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IHK‑Kammergespräch mit Dr. Helena Melnikov: "Auch die Wirtschaft steht vor einer Zeitenwende."

Erschienen am 21.01.2026

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Am 20. Januar 2026 fand das erste IHK‑Kammergespräch des Jahres statt. IHK‑Präsident Dr. Armin Zitzmann begrüßte die Gäste zu einem hochkarätig besetzten Austausch mit Dr. Helena Melnikov, Hauptgeschäftsführerin der Deutschen Industrie‑ und Handelskammer (DIHK).

Dr. Armin Zitzmann: „Mittelfranken ist eine sehr vielfältige Region.“

Zitzmann sprach in seiner Einführung insbesondere über die wirtschaftliche Stärke Mittelfrankens und verwies auf die Auszeichnung der Region als „Regional Innovation Valley“ durch die EU‑Kommission. Nürnberg beispielsweise verzeichne hohe Gewerbesteuereinnahmen und sei ein bedeutender IT‑ und Forschungsstandort. Gleichzeitig habe die Region mehrfach tiefgreifende Strukturbrüche bewältigt und gehe aktiv in Transformationsfelder wie Robotik, neue Geschäftsmodelle im ländlichen Raum wie zum Beispiel dem Fränkischen Seenland oder die Diversifikation des Automobilzuliefersektors. Zitzmann betonte auch die Bedeutung einer starken Zusammenarbeit bei der Fachkräftezuwanderung nach Mittelfranken.

Dr. Helena Melnikov: „Perspektiven 2026 – Kommt die Trendwende?“

Dr. Helena Melnikov zeichnete ein Bild der geopolitischen und wirtschaftlichen Lage, die den Handlungsspielraum deutscher Unternehmen 2026 maßgeblich bestimmt. Seit ihrem Amtsamtritt Anfang 2025  gebe es ständig weltpolitische Umwälzungen, die eine Planung fast unmöglich machen.

Die USA nutzten wirtschaftspolitische Maßnahmen zunehmend als geopolitisches Druckmittel, was sich in den neuen Zöllen und in der deutlich verschärften Tonlage gegenüber Europa zeige. Die jüngsten Konflikte – etwa der Streit um Grönland – seien Ausdruck einer grundsätzlichen Unberechenbarkeit. Für Deutschland bedeute dies, dass wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mehr denn je zu einem geopolitischen Faktor geworden sei. Wachstum sei nicht nur betriebswirtschaftlich relevant, sondern entscheide auch über politische Stabilität und strategische Eigenständigkeit.

China trete im Gegensatz dazu als langfristig planender Akteur auf. Melnikov berichtete von ihrer jüngsten Reise nach Shanghai und Peking und schilderte, wie konsequent das Land seine industriepolitischen Ziele verfolge. China setze massiv auf eigene Wertschöpfung, stelle technologische Gleichwertigkeit her und vermeide Abhängigkeiten. Die europäische Abhängigkeit von chinesischen Rohstoffen – etwa bei seltenen Erden – sei nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein sicherheitspolitisches Thema. Ohne diese Rohstoffe sei zudem die Energiewende schlicht nicht umsetzbar.

Diversifikation in Richtung neuer Partner sei daher wichtig, doch bleibe sie kein Ersatz für die bestehenden Kernmärkte. Länder wie Indien böten erhebliche Potenziale, allerdings sei der deutsche Handel mit Indien im Vergleich zu China oder den USA nach wie vor klein. Das Mercosur‑Abkommen sei ein wichtiges Signal, werde jedoch erst mittelfristig wirtschaftliche Wirkung entfalten. Die zentrale Botschaft lautete: Deutschland brauche neue Partner – ohne aber die alten zu verlieren.

Besonders eindringlich forderte Melnikov eine grundlegende wirtschaftspolitische Neuausrichtung in Deutschland. Einzelne Maßnahmen der Bundesregierung, wie Investitionsprogramme oder geplante steuerliche Entlastungen, seien Schritte in die richtige Richtung, aber angesichts der wirtschaftlichen Gesamtlage nicht ausreichend. Notwendig seien spürbar niedrigere Energiekosten, deutlicher Bürokratieabbau, schnellere Genehmigungsprozesse und eine effizientere, digitalere Verwaltung. Auch steuerliche Impulse müssten früher wirken, um Investitionen zu erleichtern und international wettbewerbsfähig zu bleiben.

Melnikov machte deutlich, dass Deutschland sich weiterhin in einer langen, historisch einmaligen Schwächephase befinde. Viele Unternehmen investierten derzeit vor allem in Effizienz – nicht in Wachstum. Ohne eine politische Kurskorrektur bestehe die Gefahr, dass der Standort dauerhaft an Dynamik verliere. Wachstum sei daher der Schlüssel, um Wohlstand zu sichern, Fachkräfte zu gewinnen und global handlungsfähig zu bleiben.

Diskussion und Abschluss

In der anschließenden Diskussion berichtete Melnikov u. a. über die Praxis der politischen Arbeit der DIHK. Die IHK-Organisation sei auch deswegen ein gefragter Partner in Berlin und Brüssel, weil sie im Gegensatz zu den Verbänden das Gesamtinteresse der Wirtschaft vertreten müsse. Bei der Analyse der Probleme und Herausforderungen des Standorts Deutschland sei man sich mit der Politik weitgehend einig, die Unterschiede lägen meist in der Bewertung der Dringlichkeit und der Wahl der Instrumente.

Die DIHK stehe im engen und steten Kontakt mit den Ministerien. Auf diese Weise sei es beispielsweise gelungen, eine beträchtliche Zahl von IHK-Positionen im Koalitionsprogramm zu platzieren. Die DIHK bringe zudem regelmäßig konkrete Beispiele aus den Unternehmen in Konsultationen und Stellungnahmen ein, um politische Entscheidungen praxisnäher zu gestalten. Unterschätzt werde zudem, dass die DIHK vielfach problematische Regelungen von vorneherein verhindern konnte. Mit den anderen Spitzenverbänden, insbesondere BDI, BDA und ZDH, arbeite die DIHK eng zusammen, was den Anliegen der Wirtschaft noch mehr Geltung in der Politik verschaffe. 

Inhaltlich ging es in der Diskussion u. a. auch um das Thema Fachkräftesicherung, insbesondere um die Zuwanderung von Fachkräften. Sie sei für Deutschland unverzichtbar, für deren Gestaltung setze sich die IHK-Organisation intensiv ein. Melnikov würdigte in diesem Zusammenhang die Aktivitäten der IHK Nürnberg für Mittelfranken, die über die Region hinaus Beachtung fänden, und hob dabei die geplante „Work and Stay“-Agentur in Mittelfranken hervor, die von der IHK maßgeblich vorangetrieben wurde.

Ihren Aufenthalt in Nürnberg –  dem „Kompetenzzentrum für Arbeitsmarkt und Fachkräftesicherung“ (IHK-Hauptgeschäftsführer Markus Lötzsch) – nutzte Melnikov für ein volles Gesprächsprogramm. Stationen waren die Bundesagentur für Arbeit, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die Anerkennungsstelle IHK FOSA sowie die Aufgabenstelle für kaufmännische Abschluss- und Zwischenprüfungen (AkA), die bei der IHK Nürnberg für Mittelfranken angesiedelt ist.

Live-Mitschnitt des IHK-Kammergesprächs

Wir haben das Kammergespräch live aus dem Atrium im Haus der Wirtschaft am Nürnberger Hauptmarkt übertragen. Den Mitschnitt des Livestreams finden Sie hier.

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