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Zeiten, die von technologischen Umbrüchen und geopolitischen Krisen geprägt sind, verlangen danach, innezuhalten und über langfristige Lösungen nachzudenken. Bei einer Veranstaltung aus der Reihe „IHK trifft Wissenschaft“ plädierte Prof. Dr. Daniel Hess, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums (GNM), für neue Denkansätze: Ohne kulturelles Gedächtnis und historisches Urteilsvermögen verliere eine Gesellschaft und mit ihr die Wirtschaft ihre Zukunftsfähigkeit.

„Wirtschaft findet nicht im luftleeren Raum statt“, betonte auch IHK-Hauptgeschäftsführer Markus Lötzsch bei seiner Begrüßung im „Feuerbachsaal“. Er zeigte dabei auf das große Wandgemälde im Saal – „Kaiser Ludwig der Bayern erteilt Nürnberger Bürgern Privilegien“ von Anselm Feuerbach (1877/78). Es erinnere daran, dass nachhaltiger Erfolg seit jeher auf verlässlichen Rahmenbedingungen und gesellschaftlichem Vertrauen fußt.

In seinem Vortrag „Keine Zukunft ohne Kultur und Geschichte – Ein Denkanstoß“ warnte Hess davor, Geschichte, Kultur und Geisteswissenschaften als verzichtbare „Begleitmusik“ abzutun. Aktuell stünden diese Disziplinen unter Rechtfertigungsdruck, da Förderpolitik und öffentliche Debatten fast ausschließlich auf Technologie und kurzfristige Effizienz fokussiert seien. Hess argumentierte, dass modernen Demokratien die Zukunftsvorstellung abhanden komme, wenn sie sich darauf beschränken, eine krisenbehaftete Gegenwart endlos fortzuschreiben. „Zukunft entsteht aber nicht nur durch neue Technologien und wirtschaftliches Wachstum, sondern auch durch die Fähigkeit, sich alternative Entwicklungen vorstellen zu können“, so Hess. Diese Vorstellungskraft speise sich wesentlich aus historischen Erfahrungen.

Wie sehr unsere Wahrnehmung von Vorwissen geprägt ist, verdeutlichte Hess am Beispiel des berühmten Behaim-Globus. Martin Behaim kartierte die Welt 1492 auf Basis alter Reiseberichte Marco Polos. Das Ergebnis: Kolumbus „sah“ bei seiner Landung das, was er zu finden glaubte – Asien statt Amerika. Diese historische Lektion zeigt laut Hess, dass Wissen stets von der Perspektive abhängig ist – eine Erkenntnis, die heute für internationales Management und globale Kooperation wichtiger sei denn je.

Geschichte liefert keine direkten Handlungsan­weisungen, aber sie schärft das Urteilsvermögen.

Prof. Dr. Daniel Hess Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums (GNM)

Beispielsweise beim Thema Nachhaltigkeit erweise sich der Blick in die Geschichte, auch in die Nürnberger Stadtgeschichte, als Goldgrube:

  • Nürnberger Waldordnung von 1368: Lange vor den modernen Umweltdebatten entwickelte Peter Stromer das erste umfassende Nachhaltigkeitskonzept. Um die durch die intensive Nutzung dezimierten Bestände zu retten, wurde der Wald als strategisches Rohstoffdepot strikt verwaltet – inklusive Schonzeiten für „Bienenbäume“, um die Honigversorgung für die Nürnberger Lebkuchen sicherzustellen.
  • Entwürfe für Dachgärten im 17. Jahrhundert: Schon damals kämpfte die „Steinstadt“ Nürnberg mit fehlenden Grünflächen. Hess zeigte auf, dass Konzepte zur Fassadenbegrünung, wie sie heute für die Landesgartenschau 2030 diskutiert werden, bereits vor 400 Jahren als Lösung für urbanes Leben angedacht waren.
  • frühe „Sharing Economy“: Am Beispiel der Bodenseefischerei und der Alpennutzung verdeutlichte Hess, dass gemeinschaftliche Ressourcennutzung und Selbstorganisation über Jahrhunderte funktionierten – ein Modell, das dem modernen „Homo oeconomicus“ den kooperativen Menschen gegenüberstellt.

„Geschichte liefert keine direkten Handlungsanweisungen, aber sie schärft das Urteilsvermögen“, resümierte Hess. Kultur schaffe Räume, um frei von Vorurteilen und jenseits politischer Polarisierung über Herausforderungen zu diskutieren. Kultur und Geschichte seien also kein Luxus, sondern die Basis für verantwortungsvolle wirtschaftliche Entscheidungen für die Welt von morgen.

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