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Versorgung wird kritisch

15.07.2026

In vergangenen Zeiten scheint der Einkauf von Rohstoffen kein vorrangiges Problem gewesen zu sein. In den Lehrbüchern der Betriebswirtschaftslehre geht es vor allem darum, sie für die Produktion günstig zu beschaffen. Mittlerweile hat sich der Begriff kritische Rohstoffe etabliert. „Sie haben sich von industriellen Betriebsmitteln zu strategischen Wirtschaftsgütern entwickelt“, sagte Edda Wolf beim IHK-Webinar „Strategien der Rohstoffsicherung: Politische Ansätze in China, den USA und der EU“. Die Leiterin des Bereichs Rohstoffe bei Germany Trade and Invest (GTAI) mahnte die Wirtschaft deshalb zu mehr Aufmerksamkeit. Schon jetzt seien Engpässe für Technologie, Energie und Verteidigung festzustellen.

Die knappen Rohstoffe finden sich in E-Autos und Smartphones genauso wie in Drohnen und Robotern. Auch für Rechenzentren, mit denen Clouds und KI vorangetrieben werden, sind sie unerlässlich. „Ohne Seltene Erden, Kupfer und andere Rohstoffe können moderne Hochtechnologien nicht funktionieren“, sagte Wolf. Sie finden sich in Vorprodukten, die zentrale Bausteine für die Produktion sind. Beispielsweise die Seltenen Erden Samarium, das Magneten hitzebeständig macht, oder Erbium, das die Leistung von Glasfaserkabeln verstärkt, und Dysprosium, das eine wichtige Rolle für den Ausbau erneuerbarer Energien spielt.

Verarbeitung von Seltenen Erden als Engpass

Das eigentliche Problem liegt allerdings weniger in den Vorkommen von Seltenen Erden und anderen Rohstoffen, die meist gar nicht so selten sind. „Der eigentliche Engpass sind Verarbeitung, Veredelung und Magnetproduktion“, unterstrich Wolf, „Denn diese Stufen sind hochkonzentriert in China zu finden.“ Das Reich der Mitte sei langfristig und strategisch vorgegangen und dominiert mittlerweile die Veredelung von vielen Rohstoffen. Bei den sogenannten schweren Seltenen Erden wie etwa Dysprosium liegt das chinesische Marktgewicht bei über 90 Prozent. Bei Wolfram oder Kobalt kontrolliert China die Veredelung zu teils deutlich mehr als zwei Dritteln. Die Rohstoffverarbeiter in Australien, Südafrika, USA, Russland und weiteren Regionen haben in deutlich weniger Bereichen eine führende Rolle. Hinzu kommt, dass China seit 2023 rund 340 Mrd. US-Dollar im Ausland investiert hat, um sich weltweit kritische Rohstoffe zu sichern. Aber auch Nationen wie USA, Japan, Südkorea, Indien und Saudi-Arabien nehmen am Wettlauf um Rohstoffe teil.

China geht strategisch vor

„China ist der dominierende Raffinerie-Betreiber für 19 von 20 strategischen Rohstoffen für Energiewende und High-Tech“, berichtete Wolf. Diese Abhängigkeit betrifft also Batterien und Stromnetze, Datenspeicherzentren, Quantencomputing und Photonik, aber auch Verteidigung sowie Luft- und Raumfahrt. Als Teil einer koordinierten „Green Energy Governance“-Strategie strebe China bei erneuerbaren Energien die Kontrolle der gesamten Wertschöpfungskette vom Abbau über die Verarbeitung bis hin zur jeweiligen Produktfertigung an. Neben seiner bereits bestehenden Präsenz in Afrika, Lateinamerika und Südostasien verfolgt China nun als neuen Ansatz verstärkt kooperative Modelle mit Gastländern: Diese nutzen chinesisches Kapital und Technologie, um so lokale Industriekapazitäten, Infrastruktur und Beschäftigung auszubauen. Im Gegenzug erhält das Riesenreich langfristige Rohstoffzugänge und die Kontrolle über kritische Wertschöpfungsstufen und Lieferketten. Dabei stehen vor allem Lithium, Seltene Erden, Nickel und Kobalt im Fokus.

Außerdem setzt China gezielt seine Marktmacht als oftmals weltgrößter Nachfrager ein und hat dafür seinen Rohstoffeinkauf in der eigens gegründeten China Mineral Resources Group zentralisiert. So wird die enorme Nachfragemacht der chinesischen Stahlindustrie gebündelt, um günstige Preise bei den internationalen Minenkonzernen zu erzielen.

China als Weltwirtschaftsriese untermauert seine Vormachtstellung bei vielen Rohstoffen durch eine Beschränkung der Ausfuhren. Wolf identifiziert dort „Exportkontrollen als handelspolitisches Instrument im Kampf um technologische Vorherrschaft und Weltmarktanteile“. Zum juristischen Werkzeugkoffer gehört beispielsweise der „Catalogue of Goods Subject to Export Licensing“ (Warenverzeichnis, für die eine Ausfuhrgenehmigung erforderlich ist). Demzufolge ist seit 2025 eine entsprechende Genehmigung für 43 Exportgüter etwa für Natursand, Bauxit und Seltene Erden sowie Erzeugnisse daraus notwendig. Chinas „Catalogue of Technologies Prohibited or Restricted from Export“ (Verzeichnis der Technologien, deren Export verboten oder beschränkt ist) enthält insgesamt 23 verbotene und 109 beschränkte Technologien. Dazu zählen auch Technologien, die für Abbau, Verarbeitung und Nutzung von Seltenen Erden eingesetzt werden können.

Sensible Informationen bei der Bestellung

Die verschärften Exportkontrollen sind laut Wolf bis November dieses Jahres ausgesetzt. Die sich andeutenden Folgen dürften aber von europäischen Unternehmen nicht unterschätzt werden. So kann künftig nur ein chinesisches Exportunternehmen mit enger Zusammenarbeit mit dem europäischen Kunden überhaupt einen Lizenzantrag stellen. Außerdem sind aus europäischer Sicht sensible Informationen bereits bei der Antragstellung preiszugeben. Dazu zählen Art und Menge des Materials, die Wertschöpfungskette und der Endverwendungszweck sowie auch Identität und Dokumentation des Endnutzers. „Das Ganze wertet China mit Künstlicher Intelligenz aus“, so Wolf.

Noch einen Schritt weiter geht der Entwurf zu Chinas „National Reserves Security Law“ (Gesetz zur nationalen Reservesicherheit der VR China), der allerdings noch nicht verkündet ist. Damit würde Peking die Rohstoffkontrolle nicht mehr als Verwaltungsakt behandeln, sondern in Form eines Sicherheitsgesetzes institutionalisieren. Neben diesem verändertem Rechtsrahmen beinhaltet das Vorhaben neue Steuerungsinstrumente. So ist künftig eine Pflichtlagerhaltung für strategische Minerale vorgesehen, die nicht frei verkauf- und exportierbar ist. Außerdem räumt sich die chinesische Regierung massive Eingriffsrechte ein. So kann sie einfach verbindliche Exportverträge aussetzen und das Angebot in den Binnenmarkt umlenken.

Außerdem sieht die Rohstoff-Expertin des GTAI auch empfindliche geopolitische Komponenten im National Reserves Security Law: „Die politische Linientreue wird Lieferbedingung.“ Deshalb könnten Organisationen und Personen, die „gegen Chinas Souveränitäts- oder Entwicklungsinteressen handeln“, ausgeschlossen werden. Dem Vorbild der USA mit ihrer extraterritorialen Rechtsauffassung, wonach US-Recht überall gilt, wo amerikanische Produkte und Dienstleistungen zum Einsatz kommen, soll auch das neue Gesetz folgen.

Vorratshaltung wird zur Sicherheitsfrage

„Das geplante Gesetz zur nationalen Reservesicherheit der Volksrepublik China ist kein technisches Detail, sondern ein grundlegender Paradigmenwechsel“, unterstrich Wolf, die auf Deutschland und die EU empfindliche Folgen zukommen sieht. Dazu zähle das Risiko einer plötzlichen Exportverengung, gerade weil klassische Markt- und Frühwarnmechanismen nicht mehr greifen. Deshalb rät sie beim Rohstoffeinkauf zu einer Diversifizierung. Zudem bekomme eine angemessene Vorratshaltung eine akute sicherheitspolitische Relevanz.

Im Kampf der Giganten um Rohstoffe hat auch die USA administrativ und juristisch hochgerüstet, um eine „China-freie“ Lieferkette für z. B. Verteidigung, Halbleiter und E-Mobilität zu bekommen. So wurden unter anderem Bergbau und Raffination sowie entsprechende Genehmigungsverfahren für Rohstoffprojekte erleichtert. Den beiden Ministerien für Verteidigung und Energie wurden Finanzierungsbefugnisse und Abnahmerechte übertragen, um Projekte zu unterstützen, die als kritisch für die nationale Sicherheit gelten. Der One Big Beautiful Bill Act ermöglicht dem Pentagon nicht nur Kredite und Garantien, sondern auch staatliche Eigenkapitalbeteiligungen an Rohstoffunternehmen. In dieser staatskapitalistischen Rohstoffstrategie sieht Wolf einen Bruch mit Marktprinzipien. Zudem wollen die USA einen von ihnen geführten Rohstoffhandelsblock schaffen - eine „America first!“-Strategie, der auch „befreundete Länder“ folgen können.

Gegenmaßnahmen der EU

Im Schatten der beiden Supermächte verfolgt auch die Europäische Union eine Strategie für mehr Rohstoffsicherheit sowie eigene Förderung und Verarbeitung. Um die Eigenständigkeit bei der Rohstoffversorgung zu stärken, setzt der Critical Raw Materials Act (CRMA) bis 2030 mehrere Ziele: So sollen mindestens zehn Prozent des EU-eigenen Verbrauchs aus dem Bergbau innerhalb der EU stammen und zu mindestens 40 Prozent auch hier verarbeitet werden. Mindestens ein Viertel des jährlichen EU-Bedarfs soll aus Kreislaufwirtschaft und Recycling stammen.

Zudem soll ein strategisches Bestandsmanagement Lagerhaltungsprogramme koordinieren und mit einer sichereren Versorgung in Einklang bringen. Auch internationale Partnerschaften mit verbündeten Nationen sollen den Bedarf an kritischen Rohstoffen mit sichern. Außerdem will die EU die Forschung zu alternativen Technologien, Ersatzstoffen oder Designs verstärken, die einen geringeren Rohstoffbedarf haben.

Für Wolf ist es unabdingbar, dass Unternehmen aus dem rohstoffarmen Deutschland beim Global Sourcing umdenken und neue Bezugsquellen außerhalb Chinas und den USA erschließen. Im Zentrum müsse die Frage stehen: „Wie sichern wir uns Kompetenzen, Resilienz und Kontrolle?“ Dafür sollten Unternehmen ihre Lieferketten durchleuchten und mögliche Engpässe identifizieren. Außerdem wäre es gut, sich auf mehr Exportkontrollen und Zölle vorzubereiten – gerade bei Materialien mit strategischer oder militärischer Bedeutung. Wenn man sicherheitshalber höhere Rohstoffbestände auf Lager hat, lassen sich dadurch Preisspitzen oder Störungen an den Rohstoffmärkten abfedern. Und die Unternehmen sollten sich auch an der „EU-Energie- & Rohstoffplattform“ (https://energy-platform.ec.europa.eu/) beteiligen und sich dort registrieren.

(tt.)

www.gtai.de/de/trade/specials/kritische-rohstoffe

Webcode: N2330