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Der Rubel rollt

Das riesige Land bietet der deutschen Wirtschaft große Geschäftschancen. Ausdauer sollte man jedoch mitbringen.

Mit einigen Vorurteilen gegenüber Russland aufräumen wollte Alexander Spaak, Geschäftsführer des Informationszentrums der Deutschen Wirtschaft in Moskau, bei seinem Vortrag vor dem IHK-Außenwirtschaftsausschuss. Der Titel seines Referates: "Machtwechsel in Moskau – der Rubel rollt weiter". Beispielsweise werde Russland ein Mangel an Demokratie und Rechtssicherheit vorgeworfen. Dem hielt er entgegen: "Für dieses Land ist es ein historisches Ereignis, dass ein Präsident von sich aus nach der Verfassung des Landes zurücktritt."

Allgemein lasse sich behaupten, dass in Russland in den vergangenen Jahren die Rechtsstaatlichkeit wiederhergestellt worden sei, "auch wenn das Regelwerk kompliziert ist und nicht zu 100 Prozent befolgt wird". Berechtigt seien die Klagen über die Korruption, die weiterhin gegenwärtig sei. Doch könne man nach seinen Erkenntnissen auch ohne Schmiergeld in Russland Geschäfte machen.

Den Vorwurf, die Russen selbst würden nichts investieren, lässt der Experte ebenfalls nicht gelten. Die nach der Finanzkrise 1998 begonnene Modernisierung der Wirtschaft trage jetzt Früchte. Zwar habe anfangs vor allem die zunehmende Konsumnachfrage das Wirtschaftswachstum gestützt, doch werde bei den Investitionen kräftig aufgeholt. Im Jahr 2007 sind die Bruttoanlageinvestitionen um rund 20 Prozent gestiegen.

Davon haben auch deutsche Unternehmen profitiert. Die deutschen Exporte nach Russland sind 2007 um etwa 20 Prozent auf fast 30 Mrd. Euro geklettert. Damit ist Deutschland das größte Lieferland. Deutsche Erzeugnisse genießen nach Meinung des Russland-Experten einen guten Ruf und damit einen Vorsprung vor denen anderer Wirtschaftsnationen. Mit deutscher Qualität werde sogar Werbung für russische Produkte gemacht. Allerdings beobachtete Spaak auch, dass kleinere Produzenten verstärkt wieder auf russische Produkte zurückgreifen. Deutsche Unternehmen nutzten die starke Wachstumsphase der russischen Wirtschaft in den vergangenen sieben Jahren auch für umfangreiche Direktinvestitionen.

Kleinen und mittelständischen Unternehmen empfiehlt Spaak, sich von professioneller Seite unterstützen zu lassen. Ein Umdenken habe in Russland stattgefunden, was die Interessenvertretung der Wirtschaft durch Verbände betrifft. Diese hätten neue Chancen der Mitwirkung bekommen. Seit 1995 ist der Verband der Deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation aktiv, vor drei Jahren gründete dieser das Informationszentrum der Deutschen Wirtschaft. Seit Anfang 2008 gibt es zudem die Deutsch-Russische Außenhandelskammer (AHK) in Moskau (http://russland.ahk.de)

In Russland haben nicht nur die deutschen Top-Exportbranchen wie etwa Automobilindustrie oder Maschinenbau in den vergangenen Jahren geschäftlichen Erfolg gesucht. Den Schritt gen Osten wagten auch zahlreiche Mittelständler wie der Nürnberger Tessloff Verlag. Der mit rund 50 Mitarbeitern nach eigenen Aussagen führende deutsche Kinder- und Jugendsachbuchverlag gehört seit 1981 zur Müller Medien GmbH, ebenfalls mit Sitz in Nürnberg. Für Helga Uhlemann, Direktorin für das internationale Geschäft bei Tessloff, war ein Grund für eine stärkere internationale Ausrichtung des Verlags, dass das Thema Bildung weltweit immer wichtiger geworden sei.

Auf der Buchmesse in Leipzig kam 1993 der Kontakt mit einem russischen Verlag zustande, der bis 1998 rund 5,5 Mio. Exemplare der "Was ist Was"-Reihe von Tessloff vertrieb. Die Zusammenarbeit mit diesem Verlag gestaltete sich allerdings schwierig, weil er gegen vertragliche Abmachungen verstieß. Frühzeitig endete auch die Kooperation mit einem zweiten russischen Verlag. Erst 2005 hatte Tessloff den richtigen Partner gefunden, der das Lizenzgeschäft in Russland übernahm. Fazit der Exportmanagerin: Ein Scheitern sollte nicht dazu führen aufzugeben. Stattdessen sollte man auf die gemachten Erfahrungen aufbauen und darauf achten, enge vertrauensvolle Kontakte herzustellen.

Autor: 
sm.
 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 06|2008, Seite 10

 
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