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Wie wird ein Betrieb zum Ausbildungsbetrieb?

Bernd Hirschberger, technischer Ausbildungsberater der IHK Nürnberg für Mittelfranken, über Praxis, Chancen und Hemmnisse der betrieblichen Ausbildung.

Hinweis

Dieser WiM-Artikel erschien im Oktober 2010. Aktuelle Informationen und Hinweise zur Frage, wie ein Unternehmen als Ausbildungsbetrieb anerkannt werden kann, finden Sie in unserem Bereich "Berufsbildung".

Welche Voraussetzungen muss ein Betrieb mitbringen, wenn er ausbilden will?

Der Betrieb muss in Art und Einrichtung geeignet sein. Das bedeutet, dass er zum einen die maschinellen und organisatorischen Voraussetzungen erfüllen muss, aber zum anderen auch die fachlichen. Es muss einen Ausbilder geben, der die nötige Qualifikation hat. Das muss heute in den meisten Fällen kein Meister mehr sein, es genügt oft ein Facharbeiter. Bei langjähriger beruflicher Tätigkeit in dem Bereich können wir auch durch eine "fachliche Zuerkennung" Mitarbeiter, die den Beruf nicht erlernt haben, befähigen. Das Unternehmen sollte natürlich alle Teile der Ausbildung vermitteln können. Wir schauen uns deshalb den Betrieb genau an und wenn etwas fehlt, vereinbaren wir für diesen Bereich eine überbetriebliche Ausbildung.

Wie sieht der richtige Weg aus, wenn ein Unternehmen in die Ausbildung einsteigen will?

Das Unternehmen sollte zuerst mit uns Kontakt aufnehmen. Wir schauen dann mit den Firmen gemeinsam an, welche Berufe möglich sind und wer als Ausbilder in Frage kommt. Dann betrachten wir, wie sich die Betriebe in der Zukunft entwickeln sollen, also welche Kräfte gebraucht werden. Der Trend geht heute immer mehr zur gezielten Personalentwicklung. Ganz wichtig ist, dass die Unternehmen auch wirklich ausbilden wollen.

Wieviel neue Ausbildungsbetriebe kamen in diesem Jahr dazu?

Mein Kollege und ich hatten in diesem Jahr bisher etwa 500 bis 600 Termine bei Firmen. Etwa zwei Drittel davon konnten wir dafür gewinnen, dass sie neu oder in einem neuen Beruf ausbilden. Immer mehr Firmen erkennen, dass sie ausbilden müssen, wenn sie gutes Personal haben wollen.

Was kostet ein Ausbildungsplatz im Durchschnitt?

Je nach Branche kommen für das Einrichten des Arbeitsplatzes, für Werkzeug, Prüfungsmaterial und Verbundausbildung Kosten von 2 000 bis 5 000 Euro auf die Firmen zu. Wenn ein Unternehmen diese Investition einmal getätigt hat, kommt die künftige Ausbildung billiger, weil nur noch das Verbrauchsmaterial angeschafft werden muss. Hinzu kommt die monatliche Ausbildungsvergütung, je nach Branche in Höhe von 400 bis 650 Euro.

Was kann ein Unternehmen tun, wenn es nicht alle vorgeschriebenen Teile einer Lehre selbst ausbilden kann?

Wenn das Unternehmen zu uns kommt, können wir für die entsprechenden Bereiche eine Verbundausbildung organisieren. Aktuell haben wir ein Jobstarter-Projekt, das in der Elektrolux-Lehrwerkstatt durchgeführt wird. Darüber hinaus gibt es auch noch andere Netzwerke, zum Beispiel mit der Handwerkskammer, dem Innovations- und Gründerzentrum IGZ oder anderen Firmen wie zum Beispiel Siemens. Was eher nicht regional funktioniert ist das Teilen von Auszubildenden durch mehrere Unternehmen. Die Firmen wollen lieber eine punktgenaue, individuelle überbetriebliche Lösung mit überschaubaren Kosten und genau den Inhalten, die das Unternehmen selbst nicht anbieten kann.

Welche Teile der Ausbildung werden überbetrieblich oder im Verbund angeboten?

Das sind im technischen Bereich hauptsächlich Metallgrundlagen, Elektrogrundlagen und Prüfungsvorbereitung.

Also gibt es von dieser Seite für Unternehmen kein Hindernis für die Ausbildung?

In der Regel nicht. Allerdings muss der Kosten- und Zeitaufwand im Verhältnis stehen. Wenn ein Betrieb über 60 Prozent überbetrieblich machen müsste, geht es vermutlich wirklich nicht.

Wie überwacht die IHK die Ausbildung in den Betrieben?

Wir fordern routinemäßig die Berichtshefte und die Ausbildungsnachweise der Azubis an. Darüber hinaus gibt es durchaus auch unangemeldete Besuche. Außerdem reagieren wir auf Beschwerden der Auszubildenden, der Eltern oder Lehrer. Wir hören uns dann beide Seiten an und versuchen zu vermitteln.

Was passiert, wenn Sie erhebliche Mängel in der Ausbildung feststellen?

Wir setzen dem Unternehmen eine Frist, den Mangel abzustellen. Wenn diese Frist erfolglos verstreichen sollte, würden wir juristisch gegen den Betrieb vorgehen. Das könnte bis dahin führen, dass wir dem Unternehmen untersagen, weiter auszubilden. Allerdings ist das bisher nie vorgekommen. Häufig laden wir auch die Auszubildenden zu einem Gespräch in die IHK ein und versuchen gemeinsam mit beiden Vertragsparteien eine Lösung zu entwickeln.

Ist die Bereitschaft der Betriebe zur Ausbildung gestiegen?

Ja, auf jeden Fall. Wir hoffen, dass wir in diesem Jahr auf über 10 000 Azubis kommen. Das sind die höchsten Ausbildungszahlen, die wir je hatten. Wir haben jetzt gerade viele kleine Betriebe, die bisher kaum ausgebildet haben. Die Firmen haben erkannt, dass sie etwas tun müssen, wenn sie guten Nachwuchs wollen.

Was bewegt die Unternehmen auszubilden?

Das ist überwiegend nur der notwendige eigene Bedarf an Fachkräften. Die meisten Firmen sind da ganz egoistisch. Es gibt kaum noch Betriebe, die über Bedarf ausbilden. Die Übernahmequote liegt momentan bei etwa 90 Prozent.

Gibt es auch Betriebe, die von der Ausbildung "die Nase voll" haben?

Ja, sogar relativ häufig. Meist hat dann ein Auszubildender "verbrannte Erde" hinterlassen. Durch ihr Verhalten, zum Beispiel durch Unpünktlichkeit, Unhöflichkeit, Schulschwänzen sowie durch schlechte Leistungen oder persönliche Defizite, verderben manche Lehrlinge die Bereitschaft der Betriebe, auszubilden. Das ist dann ein hartes Stück Arbeit für uns, die Betriebe wieder von der Ausbildung zu überzeugen.

Wie viele Azubis haben denn die Betriebe so im Durchschnitt? Und wie viele Ausbildungsbetriebe gibt es und was wird ausgebildet?

Im Durchschnitt rechnen wir mit drei bis fünf Auszubildenden pro Betrieb über die verschiedenen Ausbildungsjahre. Insgesamt betreuen wir etwa 2 000 Ausbildungsbetriebe, die im technischen Bereich rund 130 Berufe ausbilden. Fast 4 000 Ausbildungsbetriebe bilden in 60 verschiedenen kaufmännischen Berufen aus.

Externer Kontakt:

Das Interview führte Klaus Leonhard (Erstabdruck in der Azubi-Beilage von "Nürnberger Nachrichten" und "Nürnberger Zeitung" vom 20./21. September 2008).

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 10|2008, Seite 12

 
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