Rüstungstechnik wird zur Innovationsmaschine
Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI) entwickelt sich in Deutschland und Europa zum Treiber von Transformation und Innovation. Der Freistaat Bayern ist als Standort der Branche bereits gut aufgestellt, zahlreiche Unternehmen, Start-ups und Hochschulen sind hier zu finden. Aber der Boom der Verteidigungswirtschaft bietet auch Chancen für andere Branchen, die sich stark im Wandel befinden und neue Betätigungsfelder suchen. Das gilt in Mittelfranken beispielsweise für zahlreiche Autozulieferer. Sie bringen teilweise hochspezifische Fähigkeiten auf Feldern wie Sensorik, Automatisierung, Robotik oder Materialwissenschaft mit, sagt Dr. Ronald Künneth, Experte für Technologietransfer der IHK Nürnberg für Mittelfranken: „Unsere Unternehmen sind Spitze bei der Optimierung ihrer Prozesse. Wir müssen dieses Know-how auch für innovative neue Produkte in neuen Märkten nutzen.“
Die IHK hat deshalb ihre Aktivitäten stark ausgeweitet, um Unternehmen an die SVI heranzuführen. Diesem Ziel diente auch die Veranstaltung „Chancen für den deutschen Mittelstand in der ukrainischen SVI“, die die IHK am Rande der Enforce Tac in Nürnberg organisiert hatte – der deutschen Leitmesse für Verteidigung und Sicherheit (siehe Seiten 26 bis 29). Die ausgebuchte Veranstaltung beleuchtete Aspekte wie Marktzugang, technologische Eignung sowie ganz praktische Fragen der Zusammenarbeit mit einem Land, das sich im Krieg befindet.
Matthias Puschnig, Oberst im Generalstabsdienst (i.G.) und im Ukraine-Stab des Bundesverteidigungsministeriums, beschrieb in seiner Keynote den Rüstungsmarkt Ukraine: Der Abnutzungskrieg gegen die russische Invasion sorge für „immens schnelle Innovationszyklen“. So können beispielsweise Drohnen mittlerweile immer höher fliegen, sind teils mit Jet-Antrieben ausgerüstet oder kommen zum Abfangen feindlicher Drohnen zum Einsatz. Puschnig sprach von einer „Innovationsmaschine“, bei der neue Technologien nur noch wenige Monate bis zur Auslieferung an die Front benötigen. Diese Dynamik wird stark von Start-ups mitgetragen, die neue Technik vielfach an die großen Rüstungsunternehmen zuliefern.
Tech-Cluster in der Ukraine
Für die Kontaktanbahnung mit ukrainischen Partnern aus Wirtschaft, Start-up-Szene und Militär können beispielsweise diese Portale in der Ukraine dienen:
- „Brave1“ (Ukrainian Defense Tech Cluster) ist die zentrale staatliche Innovations- und Koordinations-Plattform für militärische und Dual-Use-Technologien, z. B. Drohnen, KI, Sensorik, Software und Fahrzeuge (https://brave1.gov.ua).
- „Iron“ (Ukrainian Defense Tech Cluster): Das Verteidigungs-Technologie-Cluster in Lviv führt u. a. Akteure aus den Bereichen Drohnen, Robotik, Elektronik, Kommunikation und Produktion zusammen (https://ironcluster.org).
- Ukrainian Start-up Fund – Defense Stream: Der staatliche Frühphasen-Fonds unterstützt Start-ups aus den Bereichen Defense und Dual Use (https://usf.com.ua).
Die drei wichtigsten Kriterien für erfolgreiche Geschäfte in der Ukraine sind laut Oberst Puschnig „Präsenz, Präsenz, Präsenz“. Die Unternehmen müssten eigene Entwickler vor Ort beschäftigen. Nur so könne man die Erprobung der Technologien vor Ort an der Front sinnvoll begleiten und die taktischen, operativen und logistischen Probleme verstehen. Zwar seien die ukrainischen Beschaffungsbehörden selbst im Vergleich zu Deutschland sehr bürokratisch, dennoch gebe es einen schnellen technologischen Wandel durch den engen Frontkontakt. Außerdem kaufen die Brigaden der ukrainischen Armee auch selbst ein. Um hier ins Geschäft zu kommen, ist eine Abstimmung mit den Kommandeuren vor Ort erst recht entscheidend. Für den Einstieg in der Ukraine empfiehlt der Oberst ein Joint-Venture oder eine Partnerschaft mit einem erfahrenen Unternehmen.
Der andere Weg für Unternehmen, die im ukrainischen SVI-Sektor tätig werden wollen, führt über das BAAINBw (Bundesamt für Ausrüstung, IT und Nutzung der Bundeswehr). Einstellen muss man sich allerdings auf einen beträchtlichen Katalog an Anforderungen, die es bei zivilen Auftraggebern so nicht gibt, beispielsweise die Sicherheitsüberprüfung von Mitarbeitern als auch besondere Vorgaben für die Produkte (z. B. umfassende Prüfungen, Dokumentationen bis auf Ebene der Bauteile). Dafür übernimmt am Ende das Bundesverteidigungsministerium die Kosten für die Lieferung deutscher Wehrtechnik an die Ukraine. Beim Markteinstieg unterstützt u. a. auch die Deutsch-Ukrainische Auslandshandelskammer (AHK). Mittelständischen Unternehmen, die erfolgreich in das ukrainische Rüstungsgeschäft eingestiegen sind, rät Puschnig, danach diese Erfahrungen für ein Engagement im westeuropäischen Rüstungsmarkt zu nutzen. Dort seien Erfahrungen aus der Ukraine gefragt und man könne einen Teil der Anlaufkosten wieder einspielen.
Bestehende Technologien schnell anpassen
Über Hürden im Ukraine-Geschäft berichtete Roberta Randerath, Director Business Development von der ARX Robotics GmbH aus Oberding. Das Unternehmen ist ein Robotik-Spezialist für unbemannte Bodensysteme. Diese fahrenden Ketten-Drohnen dienen etwa für Materialtransporte zur Front oder die Evakuierung von Verwundeten. Anfang 2024 wurden erste Systeme in die Ukraine geliefert. „Damit sind wir dramatisch gescheitert, wir waren nicht fronttauglich.“ Als Gründe nennt sie die Sicherheitskomponenten, die für den Einsatz in Friedenszeiten konzipiert waren. So setzten die Notaussysteme und Feststellbremsen die Geräte im Fronteinsatz außer Betrieb. Zudem konnten die Sensorik-Systeme für das autonome Fahren von den Russen schnell aufgeklärt werden. ARX Robotics arbeitet nun mit zwei Systemen – eines für den Einsatz in Friedenszeiten und eines für den Kriegseinsatz. Für die Front sind modulare Systeme und offene Schnittstellen gefragt, um Anforderungen schnell anzupassen. „Wir lernen jede Woche dazu“, betonte Randerath. Sie ist sich sicher, dass der Innovationswettlauf auch nach einem Waffenstillstand weitergehen wird: „Es gewinnt nicht die stärkste, sondern die anpassungsfähigste Armee.“
Die Avilus GmbH aus Ismaning fertigte in ihren Anfangszeiten vor allem Fahrzeuge für den Sanitätsdienst. Laut Gesellschafterin Cathrin Wilhelm, die auch Mittelstandsbeauftragte beim Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) ist, liegt der Fokus auf großen Drohnen. Diese „fliegenden Krankentragen“ evakuieren beispielsweise Verwundete aus drohnenüberwachten Frontgebieten oder transportieren Material an die Front. Um die Produktion hochzufahren, sei man auf der Suche nach einem globalen Partner. Außerdem kooperiert Avilus mit dem Rüstungsunternehmen Hensoldt, um Drohnen zur Seeraum-Überwachung zu entwickeln.
Schlüsseltechnologie Leistungselektronik
Technische Unterstützung bei der Weiterentwicklung von Dual-Use-fähigen Anwendungen bietet das Fraunhofer-Institut für Integrierte Systeme und Bauelementetechnologie (IISB) aus Erlangen. „Leistungselektronik ist eine Schlüsseltechnologie für Verteidigung und Sicherheit“, unterstrichen Institutsleiter Prof. Dr. Jörg Schulze und der IISB-Verteidigungsbeauftragte Florian Hilpert. Das Institut deckt durch seine langjährige Forschung die gesamte Wertschöpfungskette in der Leistungselektronik von Material und Kristallzucht über Wafer und Packaging bis zum Prototyp ab. Das Institut könne wie ein Ingenieurbüro schlüsselfertige Systeme entwickeln, etwa eine Antriebseinheit für Langstrecken-Aufklärungs-Drohnen oder einen Batteriecontainer für die resiliente Energieversorgung im Feld.
Adrian Schairer, Geschäftsführungsmitglied der Deutsch-Ukrainischen Auslandshandelskammer (AHK), bescheinigte den Menschen in dem Land auch nach vier Jahren Angriffskrieg „hohe Resilienz und Widerstandswillen“. Auch er nannte als häufigsten Fehler deutscher Unternehmen, zu wenig Präsenz vor Ort zu zeigen. Reisen seien für Unternehmensvertreter möglich, bisher seien nach seiner Kenntnis keine westlichen Geschäftsleute zu Schaden gekommen. Als erste Schritte auf den Markt empfahl er beispielsweise Messebeteiligungen, Delegationsreisen und Kontakttage, wie sie von AHK und Verbänden organisiert werden.
Bei der Podiumsrunde wurde u. a. die problematische Finanzierung für den Mittelstand angesprochen, denn häufig legen die Kreditinstitute die ESG-Kriterien (Umwelt-, Sozial- und Führungsaspekte) eng aus. Dann fällt Rüstung unter die ESG-Ausschlusskriterien, wie etwa auch Prostitution, Kinderarbeit oder Drogen. Solche Hindernisse sollten sich aber im direkten Gespräch mit den Vorständen der Geldhäuser ausräumen lassen, so die Erfahrung der Experten. Das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) ist bestrebt, Vergaben möglichst auf mehrere Lose aufzuteilen. Dadurch bekämen auch Mittelständler gute Chancen, so die Erfahrung der Diskussionsteilnehmer. Sie unterstrichen aber auch, dass der Einstieg in das Rüstungsgeschäft einen langen Atem verlangt. „Die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt“, machte IHK-Hauptgeschäftsführer Markus Lötzsch am Ende der Veranstaltung den Teilnehmern Mut. „Diese Veranstaltung war der erste Schritt.“
Auch wenn Deutschland es sich lange unter der Decke der sogenannten „Friedensdividende“ gemütlich gemacht hat: Mittlerweile ist man durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine aufgewacht. So wird die Bundeswehr mit Milliardensummen modernisiert und aufgerüstet. Aber auch der inländische Schutz kritischer Infrastrukturen ist aufgrund von Sabotageakten und Drohnenspionage in das Blickfeld gerückt. Darauf wies Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), bei der DIHK-Konferenz „Sicherheits- und Verteidigungspolitik als Standortfaktor“ hin. Die Branche sei für die deutsche Wirtschaft ein zunehmend wichtiger Standortfaktor. Umgekehrt könne der Staat die Herausforderungen bei der Verteidigung nur mit einer starken wirtschaftlichen Basis meistern. Dafür müssten allerdings die staatlichen Rahmenbedingungen noch schneller und praxistauglicher werden. Entscheidend seien beschleunigte Planungs- und Genehmigungsverfahren, weniger bürokratische Hürden wie langwierige Sicherheitsüberprüfungen sowie klare und moderne Regeln für den Reservisten- und Wehrdienst.
Gesetz beschleunigt die Beschaffung
Um mehr Tempo in die Ausrüstung der Bundeswehr zu bekommen, ist im Februar eine Neufassung des Bundeswehr-Beschaffungs-Beschleunigungsgesetzes (BwBBG) von 2022 in Kraft getreten. Neu sind insbesondere umfassende Erleichterungen beim Vergaberecht. Sie gelten erstmals nicht nur für die Militärausrüstung, sondern auch für alle öffentlichen Aufträge zur Deckung von Bedarfen der Bundeswehr.
Mittlerweile sei die Beschaffung auch auf europäischer Ebene flexibler geworden, sagte Brigadegeneral Dr. Volker Pötzsch auf dem „Mittelstandsforum – Wirtschaftsmotor Defense Nürnberg“, das die Beratungsgesellschaft PwC Germany in Nürnberg veranstaltet hat. „Wir sind als Europäer in der Lage, Skalierung bei der Rüstungsproduktion zu erreichen, wenn große Unternehmen und Mittelstand zusammenfinden.“ Denn eine stärkere Einbindung des gesamten Mittelstands verbreitere die Basis bei der Beschaffung und sei damit im Interesse der Streitkräfte.
Start-ups spielten hier eine immer größere Rolle, ergänzte Anna Lena Hohmann, Senior Managerin bei PwC: Es gebe einen Mentalitätswechsel, die Notwendigkeit von Defense-Themen werde nicht mehr angezweifelt. Diesen Wandel bestätigte auch Dr. Judit Klein vom Nürnberger Gründerzentrum Zollhof: Früher stand bei den Jungunternehmern häufig die Nachhaltigkeit im Fokus, heute registriert sie einen hohen Anteil von Start-up-Bewerbungen mit Defense-Bezug. (tt.)
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