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135. Kammergespräch der IHK

Neues Ethik-Fundament muss von den Staaten kommen

Lernen aus der Krise: Commerzbank-Chef Martin Blessing gehört zu den Finanzmanagern, die nach der Krise nicht zum Alltagsgeschäft übergehen wollen.

Zum letzten Kammergespräch während seiner Präsidentschaft hatte Prof. Dr. Klaus L. Wübbenhorst dem Gast einen kleinen Fragenkatalog mitgebracht. Der Historische Rathaussaal war gut gefüllt, der Vortragsredner des Abends, der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank AG, Martin Blessing, gilt als „Kommunikator“, als Vorausdenker und jemand, der mit seinen dezidierten Ansichten und Haltungen nicht hinter dem Berg hält.

Im Historischen Rathaussaal begrüßte Prof. Dr. Klaus L. Wübbenhorst den Commerzbank-Vorstandsvorsitzenden Martin Blessing zum Kammergespräch (Foto: Fuchs).

Also wollte Prof. Wübbenhorst vor allem wissen, wie es Martin Blessing mit der Gretchenfrage unserer Tage hält: „Wie denkst du über das große Banken-Dilemma: Das Austarieren von verantwortungsvoller Kontrolle und strengeren Ratingsystemen auf der einen, dem Bedarf nach frischem Geld auf der anderen Seite?“

Martin Blessing ist Sohn des ehemaligen Deutsche Bank-Vorstandes Werner Blessing, Enkel des einstigen Bundesbank-Präsidenten Karl Blessing und verheiratet mit Dorothee, Partnerin im Frankfurter Büro von Goldman Sachs – ein Mann also mit allerbestem Netzwerk in der Finanzwelt, der einen steilen Aufstieg hinter sich hat: Banklehre bei der Dresdner, Studium in Frankfurt, St. Gallen und Chicago, Unternehmensberater (McKinsey), 1997 Privatkundengeschäft bei der Dresdner, seit 2001 zuständig für die privaten Kunden der Commerzbank. Blessing saniert seinen Geschäftsbereich – doch als er 2008 auf den Chefsessel wechselt und mit dem „Jahrhundertcoup“, der Übernahme der Dresdner Bank eine Ära beginnen will, gerät er unversehens in die Turbulenzen der Weltkrise. Anfang 2009 muss seine Bank mit 18 Milliarden Euro aus dem Sonderfond Finanzmarktstabilisierung (SoFFin) gerettet werden.

Martin Blessing sieht trotzdem die Weltuntergangsstimmung des Vorjahres deutlich aufgehellt. Der Marathonläufer steht ruhig und sicher am Rednerpult und seine Körperhaltung spricht dieselbe Sprache, wie seine Rede: Bankgeschäfte untereinander nehmen zu, Zeit den Blick nach vorn zu richten. Hier hört man vom Commerzbank-Chef jedoch auch nachdenklichere Worte. Das betrifft die Vergütungsmodelle von Spitzen-Managern, die er an deutlich langfristigeren Bonusmodellen als bisher orientiert sehen will. Er fordert die Rückkehr zu alten Bankergrundsätzen, wonach erstes Ziel allen Wirtschaftens nicht Bedienung der Aktionäre sondern Sicherung der Einlagen sein muss, um die Krise, die sich zur Vertrauenskrise ausgewachsen hat, zu bewältigen. Im Gegensatz zu manchem Kollegen sieht Blessing die Geldhäuser und ihre Spitzenvertreter in einen gesamtgesellschaftlichen Verantwortungskodex eingebunden: „Einer Gesellschaft geht es gut, wenn Wohlstand in der Breite wächst. Aber bei uns geht die Schere immer weiter auf – dieser wichtigen Debatte müssen wir uns stellen“. Verständlich, das IHK-Hauptgeschäftsführer Markus Lötzsch noch einmal die Frage stellt, die seine Mitglieder am meisten drückt: die Frage nach der Kreditversorgung des Mittelstandes. Blessing weist auf den Spagat zwischen mehr Krediten und kritischerer Risikobewertung hin. Doch die Aufgabe seines Hauses bleibe, „Unternehmen mit innovativen Produkten aber derzeit schlechten Zahlen“ zu unterstützen. Die große Aufgabe der Regulierung der Finanzmärkte sieht der Wirtschaftsmann jedoch am besten in der Politik aufgehoben: Die Branche selbst wird sich auf Dauer nicht beschränken, Staaten müssen eingreifen, internationale Regelungen „ein neues Ethikfundament legen“.

Autor: 

bd

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 02|2010, Seite 20

 
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