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Was macht eigentlich...?

Eisbärin Flocke

Sie war der fränkische Medienstar des Jahres 2008. So viel Aufmerksamkeit war hier nie, um eine Frau, eine Bärin, den Nürnberger Tiergarten. Doch seit April des Jahres lebt unsere Polarbärin am Mittelmeer, im Marineland Antibes, Südfrankreich. Dort soll sie Urmutter einer erfolgreichen Zuchtlinie werden.

Wer dabei war, wird es nie vergessen: Man schrieb den 7. April 2008. Die am 11. Dezember geborene Eisbärin Flocke sollte zum ersten Mal vor großem Publikum ins Freie. Etwa 500 Menschen waren gekommen, 450 (internationale) Pressevertreter, Fotografen, Kameraleute, Fernsehteams, dazu einige wenige geladene Gäste. Der Hype um Flocke war einmalig. Allein zur Namensfindung waren schon 50 000 Mails, Briefe und Postkarten eingegangen. Nachdem die beiden Eisbärenbabies einer zweiten Eisbärenmutter früh gestorben waren, wurde Mutter Veras Aufzucht besonders kritisch beäugt. Am 8. Januar verließ sie nach ruhigen vier Wochen urplötzlich die Geburtshöhle und irrte hilflos im Gehege umher – etwas schien die junge Mutter völlig verstört zu haben. Flocke wurde von Tierpflegern mit der Hand großgezogen. Jede Fütterung, jede Gewichtszunahme, jedes Eisbärbäuerchen wurden fortan dokumentiert und der faszinierten Öffentlichkeit online mitgeteilt. Und dann dieser große Tag, Flocke live: ein unglaublich niedlicher, weißer, tapsiger wollknäueliger Babybär hopste und kullerte durchs Gehege. Hartgesottene Berichterstatter seufzten „süüüüß ist sie schon“. Ein nie gekannter Run auf den Tiergarten setzte ein. Besucherrekorde, Lizenzgebühren für Flocke-Devotionalien, der Direktverkauf von Flocke-Plüsch und mehr – konnte man da nicht mit Millionen-Überschüssen rechnen?

Im November wurde dem Stadtrat der Finanzbericht „Flocke“ vorgelegt. Schöne Einnahmen konnte man verbuchen, allein 1,1 Millionen Mehreinnahmen an Eintrittsgebühren, allein die Parkgebühren ergaben 65 000 Euro Plus und für Flocke-Lizenzen kamen noch einmal fast 220 000 Euro zusammen. Doch das Bigbusiness Eisbärbaby blieb überschaubar. Kosten für Personal (135 000), Sicherheitsdienste im Tiergarten (fast 190 000 Euro), für Anwälte (Lizenzen), Zusatztoiletten, für Bühnen, Absperrungen und Maßnahmen im Gelände, für Straßensperren und VGN-Kombitickets summierten sich und ganz am Schluss war Flocke ein Riesenereignis, aber mit einem Überschuss von 274 530 Euro nur ein Geschäftlein.

Flocke bleibt trotzdem ein Luxusgeschöpf: Früh war sie für das Europäische Zuchtprogramm vorgesehen. Ihr neues Eisbären-Domizil in Antibes (an der Côtes d’Azur, zwischen Cannes und Nizza), ist eine Mischung aus Tiergarten und Vergnügungspark. Zum 40. Geburtstag leistete sich das „Marineland“ eine 3,8 Millionen Euro teure Freilandschaft, mit temperiertem Meerwasser, eisgekühlten Grotten und künstlichen Wasserfällen auf 2 200 Quadratmetern. Das Luxusquartier soll irgendwann auch Eisbären-Kinderstube werden, wenn „Flocon et Raspoutine“ – wie sie hier heißen – sich weiter gut verstehen. Der gleichaltrige Russe Rasputin war im Dezember 2008 zu Flocke ins Nürnberger Eisbärengehege gekommen – ein Test, denn Eisbären sind in dieser Hinsicht wie Menschen und können nicht mit jedem Artgenossen. Noch genießen sie pubertäre Freiheiten und jugendliche Kurzweil, tollen und spielen auf Eisbärenart, das Leben ein Feriencamp.

In Nürnberg steigt inzwischen die Spannung, ohne dass es die Tiergartenleitung an die große Glocke hängt. Seit dem Frühjahr sind Felix und Vera, die Flocke-Eltern, wieder beisammen. Eisbärenbabies kündigen sich nicht durch dicke Mutterbäuche an – aber im Dezember rechnet man mit einer neuen Nachkommenschaft. Geht alles gut, wird wohl auch dieses Eisbärenjunge wieder irgendwo einen Zuchtpartner bekommen. Dieser europäische Austausch wird übrigens kostenlos, nur gegen Frachtspesen vollzogen.

Vita

Flocke kam am 11. Dezember 2007 im Nürnberger Tiergarten zur Welt. Ihre Mama Vera (*21.11.2002) stammt aus Moskau, Vater Felix wurde am 23.11.2001 in Wien geboren. Während also Vater und Mutter in Zoos zur Welt kamen, stammt jeweils ein Elternteil aus einem Wildfang. Von Beginn an war klar, dass Flocke umziehen müsste, sobald sie eine heranwachsende Eisbärin ist. Seit dem 29. Dezember lebte deshalb Rasputin aus Moskau (*11/2007) in Nürnberg mit ihr probeweise zusammen. Da sich beide sofort gut verstanden, entschieden Koordinatoren des Europäischen Erhaltungsprogramms, dass sie in die neue Meerwasseranlage nach Antibes, in Frankreich umziehen sollten. Am 23. April 2010 kamen beide dort nach 16-stündiger Fahrt an. Sehr zur Freude der zahlreichen Besucher des „Marineland“ setzen sie dort die kameradschaftliche Zweisamkeit fort. Ob sie irgendwann auch als Eltern zusammen kommen, muss man abwarten, Eisbären werden erst mit ca. sechs Jahren geschlechtsreif.

Autor: 
Peter Budig
 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 11|2010, Seite 61

 
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