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Was macht eigentlich...?

Professor Dieter Seitzer

Das MP3-Format gilt als bahnbrechende Erfindung. Prof. Dieter Seitzer hat die Grundlagen dafür erforscht und das renommierte Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) in Tennenlohe gegründet und geleitet.

Als Seitzer, Bester seines Abitur-Jahrgangs in Baden Württemberg, 1952 sein Ingenieurstudium begann, rieten wohlwollende Berater dringend vom eingeschlagenen Weg ab: „Nachkriegs-Deutschland bleibt ohnehin Agrarland. Wer braucht schon Ingenieure.“ Als Seitzer 1957 mit Bestnoten abschloss, konnte er bereits unter 20 Stellen wählen. Schon in den 70er Jahren hat sich der Mikroelektroniker Seitzer mit Übertragung und Speicherung von Sprache und Musik beschäftigt. „Ich hab in meinem Leben etwa 100 Patente eingereicht, drei brachten Geld, nur an einem hab ich etwas verdient“, erzählt er. Dieses eine Patent, die Audiocodierung von Musik, hat die Welt verändert. Songs, CDs, Platten, ganze Musikbibliotheken werden heute auf streichholzschachtelgroßen Geräten transportiert, abgespielt, per Klick dupliziert und weitergegeben. Das geschieht, weil Seitzer, sein Team und besonders sein Doktorand Karlheinz Brandenburg einen verblüffenden Grundgedanken von Seitzers Doktorvater ernst nahmen. „Das Ohr als Nachrichtenempfänger“ hieß das Werk, und die Mikroelektroniker destillierten daraus einen simplen Sachverhalt: „Was das Ohr nicht hören kann, das braucht man nicht.“ So konnte die Datenmenge von Sprache und Musik auf ein Zwölftel reduziert werden. Dies erforscht und gemanagt zu haben, hat Seitzer weltberühmt gemacht.

Doch der ganz große Wurf bedurfte nicht nur des Forschergeists im Labor. Die verborgene, aber mindestens ebenso geniale Leistung, das Nachhaltige am Wirken dieses Tübinger Mikroelektronikers ist die Gründung seines Instituts. Schon als Uniprofessor hatte er mit Technologietransfer und der Beschaffung von Drittmitteln zu tun. Als Schwabe wusste er, „pecunia nervus rerum“, ohne Geld keine Forschung. Nach dem MP3-Coup wurden die Lizenzen nicht an einen Großen verkauft, sondern an mehrere hundert Lizenznehmer vergeben. Die Millionen wurden investiert. „Wir haben begriffen, dass wir Antworten auf Fragen der Industrie und des Mittelstandes besitzen. Niemand in Europa forscht so nah am produzierenden Bereich wie wir“, resümiert der Professor zufrieden, der auch einer der Väter des Innovations- und Gründerzentrums (IGZ) ist, wo ca. 1 000 Arbeitsplätze entstanden.

Dies ist die kurze Version von Seitzers Lebensleistung. Aber was macht er heute? Auf seinem Schreibtisch liegt gerade ein halb fertiger Bildervortrag über seine zweite Heimat Graubünden, wo er eine kleine Ferienwohnung besitzt. Er hält Vorträge wie „Zwischen Herkunft und Zukunft – Gedanken zum technischen Fortschritt“. Er hat ein Büro im Fraunhofer IIS und an der Uni. Studenten, Doktoranden und Ingenieure fragen ihn um Rat. Sein Gespür fürs Machbare, fürs Effiziente überragt fast den Ruhm als Forscher. 40 Jahre Erlangen haben übrigens dem Idiom des Tübingers nichts anhaben können. „Ich habe nun etwas mehr Zeit für Garten, Wandern, Reisen und Enkelkinder.“ Peter Budig n

Vita

Dieter Seitzer, geboren am 17. April 1933 in Tübingen, studierte in Stuttgart von 1952 bis 1957 Elektrotechnik und war seit 1962 im IBM-Forschungslabor in Rüschlikon in der Schweiz tätig. 1970 folgte er dem Ruf zum Professor am neuen Lehrstuhl „Technische Elektronik“ an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen. 1984 wurde das neue Zentrum für Mikroelektronik und Informationstechnik gegründet, aus dem später das Institut für Integrierte Schaltungen entstand, das er aufbaute und leitete – heute das größte Institut innerhalb der Fraunhofer-Gesellschaft. Seit 1998 ist Seitzer emeritiert, aber weiterhin in Forschung und Entwicklung tätig. Seitzer wurde mit dem Maximiliansorden, dem Bundesverdienstkreuz, der Kammerverdienstmedaille der IHK Nürnberg und dem Goldenen Ehrenring der Stadt Erlangen ausgezeichnet. Er ist seit 1959 mit seiner Frau Ilse verheiratet, hat drei Töchter und sieben Enkel.

 

Autor: 
Peter Budig
 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 10|2010, Seite 63

 
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