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Ein buntes Bild bieten die mittelfränkischen Unternehmen, die von Menschen mit Einwanderungsgeschichte gegründet wurden. Sie decken eine große Bandbreite von Branchen und Geschäftsmodellen ab – und gehen damit weit über das übliche Klischee von Döner-Buden, Barbershops oder Handy-Läden hinaus. Ihre Bedeutung für die Gesamtwirtschaft hat stark zugenommen. Das zeigen auch die Daten des Instituts für Mittelstandsforschung (ifm) der Universität Mannheim, das zum sogenannten „Migrant Entrepreneurship“ forscht: In den letzten beiden Jahrzehnten ist die Zahl der Selbstständigen mit ausländischem Pass prozentual in etwa dreimal so stark angestiegen wie die der deutschen. Hinzu kommen natürlich noch jene mit Migrationshintergrund und deutscher Staatsbürgerschaft. Laut ifm steht die „ethnische Ökonomie“ im ganzen Land für etwa zwei Mio. Arbeitsplätze und eine wachsende Zahl an Ausbildungsplätzen. Außerdem sinkt seit Jahren der Anteil von Gastgewerbe und Handel, während der von – teils wissensintensiven – Dienstleistungen stark wächst.

Dynamische Gründungsszene

Diese Entwicklung kann auch IHK-Experte Alexander Fortunato bestätigen: „Rund jede fünfte Gründung in Deutschland geht auf Menschen mit Einwanderungsgeschichte zurück. Diese Dynamik spüren wir auch bei unseren Beratungen in Mittelfranken.“ Anders sehe es allerdings beim Thema Nachfolge aus: Weder bei der IHK-Beratung noch für die Nachfolgebörse „nexxt-change“ sei eine nennenswerte Zahl von Anfragen hierzu eingegangen. Auch die Wirtschaftsförderung Nürnberg bestätigt, dass Menschen mit Migrationshintergrund seit Jahren ein stetig wachsendes Interesse an der Selbstständigkeit zeigten. Sowohl Personen der ersten als auch der zweiten Generation treten verstärkt mit konkreten Gründungsideen auf.

Die „Migrant Entrepreneurship“ ist keine homogene Gruppe bezüglich Herkunft und Motivation sowie Branche und Firmengröße, sondern steht für individuelle und unternehmerische Vielfalt. Trotzdem prägt das Zerrbild der sogenannten „Gastarbeiter“, von denen die ersten vor 65 Jahren aus der Türkei und später aus Italien kamen, bis heute das migrantische Unternehmerbild. Dabei ist die zweite oder dritte Generation teils bestens qualifiziert, teils mit Hochschulabschluss in der Tasche. Dazu zählen auch Spätaussiedler und Osteuropäer, die nach der EU-Osterweiterung 2004 verstärkt gegründet haben, sowie Geflüchtete seit 2015. Heute kommt fast jeder zweite Selbständige mit Migrationshintergrund aus einem EU-Land.

Die große Bandbreite unterstreicht auch der Nürnberger Rechtsanwalt Emre Hizli, früherer Vorsitzender des deutsch-türkischen Unternehmervereins in der Metropolregion Nürnberg (TIAD): „Türkischstämmige Unternehmer stellen eine etablierte Kraft in allen denkbaren Branchen dar.“ Dazu zählt er neben dem Handwerk auch Sparten wie Dienstleistungen, IT und Produktion sowie die freien Berufe. Zahlreiche Unternehmer agieren international, besonders natürlich im deutsch-türkischen Wirtschaftsverkehr. Insgesamt sieht er die Entwicklung der Türkischstämmigen von „Gastarbeitern“ hin zu erfolgreichen Unternehmern als Erfolgsgeschichte: „Früher haben wir uns mit Themen der Integration beschäftigt, heute scheint der Begriff der – längst stattfindenden – Teilhabe besser platziert.“

Stark in der migrantischen Gründerberatung war der Nürnberger Verein Ausbildungsring Ausländischer Unternehmer (AAU) engagiert. Laut AAU-Vorstand Rainer Wünsche, der hauptberuflich Vermögensberater ist, wird dies derzeit aber nicht mehr finanziert, sodass Beratungen nur noch sporadisch und ehrenamtlich stattfinden. Für viele Gründer sei die Selbstständigkeit eine Alternative, wenn sich die Suche nach einer Anstellung schwierig gestaltet. Als wichtige Branchen nennt Wünsche u. a. Handel und Gastronomie, Dienstleistungen, Design, Fertigung, aber auch zahlreiche Anfragen von jungen Uni-Absolventen mit Gründungsideen seien dabei. Viele Migranten seien schon in ihren Heimatländern selbstständig gewesen und sähen dies als völlig normal an. Allerdings rate der AAU bei den Beratungen etwa der Hälfte der potenziellen Gründer mangels ausgereiftem Geschäftsplan von der geplanten Selbstständigkeit ab. Aber viele der begleiteten Jungunternehmen seien heute erfolgreich tätig und hätten teilweise zahlreiche Ausbildungsstellen geschaffen, was ein besonderes Anliegen des Vereins sei.

Für Fadja Nayel, Tochter eines Ägypters, der Ende der 1960 Jahre die Nürnberger Nayel Electronic GmbH & Co. KG gegründet hatte, war der Migrationshintergrund nie ein Thema. Erst in letzter Zeit werde sie häufiger auf ihre Herkunft angesprochen. Auch als ehrenamtliche Schulpatin stellt sie fest, dass gerade Schülerinnen aus anderen Ländern sie als Rollenvorbild nehmen: „Ich habe einen Migrationshintergrund, bin eine Frau und Unternehmerin.“ Beides widerspreche den Vorstellungen der Konservativen in aller Welt. „Sie sagen bis heute, eine Frau brauche keine Bildung, wenn sie später heiratet“, sagt die gelernte Industriekauffrau und studierte Betriebswirtin, die sich auch als IHK-Vizepräsidentin engagiert. Ihr Vater Mustafa stammte aus einer wohlhabenden Familie mit umfangreichen Ländereien, die durch die sozialistische Landreform weitgehend verloren gingen. Er kam 1959 nach Deutschland, studierte BWL und arbeitete zunächst in einem Technologiekonzern. Er wollte aber nicht dauerhaft angestellt sein und übernahm zehn Jahre später die Fertigung ausgelagerter Kleinstelektronik und baute das Spektrum kontinuierlich aus. Heute führt Fadja Nayel acht Mitarbeiter, die u. a. Audio-, Computer- oder Datenkabel montieren, löten oder crimpen.

Für Pinar Aydin, alleinerziehende Mutter zweier Töchter, war die Gründung der Gebäudereinigung Elite Dienstleistungen GmbH in Heilsbronn ihr Weg in die Freiheit. Zuvor putzte die Verfahrensmechanikerin nebenberuflich, um auch ihren Mann mit durchzubringen. Sie wurde in Deutschland geboren, aber als sie ein Jahr alt war, zogen ihre Eltern zurück in die Türkei. Ihre früh verwitwete Mutter zog dann zurück nach Franken und als Aydin 17 Jahre war, wurde für sie eine traditionelle Hochzeit mit einem Mann aus der Türkei arrangiert, der kein Deutsch spricht. „Der streng muslimische Hintergrund war eine schwierige Situation“, so Aydin. So habe ihr Mann ihre Leidenschaft für Handball als unstatthaft für eine türkische Frau gehalten. Sie gründete schließlich einen „Ein-Frau-Betrieb“ und verkaufte später sogar ihr Auto, um Geld für eine Reinraum-Zertifizierung aufzubringen. Ihre Kunden waren zufrieden und empfahlen sie weiter. Sie biss sich durch immer größere Aufträge durch und trommelte dafür auch schon einmal kurzfristig eine 25-köpfige Mannschaft zusammen. Bei Bedarf holte sie sich Verstärkung von Subunternehmen oder suchte sich Experten, die ihr bei neuen Aufgaben halfen. „Bei jedem neuen Auftrag habe ich schnell gelernt, wie etwas gemacht wird“, sagt die 43-Jährige etwa mit Blick auf die damals für sie neue Baustellenreinigung. Aktuell beschäftigt sie 65 Mitarbeiter, davon zwölf in Vollzeit. „Ich möchte mit meiner Arbeit glänzen“, lautet ihre Devise. Mit diesem Anspruch hat sie etwa Sonder- und Jahresreinigungen sowie Schwimmbäder und Epoxidharzböden mit aufgenommen. Nebenbei baut sie den Vertrieb von Hygieneartikeln für Firmen auf – mit ihrer eigenen Marke Elite Dienstleistungen.

Der Weg des indischen Physikers Jaspal Sodhi, Jahrgang 1964, hin zu seiner Altdorfer LuxGlas Technology GmbH ist alles andere als typisch. „Ich bin nicht wegen der Arbeit, sondern aus Liebe zu einer deutschen Jurastudentin nach Deutschland gekommen.“ Nach Stationen bei großen Verbrauchermarken als Einkäufer entdeckte er in Italien den boomenden Markt für LED-Lichter. Das Thema kannte er von seinem Studium, aber damals waren noch keine LED-Produkte in Sicht. „Das war der Zufall meines Lebens“, denn er entschied sich 2012, seine Produktionsfirma zu gründen. Heute entwickelt er exklusive LED-Lichtlösungen, mit denen sich Weltmarken etwa auf Messen inszenieren. „Das kostet brutal viel Geld, dafür kann man sie nicht zu Dumpingpreisen in China einkaufen.“ Vor zwei Jahren brachte er unter dem Markennamen Blackglas Solarpanels auf den Markt. Das Besondere daran: Sie lassen sich im Garten als Solar-Tisch oder Solar-Zaun-Element mit oder ohne Batteriespeicher einsetzen. Zum Marktstart konnte er einen Discounter für den Vertrieb gewinnen. „Ich tue das, was andere nicht machen“, konstatiert der umtriebige Unternehmer. Und das mit Leidenschaft: „Ich will nicht in Rente gehen, ich arbeite, bis ich sterbe.“

Tony Chau, Jahrgang 1984, kam als Neunjähriger mit seiner Mutter aus Vietnam nach Deutschland. Er konnte damals kein Wort Deutsch, lebte sich aber schnell ein. Als „Kind der Gastronomie“ entschied er sich 2015, gemeinsam mit vier Partnern unter dem Dach der Nguyen und Pham GbR in die Gastronomie einzusteigen. „Man kann es allein schaffen, aber wir wollen jedes Jahr ein neues Restaurant eröffnen“, begründet er die Partnerschaft. Trotz Corona-Krise habe man bislang acht Objekte eröffnet, zuletzt im neuen Dinkelsbühler Kinokomplex das CôCô / Osmo Restaurant by Visoplex und einen Bowlingpark für gut 300 Gäste.

Die fünfköpfige GbR teilt sich die Arbeit auf: Kaufmann Chau kümmert sich um die rund 200 Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit. Seine 40 Azubis kommen überwiegend aus Vietnam und Togo. Weil er sich selbst ab dem Vorstellungsgespräch um alles kümmere, liege die Abbrecherquote im kleinen einstelligen Bereich. Ein Wert, der weit unter dem mittelfränkischen Durchschnitt sei. Dazu trage auch das Angebot eigener Mitarbeiterwohnungen bei, allein in Dinkelsbühl ist Platz für 30 Beschäftigte. Der Informatiker im Team hat für die Gastrogruppe u. a. mit Lieferbude.de eine eigene Bestell-Plattform entwickelt. Außerdem gehört eine kleine Baufirma zur Gruppe. 

Eines der wenigen Beispiele einer Übernahme ist die 1982 gegründete Graf & Kittsteiner GmbH in Nürnberg: Im Jahr 2017 wurde der in Insolvenz geratene Betrieb von Abdulghafur Karimzadah, Unternehmer mit afghanischen Wurzeln, zusammen mit zwei Brüdern übernommen. Neben dem Winterdienst gehören auch die Pflege von Grünanlagen und Hausmeisterdienste zu den Geschäftsfeldern. Seit zwei Jahren führt Emil Butoianu die Geschäfte für die Gesellschafter, die alle noch weitere eigene Betriebe lenken. Er kennt die Brüder seit seiner Grundschulzeit im Nürnberger Norden. Butoianu war 1992 als Sechsjähriger mit seinen Eltern aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Aktuell beschäftigt die Firma Graf & Kittsteiner, die u. a. auch nach den Großveranstaltungen Rock im Park oder Classic Open Air aufräumt, 30 feste Mitarbeiter sowie rund 80 Minijobber insbesondere für die Winterzeit. „Unser Ziel ist es, das Geschäft zu verdoppeln.“ Dafür werden derzeit auch zwei Azubis ausgebildet. Butoianu selbst, eigentlich gelernter Versicherungskaufmann, hat wie sein selbstständiger Vater auch ein eigenes Unternehmen gegründet. Weil er mit seiner Arbeit bei einer Versicherungsgesellschaft nicht mehr zufrieden war, gründete er die Nürnberger Aemilius GmbH, eine Firma für Dachbegrünung und -wartung.

Eine ganz andere Motivation für die Selbstständigkeit hatte Jahangir Alam: Der Krankenpfleger kam 2012 mit 17 Jahren aus Bangladesch, hat hier Schulabschluss und Ausbildung gemacht und hat seit 2024 einen deutschen Pass. Weniger wegen der großen Nachfrage, sondern um anderen Menschen zu helfen, hat er vor vier Jahren die Alam Immigration Agency UG eröffnet – eine Agentur für Migrationsberatung in der Nürnberger Südstadt. Das Geschäft beschert ihm zwar einen kleinen Ertrag, der aber noch nicht für den Lebensunterhalt reicht, sodass er seine Anstellung aufgeben könnte. „Ich habe selbst als Flüchtling so viel Hilfe bekommen, da will ich der Gesellschaft auch etwas zurückgeben“, sagt er zu seiner Motivation. Zumal windige Anbieter mit „Wuchergebühren“ für Visumsanträge, Reisepässe, Eltern- oder Wohngeld viele Ausländer um ihr Geld brächten. „Das deutsche Recht ist kompliziert“, weiß Alam aus eigener Erfahrung beim Umgang mit der Verwaltung. Aber er spricht lieber über seine Erfolge: Beispielsweise über eine Frau aus dem Irak mit deutschem Pass, der er dabei helfen konnte, nach elf Jahren endlich eine Einreiseerlaubnis für Großbritannien zu bekommen, um die dort lebenden Familienmitglieder zu besuchen. Solche Lichtblicke machen ihn stolz, zumal für ihn schon lange klar ist: „Deutschland ist meine Heimat.“

(tt.)

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