski koordiniert wird und noch bis Dezember läuft: Getestet wird, wie eine nachhaltige Stadtlogistik mit Lastenfahrrädern funktioniert und welche Einsatzgebiete für kommunale und gewerbliche Anwendungen möglich sind. Der Professor untersucht vor allem, wo sich Lastenräder effizient einsetzen lassen. Dabei plant er mit Tagestouren von 15 bis 20 Kilometern je Fahrer.

Interessierte Betriebe können die Räder im Zuge des Projekts für ihre Anwendungen testen und sich auf diese Weise auch in die Weiterentwicklung der Fahrzeuge einbringen. Zwei Unternehmen stellen dafür große, gewerbliche Lastenräder zur Verfügung, außerdem verleiht die TH Nürnberg auch ihr eigenes Lastenrad. Alle Modelle haben Pedelec-Standard, eine hohe Transportkapazität und eine anpassbare Box. Für Testläufe in den beteiligten Städten Nürnberg, Erlangen, Regensburg und Landshut kostet die Teilnahme nichts (Testanfragen können auf www.pedelistics.de gestellt werden). Die IHK Nürnberg für Mittelfranken unterstützt das Projekt finanziell.

Ein Problem für die Stadtlogistik der Zukunft ist es, geeignete Standorte für die Mikro-Depots (MD) zu finden. Hier überlegt Bogdanski, den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) mit einzubeziehen. In den Nebenzeiten könnten Busse oder Bahnen den Transport auf der größeren Strecke übernehmen und die Lastenräder auf der „letzten Meile“ zum Empfänger. Mit Wechselboxen ließe sich der Weitertransport einfach handhaben und in kleineren Orten könnten die Bahnhöfe die Mikro-Depots beherbergen.

Für die Zukunft sieht der Logistiker etliche weitere Anwendungen: So ist er mit einem Pharma-Großhandel im Gespräch, der die Belieferung von Apotheken per Fahrrad überlegt. Nötig wären dazu spezielle isolierte Aufbauten. Außerdem müssten die Räder nach der EG-GDP-Leitlinie (Good Distribution Practice) zertifiziert werden.

Auch die Fahrzeuge entwickelt die Projektgruppe weiter: Herausgekommen ist „A-N.T.4“, ein vierrädriges Mobil mit Hinterradantrieb. Etliche Komponenten wie Reifen und Bremsen stammen jetzt nicht mehr von einem Fahrrad, sondern von einem Motorroller. Damit ist das Fahrrad wesentlich robuster als das Vorgänger-Modell, das noch auf Speichenrädern unterwegs war. Denn beim ersten Testlauf hat sich herausgestellt, dass die Speichenräder für echte Schwerlast-Modelle eher ungeeignet sind: „Überhaupt haben wir schlechte Erfahrungen mit Fahrrad-Komponenten gemacht. Wegen der hohen Ausfallkosten gab es Probleme mit der Wirtschaftlichkeit“, so Ralf Bogdanski. Außerdem hat sich gezeigt, dass sich die Bikes mit kleineren Rollerrädern besser beladen lassen und einen niedrigeren Schwerpunkt haben. Dazu ist das Drehmoment beim Anfahren höher.

Anfahren am Berg erleichtert

Das neue Schwerlastmodell mit einer Nutzlast von rund 300 Kilogramm wird von der Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft (ZEG) vertrieben und kostet etwa 10 000 Euro. Mit Nabenmotoren erreicht es eine kurzzeitige Spitzenleistung von zwei Kilowatt, was besonders beim Anfahren mit voller Ladung am Berg wichtig ist, danach wird auf die vorgeschriebenen 250 Watt Dauerleistung abgeregelt. „Damit kann die Lücke zwischen einem normalen Lastenrad und einem E-Auto geschlossen werden“, ist sich der Professor sicher.

Inzwischen gibt es in Nürnberg einen weiteren Anbieter, der auf Lastenräder setzt: Seit Juni 2021 liefert das in Augsburg ansässige Logistik-Startup Boxbote Logistics GmbH Produkte von Nürnberger Einzelhändlern per Fahrradkurier an Kunden aus. Boxbote hat dafür eine Online-Plattform geschaffen, auf der Einzelhändler ihr Sortiment zum Kauf anbieten und gleichzeitig CO2-neutral per Fahrradkurier ausliefern lassen können. Die Kuriere sind ausschließlich mit (Lasten-)Fahrrädern unterwegs. Das Spektrum der auf boxbote.de vertretenen Betriebe umfasst derzeit u. a. auch Bäckereien, Metzgereien, Modeboutiquen sowie Restaurants, die damit Speisen ausliefern lassen.

Was die Bikes im Arbeitsalltag von Handwerk und Gewerbe leisten können, konnten Interessierte auch bei einem „Lastenrad-Testtag“ im Mai an der Technischen Hochschule Nürnberg ausprobieren. Neben einer Probefahrt mit einem großen Lastenrad gab es dabei auch die Gelegenheit, sich mit den Mitarbeitern des Forschungsprojekts „PedeListics“ sowie von der Kompetenzinitiative CNA Neuer Adler über Anforderungen und Einsatzgebiete solcher Fahrzeuge auszutauschen. Und die Unternehmen bekamen die Möglichkeit für einen kostenlosen zweiwöchigen Testlauf im eigenen Betrieb.

Wer jetzt die Anschaffung eines Lastenrades plant, kann derzeit mit einem Zuschuss rechnen: Unternehmen und andere Einrichtungen können für die Anschaffung von Lastenpedelecs und E-Lastenradanhängern für den gewerblichen Einsatz eine Förderung von 25 Prozent (maximal 2 500 Euro pro Rad beziehungsweise Anhänger) erhalten. Anträge können noch bis 2024 beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) eingereicht werden. Die Einrichtung von Mikro-Depots wird mit bis zu 40 Prozent der Kosten unterstützt. Förderfähig sind serienmäßige und fabrikneue E-Lastenfahrräder sowie E-Lastenfahrradanhänger, die eine Nutzlast von mindestens 120 Kilogramm aufweisen und Transportmöglichkeiten, die „unlösbar mit dem Fahrrad verbunden sind und mehr Volumen aufnehmen können als ein herkömmliches Fahrrad“. Nicht gefördert werden Fahrradrikschas oder Bikes mit Verkaufsaufbauten.

Förderprogramme der Kommunen

Darüber hinaus fördern bayernweit aktuell rund 30 Kommunen die Anschaffung der Pedelecs. Einige Beispiele aus Mittelfranken: Die Stadt Erlangen zahlt bis zu 1 000 bzw. 1 500 Euro für private und gewerbliche Cargobikes ohne bzw. mit Pedelec-E-Antrieb. Auch Anhänger und Leasing werden gefördert. Das Programm läuft noch bis 31. Dezember 2021 bzw. bis das Förderbudget von 100 000 Euro ausgeschöpft ist. Die Stadt Fürth fördert private und gewerbliche Cargobikes ohne und mit Pedelec-E-Antrieb im Rahmen bereitstehender Haushaltsmittel mit bis zu 500 bzw. 1 000 Euro. Die Stadt Gunzenhausen gibt bis zu 2 000 Euro für private Cargobikes ohne und mit Pedelec-E-Antrieb dazu sowie bis zu 250 Euro für Lastenanhänger. Auch Vereine, Genossenschaften, Stiftungen, Körperschaften des öffentlichen Rechts sind antragsberechtigt. Das Programm läuft seit Februar 2021 im Rahmen bewilligter Haushaltsmittel. Und die Stadt Zirndorf vergibt seit 2019 Zuschüsse von 500 bzw. 750 Euro für private oder gemeinnützige Cargobikes ohne und mit Pedelec-E-Antrieb. Die Stadt Nürnberg hat die Förderung für Lastenfahrräder dagegen 2021 „aufgrund der angespannten Haushaltslage“ eingestellt.      

 

Autor: 

leo.

Externer Kontakt:

TH Nürnberg, Tel. 0911 5880-2782,ralf.bogdanski@th-nuernberg.de

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 09|2021, Seite 14

 
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