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Corona-Pandemie

Wie gefährlich ist das Virus im Alltag?

Corona Virus Nahaufnahme © Bertrand-blay - Gettyimages.de

WiM-Interview mit Virologe Prof. Dr. Bernhard Fleckenstein.

Prof. Dr. Bernhard Fleckenstein, bis 2015 Direktor des Virologischen Instituts der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU).

WiM: Im Mai sind die Ausgangsbeschränkungen in Bayern aufgehoben worden. Wie hoch ist das Risiko, sich beispielsweise bei der Arbeit oder in Geschäften mit dem neuartigen Corona-Virus zu infizieren?

Erfreulicherweise haben sich die Infektionszahlen in den letzten Wochen günstig entwickelt. In Bayern lag die Zahl der wöchentlichen Neuinfektionen laut Robert-Koch-Institut Anfang Mai bei knapp 1 300, Anfang April waren es noch fast 10 000 Fälle. Inzwischen halte ich das Risiko einer Ansteckung im Alltag für gering, solange die jeweils gültigen Vorschriften eingehalten werden.

Rechnen Sie mit einer zweiten Infektionswelle?

Insgesamt bin ich zuversichtlich, dass sich die positive Gesamtentwicklung fortsetzen und die Corona-Pandemie, wie auch andere Virus-Epidemien, beherrschbar wird. Es ist nicht zu erwarten, dass wir mit den zuletzt realisierten Lockerungen vor einer zweiten epidemischen Welle stehen. Stattdessen denke ich, dass wir in den nächsten Monaten so erfolgreich sein können wie Südkorea oder Taiwan, wo das Problem aktuell weitgehend beherrscht ist. Sollten im kommenden Winter wieder mehr sporadische Fälle auftreten, werden bis dahin die Therapien besser sein als heute.

Der Kultur-, Event- und Freizeitbranche fehlen noch auf längere Sicht Einnahmen. Wann wird es wieder möglich sein, den Club live im Stadion anzufeuern oder mit Tausenden Festivalfreunden bei Rock im Park zu feiern?

Massenveranstaltungen wie Fußballspiele und Konzerte, wo Tausende auf engem Raum beisammen sind, werden noch auf längere Zeit risikobehaftete Konstellationen darstellen. Ähnliches gilt auch für Theater, Diskotheken oder überfüllte Skihütten. Ich nehme an, dass wir uns dies noch eine Weile nicht leisten können. Großveranstaltungen sind ohnehin bis in den Sommer ausgesetzt. Wir sollten die epidemische Entwicklung bis dahin abwarten.

Reisewarnungen und Grenzschließungen treffen Unternehmen der Touristikbranche hart. Finden Sie Restriktionen für Urlauber und Reisende berechtigt?

Die Reisebeschränkungen, wie sie derzeit noch gelten, halte ich für überzogen. Ich sehe beispielsweise keinen Sinn darin, dass es heute noch nicht möglich ist, nach Österreich zu fahren, wo die Häufigkeit neu auftretender Erkrankungen niedriger ist als bei uns. Man sollte diese Einschränkungen schnell aufheben. Die sozialen, kulturellen und ökonomischen Schäden sind immens. Abgesehen von den genannten Risikokonstellationen denke ich, dass wir bald wieder in „Normalität“ leben. Deshalb sollten – noch bevor ein Impfstoff für die gesamte Bevölkerung verfügbar ist – alle Restriktionen, in ärztlicher Verantwortung, möglichst rasch abgebaut werden. Covid-19 ist schließlich nicht die einzige gravierende Viruskrankheit. Da geht es auch um die Verhältnismäßigkeit.

Welche Maßnahmen ergreifen Sie privat, um sich vor einer Virus-Infektion zu schützen?

Ich halte mich an die verordneten Auflagen – Mund-Nasen-Schutz, Abstand, Handhygiene. Ich sehe keinen Grund, darüber hinauszugehen. Allerdings rate ich Ärztinnen, Ärzten und dem Pflegepersonal wegen der eigenen Exposition und mit Rücksicht auf die Patienten sehr dringend, sich regelmäßig auf eine Infektion mit dem Corona-Virus testen zu lassen.

 

Die Fragen stellte Christian Hiemisch.

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 05|2020, Seite 18

 
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