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Der Traditionskonzern stellt Insolvenzantrag

Nach jahrelangen vergeblichen Rettungsversuchen hat die Grundig AG am 14. April beim Amtsgericht Nürnberg Insolvenz beantragt. Experten hatten diesen Schritt erwartet, nachdem der als potenzieller Käufer gehandelte türkische Fernsehgerätehersteller Beko Anfang April überraschend abgesprungen war. Unter der Leitung des erfahrenen Insolvenzverwalters Siegfried Beck aus Nürnberg und des neuen Vorstandschefs Eberhard Braun soll nun doch noch ein Käufer für das fränkische Traditionsunternehmen gefunden werden.

So richtig an das Ende der Grundig AG will in Nürnberg niemand glauben. Schließlich war der einst europaweit größte Hersteller von Rundfunkgeräten in den vergangenen 20 Jahren schon öfter in der Bredouille. Stets waren jedoch Kapitalgeber gefunden worden, die das 1945 gegründete Unternehmen über Wasser hielten: Zuletzt der Rosenheimer Antennenbauer Anton Kathrein, der im November 2000 die Mehrheit an Grundig erworben und den Vorsitz im Aufsichtsrat übernommen hatte. Doch trotz neuerlicher Kapitalspritzen – Medienberichten zufolge soll Kathrein 100 Mio. Euro investiert haben – war Grundig diesmal nicht mehr zu helfen. Ein weiterer Partner musste gefunden werden, der zunächst im taiwanesischen Sampo-Konzern und dann in der türkischen Beko gesehen wurde. Doch keines der beiden Unternehmen war letztlich dazu bereit, sich an Grundig zu beteiligen. Zuletzt hatte Beko Anfang April nach bereits unterzeichnetem Vorvertrag wegen „unterschiedlicher Preisvorstellungen“ abgewunken. Da Grundig zuletzt schätzungsweise mehr als 200 Mio. Euro Verlust schrieb, war der Weg zum Amtsgericht unausweichlich.

Mit dem Insolvenzantrag wird nun der vorläufige Schlussstrich unter eine Entwicklung voller Licht und Schatten gezogen. Grundig – in seiner Blütezeit 1979/80 weltweit mit rund 30 Betrieben und fast 40 000 Mitarbeitern vertreten – beschäftigt heute nur noch 3 800 Menschen, davon rund 1 400 in Nürnberg und 850 bei der Fernsehgeräte-Produktion in Wien. Fehlentscheidungen und Managementfehler hatten dazu beigetragen, dass aus dem deutschen Wirtschaftswunder ein trauriger Sanierungsfall wurde. Von dem nun gestellten Insolvenzantrag sind mehr als 1 300 Mitarbeiter der Grundig AG betroffen – vor allem in Entwicklung, Vertrieb, Marketing und in der Konzernverwaltung in Nürnberg.
Gegründet wurde Grundig 1945 vom Radiohändler Max Grundig, der in der Nachkriegszeit mit viel Erfolg selbst gebaute Radiogeräte an den Mann brachte. Sein 1946 entwickeltes Radiogerät ohne Röhren, der so genannte Heinzelmann, entwickelte sich zum Verkaufsschlager und verhalf der kleinen Firma zu raschem Erfolg. Schon 1951 war Grundig der europaweit größte Hersteller von Rundfunkgeräten, 1972 wurde die Grundig Werke GmbH in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. In der Folgezeit überschatteten jedoch Managementfehler die Entwicklung des Unternehmens, das 1981 schließlich erstmals rote Zahlen schrieb und 1983/84 einen Verlust von 286 Mio. DM angesammelt hatte. Schließlich sprang 1984 der niederländische Philips-Konzern als Kapitalgeber ein und schaffte es binnen drei Jahren, das Unternehmen wieder in die Gewinnzone zu lenken. Doch eine fehlende Marktstrategie, unrentable Produktionszweige und allzu große Erwartungen in die neuen Bundesländer brachten Grundig schon bald erneut in finanzielle Schwierigkeiten. 1997 stieg Philips schließlich bei Grundig wieder aus, und ein Konsortium aus verschiedenen Banken und dem Rosenheimer Antennenbauer Anton Kathrein übernahm fortan die Geschicke des Unternehmens. Auch ihnen gelang es jedoch nicht, Grundig wieder auf Vordermann zu bringen. „Zu klein für den Weltmarkt und zu groß, um eine Nische zu besetzen“, attestierten Branchenbeobachter dem fränkischen Traditionsunternehmen.

Um dennoch das Ruder herumzureißen, wurde 2001 Hans-Peter Kohlhammer als Sanierer an die Spitze der Konzernleitung gesetzt. Obwohl er die Fertigung von Fernsehgeräten von Nürnberg-Langwasser nach Wien verlegen ließ und insgesamt einen rigiden Sparkurs fuhr, schloss Grundig das Jahr 2001 mit einem Rekordverlust von 150 Mio. Euro ab.

Mit dem Insolvenzantrag lief nun auch Kohlhammers Zeit bei Grundig aus. Um den „strategisch veränderten Rahmenbedingungen“ Rechnung zu tragen, musste der Vorstandsvorsitzende auf Drängen des Aufsichtsrats in der vergangenen Woche den Vorstand verlassen. Er stehe dem Unternehmen aber weiterhin beratend und für Gespräche mit Investoren zur Verfügung stehen, hieß es. Grundig wird jetzt von Eberhard Braun geleitet, einem Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, der sich bereits als Insolvenzverwalter von Fairchild Dornier und Flowtex einen Namen gemacht hat. Ihm zur Seite steht als vom Gericht bestellter vorläufiger Insolvenzverwalter der ebenfalls als erfahren geltende Nürnberger Anwalt Siegfried Beck. Das gemeinsame Ziel der beiden ist es nun, die Grundig AG vor einer Zerschlagung zu bewahren und einen neuen Käufer zu finden. Bis zum 19. Mai hat Beck nun Zeit, ein Gutachten über den aktuellen Schuldenstand des Unternehmens vorzulegen. Grund zur Hoffnung besteht allemal. Schließlich wurde Grundig durch den Insolvenzantrag von seinen Altschulden befreit und damit attraktiver für Investoren. Vor allem die auf rund 200 Mio. Euro geschätzten Pensionsverpflichtungen des Unternehmens fallen nun weg, da diese jetzt der Pensionssicherungsverein (PSV) in Köln – ein Selbsthilfeverein der deutschen Wirtschaft – übernehmen muss. Ein neuer Massekredit sichert zudem in den nächsten zwei Monaten die Produktion in den Werken. Für die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter kommt überdies in den nächsten drei Monaten das Arbeitsamt auf, das Konkursausfallgeld erstattet.

Die neue Grundig-Führung kann die kommenden Wochen nun nutzen, um weitere Gespräche mit potenziellen Investoren aufzunehmen. Auch die Verhandlungen mit Beko sollen wiederbelebt werden. So hatte der türkische Fernsehgerätehersteller auf seiner Hauptversammlung in Istanbul angedeutet, für neue Vorschläge zum Kauf des Nürnberger Konzerns „offen“ zu sein. Die Lage habe sich nach dem Insolvenzantrag geändert, hieß es.

Experten erwarten jedoch, dass Grundig nicht im Ganzen übernommen wird. So sei zwar ein Verkauf der rentablen Bereiche wie Autoradios und Bürokommunikation denkbar, beim Kerngeschäft mit Fernsehern und Videorekordern interessierten jedoch lediglich die Marke und der Vertriebsapparat mit 30 000 Partnern.

cas.
 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 05|2003, Seite 46

 
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