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Hochwertiges Tuch: Geschäftsführer Stefan Glaß prüft mit Anas Qalisharo und Alexandra Siebenhorn (v. l.) eine bestickte Stoffbahn.

Die Nadeln hämmern die Fäden in den Stoff, so wie Spechte ihre Schnäbel ins Holz tackern. Auf mehrere Meter langen Anlagen sind die Stickköpfe nebeneinander angeordnet und zaubern in Windeseile vielfältige Muster und Ornamente auf die farbigen Bahnen. An einer anderen Maschine bewegen sich die Stickköpfe etwas gemächlicher in einer eher drehenden Bewegung. Aber auch hier entstehen die Muster, als würden sie wie in einem Tinten- oder Laserstrahldrucker auf Papier gebannt. Es herrscht also reges und nicht ganz geräuscharmes Treiben in diesem Teil des Betriebs der Stickerei Müller GmbH in Diespeck.

Sie ist spezialisiert auf erlesene Stickereien und die Veredelung von Stoffen für Prêt-à-Porter, Haute Couture, hochwertige Heimtextilien sowie Bühne und Film. Ein Massenmarkt ist das nicht. Mit ihrem Angebot sieht sich die Stickerei Müller in Deutschland als Einzelspieler auf dem Markt. Andere Anbieter würden eher Werbestickereien auf Poloshirts oder Kappen anbieten. Vergleichbare Stickerei-Betriebe gebe es ansonsten nur im Ausland, insbesondere in Frankreich und Italien. Neben der Modebranche bedient das Diespecker Unternehmen auch Opern und Theater, darunter die Pariser Oper und das Staatstheater Stuttgart. Auch für den Friedrichstadt-Palast in Berlin erhielt Müller schon Aufträge. Darüber hinaus werden auch hochwertige Vorhänge, Stuhlbezüge und Tagesdecken, beispielsweise für Hotels, bestickt.

Jahrelange Erfahrung: Viele Mitarbeiterinnen bei Müller sind schon seit Jahrzehnten im Betrieb tätig.

Ruhiger als im „Maschinenraum“ geht es dort zu, wo die Mitarbeiterinnen noch mit der Nähmaschine oder per Hand die aufwändigen Muster sticken. Da entstehen Blumen aus bunten Fäden, als wären sie von der Wiese gepflückt und auf den Stoff gesetzt worden. In einem anderen Teil des Gebäudes sitzen mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Bildschirmen und arbeiten filigrane Stickmuster aus, die später einmal von den Maschinen auf die Stoffbahnen gebannt werden sollen.

Die Stickerei wurde 1903 von Dionys Müller in Klingenthal im Vogtland gegründet. Damals war sie noch auf die Konfektion von Kittelschürzen spezialisiert. Anfang der 50er Jahre überführten Brigitta Hess, die Enkelin des Gründers, und Harry Glaß, der Vater des heutigen Geschäftsführers Stefan Glaß, zwölf Maschinen aus der DDR nach Nürnberg – vorgeblich zur technischen Überprüfung. In Wahrheit planten sie die Flucht in den Westen, was ihnen mit einer vorgetäuschten Urlaubsreise schließlich auch gelang. In Diespeck machten sie sich an den Neuanfang – erst in einer örtlichen Gastwirtschaft, bald darauf in einer eigenen Betriebsstätte und Anfang der 60er Jahre entstand das heutige Firmengebäude. Das Unternehmen wuchs darauf nach eigenen Angaben zur damals größten Stickerei Deutschlands mit 700 Beschäftigten heran – wovon die Hälfte in Heimarbeit tätig war – schon damals also ein Betrieb mit „Homeoffice“.

Filigrane Fertigung: Einige Stickereien lassen sich nicht maschinell herstellen, hier ist Handarbeit gefragt.

Der heutige Chef Stefan Glaß stieg 1987 zusammen mit seiner Schwester Johanna in den Betrieb ein. Anfang der 90er bauten sie eine Niederlassung im tschechischen Kraslice auf. Doch Mitte der 90er machte sich der Strukturwandel in der Textilbranche auch bei der Stickerei Müller bemerkbar: Globalisierung, Abwanderung nach Fernost, Firmenpleiten. In dieser Phase musste sich das Unternehmen notgedrungen verkleinern, es kam zu Entlassungen. Aber durch eine glückliche Fügung ergab es sich etwa im gleichen Zeitraum, dass der britische Modedesigner John Galliano auf das fränkische Unternehmen aufmerksam wurde – genauer gesagt eine Assistentin, die einen Tipp bekommen hatte. Ihr Anliegen: Ein scheinbar nahtloses Kleid zu nähen, das der Designer entworfen hatte. Firmenchef Glaß hielt die Aufgabe damals für nicht machbar, doch seine Mitarbeiterinnen zeigten sich unbeeindruckt und fanden eine Lösung. So entstand der Kontakt in die Welt der Luxusmode. Heute gehören sehr viele namhafte Modelabels aus diesem Segment zu den Kunden.

In einem Besprechungszimmer sind diverse Arbeitsproben ausgelegt, damit die Kunden einen Eindruck von der Vielseitigkeit des Handwerks aus dem Hause Müller bekommen: Kunstvoll geschwungene florale Ornamente in Orange auf dunkelrotem Samt, bunte glitzernde Spiegelflecken auf weißem Stoff, die mit goldfarbenen Kugelketten umrahmt sind, sowie drei Schneiderbüsten am Fenster, über die ein schwarzes Abendkleid und Mäntel mit Leopardenmustern gehängt sind. Auf den Tischen liegen zahlreiche Fotos von Models mit Designer-Outfits, die mit Stickereien aus Diespeck verziert sind.

Aktuell arbeiten 50 Beschäftigte in Diespeck sowie 50 an den ausländischen Standorten in Polen und Tschechien. Wenn neues Personal benötigt wird, muss das Unternehmen auf interne Aus- und Weiterbildung setzen: „Die Schwierigkeit ist, dass wir so speziell sind, wir finden keine fertigen Mitarbeiter am Markt“, sagt Alexandra Siebenhorn, die für die Musterung zuständig ist. Man müsse alle, die neu kommen, einlernen, anlernen oder intern ausbilden. Für viele Arbeitsplätze im Betrieb gebe es auch keine Ausbildungsberufe. „Deshalb ist das meistens ein Learning by doing über Schulungen.“ Größeres Wachstum ist aber nicht geplant: „Wir wollen uns qualitativ weiterentwickeln, mit der Zeit gehen und dazulernen“, sagt Alexandra Siebenhorn. Die Modewelt im Luxus-Segment sei begrenzt, deshalb sei es wenig sinnvoll, auf quantitatives Wachstum zu setzen. (jf.)

www.stickerei-mueller.de

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