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Michael Müller Verlag

Reiselust analog und digital wecken

Michael Müller Verlag © Thomas Tjiang

Michael Müller, Gründer und Chef des gleichnamigen Verlags, im Lager in der Erlanger Gerberei.

Das Erlanger Verlagshaus ist auf Reiseführer spezialisiert und erschließt sich damit Zielgruppen in der digitalen Welt.

Im Jahr 1979 machte sich der gelernte Kfz-Mechaniker Michael Müller per Anhalter nach Portugal auf, um seinen ersten Reiseführer zu schreiben. Das daraus entstandene Büchlein zum alternativen Reisen hatte ein entsprechendes Layout: Enge Schreibmaschinenschrift und handgezeichnete Skizzen prägten das Erscheinungsbild. Der Portugal-Führer war gegen Vorkasse per Scheck zu bekommen, angesichts des heute durchdigitalisierten Buchmarkts eine skurrile Vorstellung. Der Buchhandel habe damals abgewunken, für die sei es kein richtiges Buch gewesen, erinnert sich Müller. Aber es war der Anfang der Michael Müller Verlag GmbH in Erlangen, die zum Spezialisten für Individualreiseführer wurde.

Denn Müller war von seiner Idee überzeugt, abseits von vermeintlichen oder tatsächlichen Sehenswürdigkeiten viele praktische Tipps zum Reiseziel weiterzugeben. Auf diese Weise sollte auch ein Blick hinter die üblichen Touristenkulissen möglich sein. Zu den praktischen Gesichtspunkten gehörten beispielsweise Infos, in welchen portugiesischen Werkstätten man sein marodes Auto reparieren lassen konnte. Doch für den Autor, Verleger und Vertriebsmanager in Personalunion waren die ersten Jahre hart: „Ich hatte praktisch kein Geld“, erinnert sich der Firmengründer. Die Wende kam mit dem Reiseführer für Kreta, der ein paar Jahre später erschien und sich schnell als „Kreta-Bibel“ für Rucksack-Reisende mit Interrail-Ticket etablierte.

Im Rückblick nennt Müller auch den Einstieg in die digitale Welt vor zehn Jahren eine schwierige Zeit, als das Unternehmen erste Gehversuche mit einer Reise-App machte. Neben den Investitionskosten sei die Suche nach Informatikern eine Herausforderung gewesen: Sie seien von der Traditionsbranche Buchhandel nur schwer zu überzeugen gewesen. Mittlerweile hat der Verlag ein großes Spektrum an digitalen Angeboten aufgebaut: Im Zentrum steht die Mmtravel-App, über die man Zugriff auf 24 digitale Wander- und Stadtführer erhält. Außerdem gibt es über 150 E-Books im Sortiment. Sieben Programmierer beschäftigen sich mit der Transformation der Reiseführer in die Online-Welt und verbessern die Anwenderfreundlichkeit. Außerdem stellte der Verlag den Vertrieb der Reise-Apps um: Hatte er diese früher noch zum Kauf angeboten, können die Kunden sie je nach Bedarf für einen Monat oder länger gegen Bezahlung nutzen.

Digitale Produkte für den Kundennachwuchs

Die digitalen Produkte sollen auch die Zukunft des Verlags sichern, der seit 1989 seine Geschäfte von der ehemaligen Erlanger Gerberei aus betreibt. Bei den klassischen Buchkunden freut sich Müller über eine treue Leserschaft, allerdings altert sie kontinuierlich und es kommen wenig junge Käufer nach. Immerhin entwickle sich das Reisebuchgeschäft besser als der gesamte Buchmarkt. Um eine jüngere Kundschaft zu gewinnen und an das Haus zu binden, ergänzt das Online-Reiseportal des Verlags die bestehenden Produkte. Dort finden sich Reportagen abseits bekannter Routen, Neuigkeiten oder ein Forum, bei dem sich Reiselustige untereinander austauschen können. Auch ein eigenes Portal für Übernachtungen in Hotels, Herbergen, Ferienhäusern sowie auf Campingplätzen soll den Community-Gedanken stärken. Mit diesen digitalen Angeboten und Inhalten sieht sich Müller als führend im Reisebuchmarkt an.

In den letzten Jahren hatten die digitalen Aktivitäten des Verlags die Veröffentlichung neuer Reiseführer auf rund vier Titel pro Jahr zurückgehen lassen. In diesem Jahr sind u. a. mit Albanien, Oslo und Porto sieben neue Publikationen vorgesehen. Bei den neuen Titeln bediene man auch das zunehmende Interesse an Stadtführern, die allerdings in vergleichsweise kleinen Auflagen herausgegeben werden. Hinzu kommt die neue Reihe „Stadtabenteuer“, die sich auf Nischenthemen in den Städten konzentriert. Außerdem will Müller seinen Markennamen auf dem Gebiet der Fernreisen verstärken, im Weltmarkt mitmischen und dafür die beiden Reiseführer für die portugiesischen Ziele Lissabon und Porto ins Englische übersetzen.

Der Umsatz seines Unternehmens sei in den letzten Jahren stabil geblieben, aktuell beziffert Müller ihn auf sechs Mio. Euro. Der Anteil digitaler Produkte rangiere noch im einstelligen Prozentbereich, entwickle sich aber hoch dynamisch, so der Firmenchef. Derzeit hat er 20 Beschäftigte, darunter sieben Informatiker, sowie rund 80 freie Autoren, die für den Verlag arbeiten. Man sei auf der Suche nach weiteren Autoren, um Lücken im Verlagsprogramm zu schließen. Um einen Reiseführer zu erstellen, benötigten die Autoren viel Freiraum, denn ein Buch zu produzieren sei weniger planbar als beispielsweise ein Motorblock.

Pläne für die Zukunft

Der 66-jährige Müller selbst hat im letzten Jahr seine Frau Judit Ladik sowie Katharina Hokema als Geschäftsführerinnen an Bord geholt, um sich selbst zu entlasten. So war es möglich, dass er für die Aktualisierung des Porto-Führers – neben der Toskana sein zweites Spezialgebiet – zwei Monate vor Ort recherchieren und prüfen konnte. Er kenne in der zweitgrößten portugiesischen Stadt praktisch jedes Restaurant. Die nächsten zehn Jahre will er vornehmlich als Autor aktiv sein, als Verleger will er dagegen insbesondere den digitalen Kurs im Blick behalten.

Ein Generationswechsel ist allerdings noch offen. Seine beiden Kinder studieren Physik und Geografie, konkret soll es erst in zehn Jahren werden. Zunächst hatte Müller sich auch gefragt, ob er überhaupt angesichts des vermeintlichen Niedergangs des Produkts Buch seinen Kindern guten Gewissens einen Einstieg empfehlen könne. Das gedruckte Buch werde es aber immer geben, ist er sich sicher. Und mit dem Ausbau der Online-Angebote sehe er für seinen Verlag eine positive Zukunft.

Autor: 

tt.

 

WiM – Wirtschaft in Mittelfranken, Ausgabe 06|2019, Seite 62

 
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