Trotz Krieg erstaunlich dynamisch und innovativ
IHK-Veranstaltung: Welche Chancen bieten sich für mittelfränkische Unternehmen in der Ukraine?
Die Ukraine bleibt trotz des andauernden Krieges auf einem wirtschaftlichen Wachstumspfad. Vor diesem Hintergrund informierten sich zahlreiche Unternehmerinnen und Unternehmer bei der Informationsveranstaltung „Ukraine – Märkte.Partner.Chancen“ in der IHK Nürnberg für Mittelfranken über die aktuellen Rahmenbedingungen, Absatzmärkte und rechtlichen Leitplanken im Ukraine-Geschäft. Die Kernbotschaft der Experten von der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) sowie der Bundesgesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI) war deutlich: Der wirtschaftliche Wiederaufbau ist eine immense Aufgabe, bietet aber schon heute greifbare Chancen für Technologielieferanten, Dienstleister sowie Konsum- und Investitionsgüterhersteller. Obwohl die ukrainische Wirtschaft eine bemerkenswerte Resilienz zeigt, ist der geschäftliche Alltag natürlich von massiven Herausforderungen geprägt, so DIHK-Außenwirtschaftsexperte Stefan Kägebein.
Reisen und Aufenthalte in der Ukraine: Reiner Perau, seit drei Jahren Geschäftsführer der Deutsch-Ukrainischen Auslandshandelskammer (AHK) in Kiew, machte Mut, in die Ukraine zu reisen. Es sei ein gut funktionierendes Land, in dem die öffentliche Ordnung trotz Krieg vollständig gegeben sei. „Kommen Sie her! Knüpfen Sie persönliche Kontakte und lassen Sie sich über den nicht leichten Markt beraten!“ Man solle sich von Reisen nicht abschrecken lassen, über Reisewege und Sicherheitshinweise informiere der Reiseleitfaden auf der AHK-Homepage. Perau zeigte sich begeistert von dem gewaltigen technologischen Know-how des Landes, die große Zahl von Start-ups und die wirtschaftliche Dynamik. All dies bestätigte auch Oleksii Antoniuk von der Diehl Metering GmbH in Nürnberg, die schon seit mehreren Jahren in den Bereichen Wasser- und Wärmemanagement vor Ort aktiv ist: „Die Ukrainer haben Lust auf Innovation und Technologietransfer!“
Ukraine: Plattform für Verteidigungsprojekte
Die Deutsch-Ukrainische Auslandshandelskammer (AHK) hat eine neue Datenbank gestartet, um Kooperationen von deutschen und ukrainischen Unternehmen in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI) anzubahnen. Die AHK Ukraine will dadurch Kooperationen mit ukrainischen Rüstungsfirmen erleichtern, um beispielsweise Joint-Ventures für ukrainische Produktion in Deutschland zu etablieren.
AHK Ukraine
adrian.schairer@ukraine.ahk.de
https://ukraine.ahk.de/de
Branchen mit Potenzial für deutsche Unternehmen: Weil der Wiederaufbau bereits angegangen wird, ergeben sich für deutsche Unternehmen zahlreiche Chancen im klassischen Bausektor und in der Transport- und Logistikbranche. Potenziale bieten vor allem auch die Verteidigungs- und Sicherheitswirtschaft und das IT-Sourcing. Auch im Energiesektor, der wegen der russischen Angriffe stark dezentralisiert wird, ist deutsches Know-how gefragt, berichtete Michal Wozniak von Germany Trade & Invest in Berlin. Um die Energie-Wintervorsorge zu unterstützen, laufen bereits umfangreiche Spenden- und Hilfskampagnen des Bundeswirtschaftsministeriums und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), bei denen deutsche Unternehmen dringend benötigte technische Güter wie Transformatoren oder Generatoren bereitstellen können. Weiteres Potenzial versprechen die Branchen Agrar- und Lebensmittelwirtschaft, Gesundheit und Rohstoffe. Um die Zusammenarbeit zu vertiefen, wurde eine deutsch-ukrainische Arbeitsgruppe eingerichtet, die unter anderem die Datenlage zu den reichhaltigen ukrainischen Rohstoffvorkommen verbessern soll
Online-Plattformen für Ausschreibungen und Projekte: Für deutsche Anbieter, die sich an öffentlichen Wiederaufbauprojekten oder internationalen Ausschreibungen beteiligen möchten, sind Online-Plattformen der Schlüssel. Neben dem staatlichen Vergabeportal „Prozorro“ gewinnt „Dream“ (Digital Restoration Ecosystem for Accountable Management) an Bedeutung: Darüber können Schäden, Finanzierungsbedarfe und der exakte Status von Projekten lückenlos und transparent nachverfolgt werden.
Zahlungsverkehr: Wer in der Ukraine geschäftlich aktiv wird, muss die Besonderheiten des geltenden Kriegsrechts genau kennen. Dieses wird regelmäßig um 90 Tage verlängert und stattet die Regierung mit erweiterten Rechten aus, um flexibel auf die aktuelle Lage zu reagieren, berichtete Yevgeniya Rozhyna von Germany Trade & Invest (GTAI) in Berlin. Für Erleichterung im Handelsalltag sorgte die schrittweise Lockerung der strikten Zahlungsbeschränkungen. Grenzüberschreitende Zahlungen für gelieferte Waren, Dienstleistungen und Lizenzen sind wieder möglich. Allerdings überwachen die Banken den Zahlungsverkehr streng und fordern im Zuge von Compliance- und Sanktionsprüfungen umfangreiche Dokumente an.
Steuersystem und Zölle: Das ukrainische Steuersystem bietet im regionalen Vergleich recht moderate Sätze. Die Körperschaft- und die Einkommensteuer bewegen sich auf einem investorenfreundlichen Niveau, ergänzt durch eine kriegsbedingte Militärsonderabgabe auf das Einkommen physischer Personen. Wichtig für Dienstleister ohne eigene Betriebsstätte vor Ort: Erbringt ein ausländisches Unternehmen Dienstleistungen an einen ukrainischen Kunden, greift in der Regel das Reverse-Charge-Verfahren, bei dem der lokale Empfänger die Umsatzsteuer direkt abführen muss. Ein Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und der Ukraine schützt zudem verlässlich vor steuerlicher Doppelbelastung. Laut Yevgeniya Rozhyna sollten die Unternehmen genau darauf achten, bei welchen Aktivitäten eine steuerpflichtige Betriebsstätte entsteht. Beispiele sind Büro, Werkstätte, Baustelle, Montageprojekte über zwölf Monate sowie Personen in der Ukraine, die regelmäßig Verträge für das ausländische Unternehmen vorbereiten oder abschließen. Im Zollbereich gewährt das Land weitreichende Freiheiten. Durch das Freihandelsabkommen ist der Großteil der Industrie- und Konsumgüter zollfrei; lediglich im Agrar- und Lebensmittelbereich fallen moderate Zölle an. Als kriegsbedingte Erleichterung gilt zudem ein Zahlungsaufschub bei der Einfuhr bestimmter Militär- und Verteidigungsgüter für staatliche Endempfänger.
Arbeitsrecht: Große Beachtung müssen Unternehmen dem Arbeitsrecht schenken, das historisch bedingt sehr arbeitnehmerfreundlich ist. Allerdings soll es durch eine umfassende Gesetzesnovelle in absehbarer Zeit modernisiert werden. Während der Dauer des Kriegsrechts hat die Ukraine außerdem flexiblere Regelungen zugelassen (z.B. bei Kündigungsfristen oder Arbeitszeiten). Sollen deutsche Mitarbeiter in die Ukraine entsandt werden, ist zwingend eine Arbeitserlaubnis erforderlich, die vom ukrainischen Partner beim regionalen Beschäftigungszentrum beantragt werden muss.
Förderprogramme: Um die Risiken eines Engagements in der Ukraine zu minimieren, bietet die Bundesregierung maßgeschneiderte Instrumente an. Über die Exportkreditgarantien (Hermesdeckungen) lassen sich Zahlungsausfälle absichern. Besonders relevant sind auch die staatlichen Investitionsgarantien, die einen umfassenden Schutz vor politischen Risiken und direkten Kriegsfolgen bieten. Ergänzend unterstützen Förderprogramme wie develoPPP (Zuschüsse für Investitionen und den Ausbau der operativen Tätigkeit) oder das Programm „Ukraine Connect“ (Vorzugsdarlehen bis fünf Mio. Euro).
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Dipl.-Geograph Christian Hartmann
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