Telefon: +49 911 1335-1335

Jura-plast | Jura-tech

Ein Portfolio voller Folien

Jura-plast © Christine Popp

Folien-Spezialisten: Jürgen Müller (r.) und Ehefrau Sieglinde (l.) führen zusammen mit ihren beiden Kindern Dominik und Natalie die beiden Firmen Jura-plast und Jura-tech.

Ob hauchdünn, haftend oder biologisch abbaubar: Zwei Schwesterunternehmen in Reichenschwand haben sich auf Folien spezialisiert.

Bei Folien denkt man oft zuerst an Alufolie, Frischhaltefolie, die Folie um die Paprika im Supermarkt oder an Paketklebeband. Bei den beiden Schwesterunternehmen Jura-plast GmbH und Jura-tech GmbH in Reichenschwand sieht man dagegen, wie viel größer und innovativer die Bandbreite an Produkten und Anwendungsbereichen in Sachen Folien ist: Dazu gehören Kunststoffschläuche bei sogenannten Bag-in-Box-Gebinden für Wein oder Saft, Deckel auf Kaffeekapseln, die in den Kompost dürfen, und Oberflächen-Schutzfolien bei neuen Fenstern oder Türen. Weitere Beispiele sind Heißkleber in Folienform zum Verbinden von Bauteilen bei der Herstellung von Photovoltaik-Modulen, Sterilisationsbeutel für Krankenhausabfälle und Korrosionsschutzfolie für die Automobilbranche. Die sogenannte Skin-Folie und andere Erzeugnisse aus dem Hause Jura-plast werden überwiegend an die Verpackungsindustrie geliefert, aber z. B. auch an Gefängnisse in den USA: "Wer dort seine Haftstrafe antritt, legt seine Wertgegenstände auf ein Stück Karton. Sie werden mit dieser transparenten Folie hauteng umschlossen und so aufbewahrt, bis sich die Gefängnistüren wieder öffnen", erklärt Jürgen Müller. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der beiden Unternehmen Jura-plast und Jura-tech. Bei ersterem werden die Folien hergestellt, bei letzterem werden sie veredelt, also mit speziellen Klebern versehen, bedruckt und kundenspezifisch konfektioniert.

Gegründet wurde Jura-plast 1980 von Jürgen Müllers Vater Günther und zwei weiteren Geschäftspartnern, alle drei sind inzwischen verstorben. 2011 kam die Jura-tech GmbH dazu, die zunächst im benachbarten Henfenfeld ansässig war und 2016 auch nach Reichenschwand zog. Jürgen Müller, der bei der Firmengründung noch zur Schule ging, wollte eigentlich Maschinenbau studieren, entschied sich dann aber doch für eine Maschinenschlosser- sowie eine sich anschließende kaufmännische Ausbildung. Mit 18 Jahren trat er dann in den Familienbetrieb ein. Ein solcher sind die Reichenschwander Kunststoffunternehmen mit ihren zusammen rund 80 Beschäftigten tatsächlich: Jürgen Müllers Ehefrau Sieglinde kümmert sich in der Buchhaltung um die Finanzen, Sohn Dominik ist als Kunststoff- und Kautschuktechnik-Meister im Bereich Technik tätig und Tochter Natalie hat International Business studiert, ihre Aufgabenbereiche sind der internationale Vertrieb und das Thema Nachhaltigkeit.

"Unserer Firmenphilosophie sind wir nun schon seit über 40 Jahren treu geblieben", erklärt Jürgen Müller. "Wir produzieren keine Masse, sondern konzentrieren uns auf spezielle Nischen und auf kundenspezifische Produkte." Häufig hätten Folien als Verpackung eher ein nicht so gutes Image, räumt er ein und widerspricht zugleich: "Mit unseren Folien sorgen wir dafür, dass Produkte geschützt und länger haltbar sind, ein klarer Mehrwert, wie ich meine." Sein Prokurist Jürgen Neumann erläutert, was man in der Branche unter technischen Folien versteht: "Das sind Folien, die besondere Eigenschaften haben, z. B. eine hohe Stabilität für Temperaturen oder mechanische Belastungen, bei UV-Einwirkungen oder beim Kontakt mit Chemikalien." Der Verbraucher bekomme solche Folien häufig nicht zu Gesicht, da sie oft nur in Industrieprozessen eingesetzt würden.

Für eine längere Haltbarkeit von verpackten Lebensmitteln müsse zum Beispiel der Kontakt mit Sauerstoff verhindert oder reduziert werden, erklärt Neumann. Das könne beispielsweise mit Folien gelingen, die sauerstoffundurchlässig sind, oder man absorbiere zusätzlich den Sauerstoff mithilfe der Folie.

Keimschutzfolie in der Pandemie entwickelt

Neu entwickelt wurde firmenübergreifend zu Beginn der Corona-Pandemie eine Keimschutz-Folie, die mittels ihrer speziellen Funktionsoberfläche Bakterien, Viren und Pilze in sehr kurzer Zeit zuverlässig abtötet. "Nach zehn Minuten werden mit ihr mehr als 90 Prozent der aufgebrachten SARS-CoV-2-Viren und mehr als 95 Prozent multiresistenter Krankenhauskeime S. Aureus unschädlich gemacht", erklärt Müller. Dies sei von einem spezialisierten unabhängigen Prüfinstitut bestätigt worden. Die Folie könne z. B. an Türklinken, Treppenhandläufen und ähnlichen Oberflächen angebracht werden, nach etwa 30 Tagen müsse sie dann erneuert werden, so der Geschäftsführer. Genau wie sein Prokurist Neumann ist er aber über die Resonanz auf dieses Produkt sehr enttäuscht:  "Anfangs war es ein großer Medien-Hype, aber die Politik konnte ich nicht davon überzeugen, dass das ein sinnvolles Produkt zur Eindämmung der Pandemie ist", sagt der Unternehmer. Während es in Deutschland so gut wie gar nicht nachgefragt wird, konnte es mehr nach Osteuropa verkauft werden. Derzeit laufen in Mexiko vielsprechende Gespräche für einen Markteintritt mit der Keimschutzfolie.

Sehr gut auf dem Markt angenommen werde dagegen eine andere Eigenentwicklung, die bereits zum Patent angemeldet ist: Dabei handelt es sich um eine Folie mit Release-Eigenschaften, die im Gegensatz zu herkömmlichen Silikonbeschichtungen schweißbar ist. In den daraus hergestellten, bis 180 Grad temperaturbeständigen Beuteln können aufgrund der speziellen Trenneigenschaften sehr klebrige Produkte heiß abgefüllt und später rückstandslos zur Weiterverarbeitung entnommen werden.

Verkauft werden die Produkte von Jura-plast und Jura-tech zu 50 Prozent im Ausland. Die Kundschaft findet sich in vielen unterschiedlichen Branchen von Medizin und Pharmazie über Solartechnik, Lebensmittel-, Automobil- und Verpackungsindustrie bis zur Landwirtschaft und zum Weinbau. Neben Europa sind die USA ein bedeutender Markt: In Chicago gibt es bereits seit 15 Jahren eine Niederlassung. "Wir liefern weltweit. Es gibt keinen Kontinent, auf den wir noch keine Produkte geliefert haben", sagt Müller. Die beiden von ihm geführten Unternehmen machen zusammen über 30 Mio. Euro Umsatz mit steigender Tendenz.  "Wir müssen gar keine aktive Akquise betreiben, die Unternehmen kommen auf uns zu. Und wir haben so viele hochinteressante Projekte am Laufen, dass wir positiv in die Zukunft blicken können", so der Firmenchef. Allein der zunehmende Fachkräftemangel macht ihm Sorgen, denn für den gewerblichen Bereich sucht er händeringend Personal wie Maschinenführer oder Drucker.

Biologisch abbaubare Folien sehr gefragt

Eines der Zukunftsprojekte bei Jura-plast und Jura-tech sind biologisch abbaubare Folien, die immer häufiger von der Kosmetik- und Lebensmittelindustrie nachgefragt werden. Die beiden Unternehmen entwickeln seit über sechs Jahren daran und sind mit Branchenriesen im Nahrungs- und Konsumgüterbereich in Kontakt. Allerdings wollten diese meist nicht genannt werden, um einen technologischen Vorsprung zu haben, erklärt Müller. Kunden aus der Biobranche wie Buy Whole Foods Online, Grind Coffee Roasters oder Denttabs vertrauen auf Qualität aus dem Hause Jura. So werden z. B. die Deckel für kompostierbare Kaffeekapseln sowie Verpackungen für Zahnpflegetabletten und Nahrungsergänzungsmittel in Reichenschwand hergestellt. Aber auch Weinbauern verwenden zum Fixieren der Rebzweige ein kompostierbares Befestigungsband von Jura-plast.

Das Unternehmen sieht sich in diesem Bereich technologisch als einer der Marktführer in Europa: "Das ist ein hochinteressanter Markt: Der Energieeinsatz ist geringer und solch innovatives abbaubares Material ist meiner Meinung nach vor allem wichtig, solange es noch nicht überall gute Kunststoff-Sammelsysteme und ein wirklich brauchbares Kunststoff-Recycling gibt", so die Einschätzung von Jürgen Müller. Er sieht biologisch abbaubare Folien mehr als Brückentechnologie, während Prokurist Neumann eher glaubt, dass es abbaubare wie auch klassische Kunststofffolien je nach Anwendung parallel geben wird. Die Nachfrage nach diesen biologisch abbaubaren Folien sei auf jeden Fall hoch und der Umsatz damit mache bereits gut zehn Prozent des Umsatzes aus – mit steigender Tendenz. Verwendet würden u. a. Rohstoffe auf Holzbasis, Kartoffel- und Maisstärke, aber auch bestimmte Erdölprodukte seien abbaubar. Welche Stoffe aber genau dafür in Reichenschwand verwendet werden und wie der Herstellungsprozess läuft, darüber schweigen Geschäftsführer Müller und sein Prokurist Neumann lieber, denn das soll ein Betriebsgeheimnis bleiben.

Autor: 

(cp.)

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 05|2022, Seite 62

 
Device Index

Alle Ansprechpartner/innen auf einen Blick