Abwehrkräfte stärken
Die unsichere Weltlage wirkte als Wachstumstreiber für die diesjährige Branchenmesse Enforce Tac in Nürnberg. Mit rund 26 500 streng kontrollierten Fachbesuchern aus 100 Ländern hat Deutschlands Leitmesse für Sicherheit und Verteidigung die Erwartungen übererfüllt. Sie konnten sich bei den über 1 400 Ausstellern über Innovationen der Branche informieren. Als Besucher zugelassen waren nur Angehörige der Streitkräfte sowie Mitarbeiter von Behörden und Organisationen mit polizeilichen oder militärischen Sicherheitsaufgaben.
Bei der Erstauflage der Messe im Jahr 2012 war die steile Aufwärtsentwicklung nicht abzusehen. Damals startete die Veranstaltung als Sonderschau „Law Enforcement, Security and Tactical Solutions“. Sie war als Behördentag im Rahmen der Jagd- und Sportwaffenmesse IWA konzipiert. Doch der kriegerische Terror Russlands in der Ukraine und die Fragen nach der deutschen und europäischen Verteidigungsfähigkeit bescherten der Messe einen großen Wachstumsschub. In den sieben Messehallen zeigten Unternehmen in diesem Jahr wieder ihr Spektrum rund um Wehrtechnik und Personenschutz. Dazu zählten u. a. Luftverteidigungssysteme mit Luft-Luft-Lenkflugkörpern oder KI-gesteuerten Drohnen, Aufklärungssysteme, Gewehre und Pistolen sowie Zubehör, außerdem Tarnanzüge, Spezialhelme oder Schutzwesten. Auch aus Mittelfranken war eine Reihe von Ausstellern auf der Messe vertreten, darunter diese Unternehmen:
Diehl Defence, die Tochter der Nürnberger Familienstiftung Diehl, war wahrscheinlich der prominenteste Branchenvertreter aus der Region. Sie präsentierte nicht nur ihr Luftverteidigungssystem Iris-T, das mittlerweile in 21 Ländern eingesetzt wird und in der Ukraine eine sehr gute Abwehrleistung erzielt. Zu den Diehl-Highlights gehörte auch das weiterentwickelte Drohnenabwehr-Fahrzeug GARMR (Garm ist in der nordischen Mythologie der Wachhund zur Unterwelt). In die Fahrzeugtechnik wurden neuartige Abfangdrohnen sowie eine KI-gestützte Detektions- und Entscheidungsarchitektur zur mobilen Drohnenabwehr integriert. So werden nicht nur Flugobjekte identifiziert, sondern Algorithmen werten die Sensordaten automatisiert aus und priorisieren dann die Luftziele. Diehl Defence sieht ein breites Einsatzspektrum für das hybride und modular aufgebaute System. Es eigne sich sowohl für den Schutz kritischer ziviler Infrastrukturen wie etwa Flughäfen oder Veranstaltungen, als auch für den Einsatz in militärischen Gefechtsszenarien (https://diehl.com/defence/).
Das Fürther Traditionsunternehmen RWS GmbH präsentierte in den Messehallen u. a. bleifreie Trainingsmunition, die speziell für den Einsatz bei Behörden, Spezialkräften und Militär entwickelt wurde. Gegründet wurde es 1886 als „Rheinisch Westfälische Sprengstoff-Actien-Gesellschaft“, seit 129 Jahren hat es seinen Sitz in Fürth. Mittlerweile gehört RWS zu dem vor exakt 500 Jahren in Italien gegründeten Familienunternehmen Beretta Holding. Bis vor ein paar Jahren teilte sich das Geschäft zu jeweils einem Drittel in die Sparten Jagdmunition, Zündelemente (z. B. für Airbags oder für Nagelpistolen für Handwerker) sowie Militär und Behörden. Für diese Kunden fertigt RWS kleinkalibrige Munition sowie pyrotechnische Elemente und Komponenten. Dazu gehören beispielsweise Patronen für Maschinenpistolen, Munition für alle NATO-nominierten Standardwaffen sowie Anzündelemente für Mittel- und Großkaliber, die am Ende auch in Panzern zum Einsatz kommen. „Mittlerweile macht die Sparte Militär und Behörden rund 40 Prozent des Geschäfts aus“, berichtete RWS-Geschäftsführer Dirk Prehn auf der Messe.
RWS hatte auf der Enforce Tac auch das „Ammo Symposium“ zur Zukunft der Munitionsproduktion und -beschaffung mitinitiiert. „Innovation ist der Schlüssel zu einer zukunftssicheren Munitionsproduktion“, so Prehn. In der Fertigung von Fürths größtem Arbeitgeber wurden bereits zusätzliche Maschinenkapazitäten installiert, um rund um die Uhr an sechs Tagen den „Bündnisbedarf der NATO“ decken zu können. Entsprechend rechnet er auch damit, im laufenden Jahr die Zahl der Mitarbeiter um weitere 50 auf 1 500 aufzustocken (www.rws-technology.com).
Die Fürther Vected GmbH ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Unternehmen neue Märkte erschließen. Sie ist 2012 aus der vhf Elektronik GmbH in Fürth ausgegründet worden. Während sich die vhf auf Engineering-Dienstleistungen und CNC-Steuerelektronik unter anderem für Industrie und Medizintechnik konzentriert, liegt der Schwerpunkt von Vected auf der Wärmebildtechnik. Der Einstieg in diese Technologie sei naheliegend gewesen, so Vertriebsmitarbeiter Ralph Wilhelm, denn auch dort gehe es letztlich um Signalverarbeitung. „Wir haben uns seit der Ausgründung als Weltmarktführer für Premium-Wärmebildgeräte Made in Germany etabliert.“ Die Technologie aus Fürth kommt bei Militär, Behörden und Jagd zum Einsatz. Auf der Enforce Tac präsentierte Vected unter anderem ein neues Thermal-Reflexvisier, das den Schützen durch die Wärmebildtechnologie auch versteckte oder getarnte Gegner deutlich anzeigt.
Die Technologie geht im Direktvertrieb beispielsweise an Spezialeinsatzkommandos (SEK). Den Großteil des Geschäfts macht allerdings die Zulieferung an die großen Unternehmen der Verteidigungsindustrie aus. So finden sich die Wärmebild-Sensoren auch in aktuellen Panzermodellen. Vected beschäftigt rund 38 Mitarbeiter. Wenn der geplante Erweiterungsbau im Fürther Golfpark Atzenhof zur Verfügung steht, könnten weitere Mitarbeiter hinzukommen (https://vected.de).
Die Nürnberger Walaris GmbH ist eine Ausgründung aus der US-Elite Universität Stanford. Ein Studenten-Duo gründete zugleich in Nürnberg und in Nürnbergs Partnerstadt Atlanta. Rechtlich sei es aber so geregelt, dass Innovationen und Patente der deutschen GmbH gehören, sagte David Sonntag, Senior Director Business Development von Walaris. Das Unternehmen hat sich auf Software für Signalverarbeitung und Sensorfusion spezialisiert, die mit Künstlicher Intelligenz Echtzeitdaten von Sensoren zusammenführt und verarbeitet. Herzstück ist die hauseigene KI-Plattform „AirScout“: Sie kann mit den Daten, die beispielsweise von Kamera und Radar kommen, Milliarden von Berechnungen in Echtzeit ausführen. „Wir können damit Bedrohungen verifizieren und Fehlalarme reduzieren“, erklärte Sonntag. Das System könne Drohnen, die sogenannten UAV (unmanned aerial vehicles), auch von einem fliegenden Vogel oder einem wackelnden Busch unterscheiden.
Die Hardware-unabhängige Software von AirScout erlaube eine Inbetriebnahme des Drohnenabwehrsystems (Counter UAS-System) innerhalb von 15 Minuten im Plug-and-Play-Verfahren. Bei Bedarf ließen sich weitere Sensoren oder Optiken unterschiedlicher Hersteller integrieren. Walaris ist ein Zulieferer für große Defense-Unternehmen wie etwa Diehl und kommt auf diesem Weg etwa bei der Bundeswehr zum Einsatz. Aber auch bei der Gebäudeüberwachung oder beim Schutz von kritischen Infrastrukturen ist die Technologie gefragt. Im letzten Jahr ist das Software-Haus im Verteidigungsbereich in Nürnberg um zehn auf 40 Mitarbeiter gewachsen. „Wir sind keine Remote-Company“, sagte Sonntag mit Blick auf neue Mitarbeiter. Gearbeitet werde nicht von irgendwo, sondern nur in Präsenz in Nürnberg (https://walaris.com/).
Die Nürnberger Weatherdock AG, Gewinner des IHK-Gründerwettbewerbs 2008, zeigte zum dritten Mal auf der Enforce Tac Flagge. Das Unternehmen startete 2006 zunächst mit sogenannten AIS-Geräten für Sportboote. Die Abkürzung steht für Automatic Identification System – also Automatisches Identifikationssystem. Mit diesem Funksystem, das auf hoher See den Austausch von Navigationsdaten verbessert, ist Weatherdock großgeworden Es folgten Rettungssender, um etwa Schiffbrüchige zu lokalisieren. „Dann wollten wir Richtung Marine horizontal expandieren“, sagte Vorstandssprecher Alfred Kotouczek-Zeise, dessen Unternehmen jährlich um gut zehn Prozent wächst. Für diesen Dual-Use-Einsatz mussten die Tracker technologisch anspruchsvoll angepasst werden, damit sie feindlichen Aufklärern nicht den Standort verraten. Der dreistufige Prozess bis zur ersten Lieferung an die Marine habe zwei Jahre gedauert, erinnert sich Kotouczek-Zeise. Schneller ging es dann bei den Folgeaufträgen. Mittlerweile hat Weatherdock 11 000 Geräte an die Marine geliefert.
Nun will Kotouczek-Zeise auch den Transfer zum Heer schaffen: „Der Schritt ist nicht einfach, wir müssen wieder ganz von vorn anfangen.“ Er hofft, dass im Nachgang der Messe auch aus dieser Richtung der erste Auftrag kommt, die Gespräche mit den Standbesuchern seien sehr vielversprechend gewesen. Die Entwicklung sämtlicher Produkte leistet der Hersteller von elektronischem Sicherheits- und Navigationsgeräten mit 27 Mitarbeitern (www.easyais.com).
Auf der internationalen Messe-Plattform „Enforce Tac Start-ups“ trafen sich junge Unternehmen mit innovativen Lösungen für die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI). Dort stellte auch die Golden Devices GmbH aus Erlangen aus. Es wurde 2022 aus dem Lehrstuhl Hochfrequenztechnik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg ausgegründet und im letzten Jahr ebenfalls mit dem IHK-Gründerpreis ausgezeichnet. „Wir sind seit dem ersten Gründungstag auf Messen“, sagte Co-Geschäftsführer Mark Sippel. Start-up-Zonen auf Messen, die etwa auch Bayern Innovativ ausrichtet, seien ein gutes Forum, weil sie Entscheider aus großen Unternehmen anzögen.
Angesichts der rasant voranschreitenden Drohnentechnologie sind die von Golden Devices entwickelten und produzierten Antennen- und Waveguide-Lösungen für Radar- und Kommunikationsanlagen gefragt. Die Komponenten kommen aber auch in Automobilindustrie, Industrieautomatisierung sowie Luft- und Raumfahrt zum Einsatz. Die Kompetenz des Jungunternehmens liegt im 3D-Druck von Komponenten, die bis zu einem halben Meter groß sein können. Die Wertschöpfung reicht vom kundenspezifischen Design und Prototypenbau bis zu Tests und Serienfertigung. In diesem Jahr will das Jungunternehmen auf 30 Mitarbeiter anwachsen. „Die Rekrutierung ist einfach“, so Sippel. „Wir sind universitätsnah und bekommen viele Initiativbewerbungen.“ (https://golden-devices.com)
„Wir haben uns auf das Head-Hunting im Defense-Bereich spezialisiert“, erklärte Max Kühnl, der im letzten Jahr zusammen mit Tim Zychacek die Mission:Hire UG in Fürth gegründet hat. Sie waren Partner der „Enforce Tac Jobzone“, die Nachwuchstalente sowie Fachkräfte der Sicherheits- und Verteidigungsbranche mit Ausstellern zusammenbrachte. Trotz des begrenzten Besucherkreises gebe es ein großes Interesse von potenziellen Bewerbern. So informierten sich auf der Messe Soldaten darüber, wie sie nach dem Ende ihrer Bundeswehr-Zeit den Sprung in die Wirtschaft schaffen können. Zudem unterstützt Mission:Hire Defense-Unternehmen dabei, ihre Recruiting-Prozesse zu verbessern (https://missionhire.de).
Messe schärft Profil beim Thema Sicherheit
Auch die NürnbergMesse selbst hatte über das Ausstellergeschäft hinaus Akzente gesetzt, um die Rolle der Enforce Tac als deutsche Branchenleitmesse zu festigen. Dazu fand beispielsweise erstmals die „Enforce Tac Conference“ statt: Sie widmete sich der Zukunft der Sicherheitselektronik, die als Rückgrat moderner Sicherheits- und Verteidigungstechnologien gilt. Der Messestandort Nürnberg hat in den letzten Jahren Profil beim Thema Sicherheit gewonnen, denn neben der Enforce Tac finden hier zwei weitere wichtige Fachmessen statt: die it-sa, Europas Fachmesse für IT-Sicherheit, die erstmals selbst mit einem kleinen Gruppenstand auf der Enforce Tac präsent war, sowie die Perimeter Protection, die internationale Fachmesse für Gebäudeschutz in allen sicherheitsrelevanten Dimensionen. Die NürnbergMesse will ihre Kompetenz beim Thema Sicherheit weiter schärfen und bewirbt den Messestandort deshalb unter dem Motto „Drei Messen. Ein Ziel. Europas Sicherheit.“
Dieses Profil ist auch deshalb wichtig, weil der SVI-Boom auch andere Messeplätze aktiv werden lässt. Deshalb wurde es als wichtiges Signal gewertet, dass der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) seit diesem Jahr die ideelle Trägerschaft der Enforce Tac übernommen hat. Flankenschutz kommt zudem von der Bayerischen Staatskanzlei, die der Messe stärkere europäische Geltung verschaffen will. Die NürnbergMesse rechnet jedenfalls damit, dass die Enforce Tac 2027 weiter wächst. (tt.)
Webcode: N2070